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Erfindungsgeist:Licht für Moodbidri

Tragbare Energie: Denim D'costa will mit seiner Erfindung verhindern, dass Menschen in seiner Heimat Indien und anderen Entwicklungsregionen ohne Elektrizität leben müssen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Denim D'costa arbeitet an der TU München an einer tragbaren Batterie, die von einer kleinen Solarzelle aufgeladen wird. In seinem Heimatland Indien müssen immer noch sehr viele Menschen ohne Strom leben

Manchmal verschwammen Denim D'costa im Schein der flackernden Kerosinlampe die Zahlen und Buchstaben vor Augen. Nicht immer schaffte er bis zum Einbruch der Dunkelheit seine Hausaufgaben. Es war dann mühsam, sie im Halbdunkeln für den nächsten Tag fertigzubringen. Im Haus seiner Eltern leuchtete oft tagelang keine Glühbirne. Stromausfall gehört zum Alltag in dem Ort, in dem Denim D'costa aufwuchs. Er stammt aus Moodbidri im südindischen Bundesstaat Karnataka. Dort wackelt die Versorgung mit Elektrizität in manchen Gegenden immer noch.

D'costa ist 29 Jahre alt, hat eine knabenhafte Statur, große braune Augen und ein noch größeres Lächeln. Auch bei sehr ernsten Themen, etwa die schwere Krankheit seiner Mutter, verschwindet es nicht aus seinem Gesicht. Mehr dazu später.

Der gebürtige Inder lebt jetzt seit vier Jahren in München und studiert an der Technischen Universität (TU). Seine Kindheit liegt eine Weile zurück, er hat ein Zimmer in einem Studentenwohnheim gefunden, trifft sich mit Freunden, arbeitet. Die vielen dunklen Abende in seinem "village", wie er Moodbidri nennt, in dem immerhin 45 000 Menschen leben, haben ihn nie losgelassen. Seine Erinnerungen sind auch über seine Nase gespeichert. Es ist der für diesen Teil der Welt so typische Geruch von sauerscharfen Gewürzen und verbranntem Kerosin. In München wäre er nur zu riechen, wenn jemand im Sommer auf dem Rollfeld des Flughafens ein Curry kochen würde. "Wir waren daran gewöhnt", sagt Denim D'costa. Abgefunden aber hat er sich damit nicht. Er arbeitet intensiv daran, solche Situationen, wie er sie erlebt hat und von denen viele Menschen betroffen sind, zu verbessern. 1,2 Milliarden Menschen weltweit, so wird geschätzt, haben keine oder eine nur schlechte Stromversorgung dort, wo sie leben. Das bedeutet: Sie haben keine verlässlichen Lichtquellen, keinen konstant funktionierenden Kühlschrank, vorübergehend keine Möglichkeit, ihr Telefon aufzuladen oder den Computer anzuschließen.

Ein buntes Plastikspielzeug aus seiner Kindheit, das sich mit einer kleinem Solarzelle bewegen konnte, hat D'costa auf den Gedanken gebracht, die Sonne als Stromlieferant für den Alltag zu nutzen. Das ist prinzipiell nicht mehr neu. Aber D'costa geht es nicht um festinstallierte Solarenergieplatten auf Hausdächern, wie man sie häufig in westlichen Ländern findet. Sondern um eine tragbare und vor allem kostengünstige Stromquelle. Die Idee: eine Box, etwa so groß wie eine Autobatterie, die von der Sonne gespeist nach Bedarf Strom abgibt. Und wie es zu sein scheint, ist er auf dem allerbesten Weg, seine Vision umzusetzen. Es gehe nicht nur um Licht, sagt D'costa. Er denkt vielmehr auch an die Möglichkeit, die traditionelle Art des Kochens in Indien zu verändern. Denn noch immer wird mancherorts im Haus über offenen Feuerquellen das Essen zubereitet. Das ist grundsätzlich gesundheitsschädlich, kann aber, wenn es keinen Rauchabzug gibt, zu schweren Kohlenmonoxidvergiftungen führen. Leider immer wieder mal mit tragischem Ausgang.

D'costa begann schon während seiner ersten Studienjahre im indischen Mysore, an einem solarbetriebenen Kocher zu arbeiten. Zusammen mit drei Kollegen entwickelte er einen Businessplan und einen Prototypen. Ihre Ergebnisse wurden als "Innovatives Bachelorarbeit-Projekt" von der indischen Regierung ausgezeichnet. Und sie verschafften D'costa einen Arbeitsplatz. Er zog nach Mumbai, wo er eine Stelle als Ingenieur und Projektleiter bei Tata Consulting Engineers LTD begann. Die Firma bot ihm die Chance, seine Idee professionell weiterzubringen. Er reiste zum ersten Mal nach Afrika, lotete dort die wirtschaftlichen Möglichkeiten für seinen Solarkocher aus. Er hatte einen Job, der ihm gefiel, aber das Leben kaum bezahlte. Er wollte weiterstudieren und raus aus Indien.

Er spricht perfekt Englisch und dachte daran, in die USA zu seiner Schwester zu ziehen. Oder nach England. Die Studiengebühren hätten die Familie überfordert. Sein Vater betrieb einen kleinen Lebensmittelladen, seine Mutter arbeitete bei der Post. Ihre Einkommen reichten nicht für den Sprung ins anglofone Ausland. So kam die Idee, sich in München zu bewerben. Hierfür braucht es eine fünfstellige Summe als Garantie. Die Familie war bereit, dafür einen Kredit aufzunehmen. D'costa schickte seine Zeugnisse an die TU, wurde via Skype interviewt und bekam einen positiven Bescheid. Am 9. Oktober 2016 landete er in München.

Inzwischen aber war D'costas Mutter krank geworden. Ihre Nieren arbeiteten nicht mehr so, wie sie sollten. Ihr Körper vergiftete sich. Die Ärzte sprachen von Dialyse oder einer Transplantation. Beides ist finanziell katastrophal für die Familie, weil sie nicht krankenversichert ist. Die Mutter wurde immer schwächer, musste ihren Job aufgeben. Und der Sohn saß in München, bereitete sich auf seinen Master in Energieversorgung vor. Gedanklich war er bei seinen Eltern. Spontan hatte er angeboten, eine Niere zu spenden. Doch auch die Schwester der Mutter wollte das tun.

Im Februar 2016 dann kam ein Anruf aus Indien: Der Mama gehe es gar nicht gut, trotz der Dialyse hatte sich ihre Situation verschlechtert. Denim D'costa stieg ins Flugzeug Richtung Indien, bereit zu spenden. Bange Wochen begannen. Die Ärzte lehnten seine Niere ab. Vorerst jedenfalls. Ein Sohn, noch dazu unverheiratet, könne seiner Mutter ein so großes Opfer nicht bringen, sagten sie. Er würde doch mit nur einer Niere nie mehr eine Frau finden. So einen Fall hatten sie im Krankenhaus in Mangalore noch nicht erlebt. Als die Mutter schließlich kollabierte, die Tante Angst bekam, durfte Denim schließlich Spender werden. Keine Sekunde habe er daran gezweifelt, sagt er. Das Leben seiner Mutter sei ihm wichtiger als alles andere gewesen. Ihr geht es inzwischen wieder gut. Und er lebe ganz normal mit nur einer Niere, sagt er und wischt jeden Zweifel mit einem Lachen weg, als ob er sich nur in den Finger geschnitten hätte.

D'costa kam zurück nach München und fällt weiter auf durch sein Leistungen. Im Oktober wurde er vom Solarenergieförderverein Bayern für seine Masterarbeit ausgezeichnet, in dem er nicht nur die tragbare "Energieversorgungseinheit mit Photovoltaik-Modul" beschreibt, sondern auch ein Hybridsystem mit erneuerbaren Energien, um ein kleines Stromversorgungsnetz zu installieren. Zu dem Betrag, der das Studium in München garantiert, sind nun noch die Schulden der Operationen gekommen. Ein Stipendium der Erzdiözese München und Freising von monatlich 450 Euro hilft. Er ist einer von derzeit 34 Stipendiaten, die allerdings nicht älter als 30 Jahre alt sein dürfen. Denim ist nun 29. Die Schwester ist in den USA geblieben und zahlt den Kredit mit ab. D'costa möchte in München bleiben und Geld verdienen. Vor allem aber seine tragbare Energiebox produzieren. Am liebsten in Serie, millionenfach.