bedeckt München
vgwortpixel

Erfahrung sammeln:Gutes tun und die Welt erkunden

Erstmal alles anschauen: Bei der Messe im Gasteig bekommen Jugendliche stapelweise Infos.

(Foto: Moses Omeogo)

Nach der Schule zieht es viele in die Ferne. Auf der Messe "Wege ins Ausland" gibt es Tipps und ernste Hinweise

Die USA? Die seien mit das beste Ziel, um als Au-pair ins Ausland zu gehen, hört Carina am Stand der Agentur "Abroad Connection". Dort würden Au-pairs gut betreut. Umgekehrt müssten sie schon Erfahrung mitbringen, 250 Stunden in der Kinderbetreuung, heißt es, "bei Kindern, mit denen man nicht verwandt ist". Aber ob sie sich wirklich ein Jahr lang um fremde Kinder kümmern will? Die 17-Jährige nimmt sich erst einmal einen Packen Broschüren und zieht weiter.

"Wir schauen uns erstmal alles an", sagt Carina. Es ist Dienstagnachmittag, und die Gymnasiastin ist mit ihrer Freundin Hannah zur Jugendinformationsmesse "Wege ins Ausland" in den Gasteig gekommen. "Wir überlegen beide, was wir nach der Schule machen wollen", sagt Carina. "Das weiß man ja nie so genau. Aber es spricht einen jeder drauf an." Auf der Messe haben sie jetzt große Auswahl: Hier informieren Agenturen über eine Zeit als Au-pair, dort klärt ein Verein über Freiwilligendienste auf, nebenan gibt es Tipps zu Sprachreisen. Und später gebe es einen Vortrag über ein Studium im Ausland, den wollten sie noch hören, sagen die zwei Schülerinnen. "Im Ausland studieren, vielleicht auch in den USA, das wäre ziemlich cool", sagt Hannah. Sie spreche ja schon die Sprache, und die Universitäten seien gut. "Und man ist weit weg, also unabhängig von den Eltern."

Ein Auslandsaufenthalt sei unter Schülerinnen und Schülern zunehmend begehrt, sagt Stephan Hadrava vom Jugendinformationszentrum (JIZ), das mit der Stadtbibliothek, der Arbeitsagentur und der Jungen Volkshochschule bereits zum vierten Mal die Messe "Wege ins Ausland" organisiert hat. 1000 bis 1500 Besucher zähle man jedes Mal, die meisten seien Schüler in den letzten Jahrgängen vor dem Abschluss. Wie groß die Nachfrage sei, sehe man aber schon an den vielen verschiedenen Messen, die etwa "Auf in die Welt" heißen oder "Jugendbildungsmesse". "Wege ins Ausland" aber sei anders, sagt Hadrava. Denn die meisten Messen seien kommerziell, diese aber nicht. "Wir verlangen kein Geld." Deshalb seien unter den 34 Ausstellern viele gemeinnützige Organisationen, die sich anderswo die Standgebühren nicht leisten könnten. Die Messe sei ein "kommerzfreier Raum", sagt Karina Fink von der Stadtbibliothek. "Unser Auftrag ist Informieren."

So gibt es in den 14 Referaten und Filmvorführungen auch keine Werbung von Firmen, stattdessen bestreiten die Veranstalter den Großteil der Vorträge selbst. Sie weisen dann zum Beispiel darauf hin, dass es nicht Australien sein muss. Man könne auch einen Auslandsaufenthalt in Polen oder in Lettland planen, sagt Fink, das sei auch besser für die CO₂-Bilanz. Oder sie klären auf, wieso Freiwilligenarbeit auch problematisch sein kann: etwa wenn europäische Jugendliche ohne jede pädagogische Ausbildung mit Kindern arbeiten sollen.

Gerade bei Projekten im sogenannten globalen Süden gebe es große Unterschiede, sagt Simon Primus von dem Verein "Commit". Wichtig sei vor allem, dass Auslandsaufenthalte gut vor- und nachbereitet würden, und dass die Partnerländer als mündig dargestellt werden. Andernfalls verfestige sich ein kolonialistisches Weltbild, das die Erde einteile in entwickelte und hilfsbedürftige Länder. Es müsse auch nicht immer ein "Hilfsprojekt" sein, sagt Primus. Ein "Praktikum" tue es auch.

"Commit" existiert seit 2003. Bis 2009 hat der Verein selbst Freiwilligenprojekte organisiert. Dann habe man erkannt, dass Freiwillige aus Europa nicht dafür qualifiziert seien, um zum Beispiel die Folgen des Bürgerkriegs in Sierra Leone aufzuarbeiten. "Die Meinung hat sich durchgesetzt, dass wir da eigentlich nichts verloren haben", sagt Primus. Jetzt hält er Interessenten an, Projekte zu hinterfragen.

Die Besucher der Messe hätten vor allem zwei Motive, sagt Stephan Hadrava vom JIZ. Um einen Schüleraustausch gehe es selten; dafür seien die meisten Besucher schon zu alt. Vielmehr wollten sich die einen sozial engagieren. Die anderen wollten reisen und das mit einem Job verbinden, auch, um sich das Reisen überhaupt leisten zu können. Als Reiseländer begehrt seien hierbei klassisch Australien und Neuseeland, sagt Christin Rötzer vom American Institute for Foreign Study (AIFS), das unter anderem zu "Work & Travel"-Reisen berät. Aktuell sei Japan im Kommen, weil das Land als Reiseziel noch eher ungewöhnlich sei. Das AIFS hilft den Schülerinnen und Schülern dann bei der Organisation und gibt Tipps für die Jobsuche vor Ort.

Schräg gegenüber von Rötzer hält Ivy Owusu-Dartey Ausschau. Sie arbeitet für ein Kompetenzzentrum des Programms "Weltwärts" des deutschen Bundesentwicklungsministeriums. Eben hat sie zwei junge Frauen ermuntert, sich um Stipendien zu bewerben. Jetzt sagt sie, sie suche gezielt nach Leuten mit Migrationshintergrund, denn diese gingen viel zu selten ins Ausland. "Bei uns machen vor allem weiße Frauen aus gutbürgerlichen Haushalten mit", sagt Owusu-Dartey. Menschen unter anderem mit Migrationshintergrund seien dagegen deutlich unterrepräsentiert. "Oft glauben sie, dass man für einen Auslandsaufenthalt ein Einser-Schüler sein muss", sagt sie. Oder sie dächten, dass das zu teuer sei, und sie wollten ihre Eltern nicht belasten. Oder sie wüssten einfach nichts davon, weil in ihrem Freundeskreis ja auch niemand ins Ausland gehe.

Das müsse sich ändern, findet Owusu-Dartey. Nicht nur, weil alle die Möglichkeit haben sollten, globale Zusammenhänge zu verstehen und zu sehen, "dass es vielleicht nicht so toll ist, wenn wir unseren Elektroschrott nach Ghana verschiffen", sagt sie. Sondern auch, weil es zum Beispiel für afrikanisch-stämmige Deutsche interessant sei, sich im Land des Vaters oder der Mutter mit der eigenen Identität zu beschäftigen und vielleicht die Sprache zu lernen. "Und es geht ja auch um Chancen", sagt sie. Für eine Bewerbung sei es gut, wenn im Lebenslauf ein Auslandsaufenthalt steht.