Süddeutsche Zeitung

Zuständig für die Landkreise Erding, Freising, Ebersberg und Dachau:Der Mix ist die Stärke

Karin Weber verabschiedet sich nach 13 Jahren als Leiterin der Agentur für Arbeit, bei einer Quote von 2,0 Prozent Arbeitslosen. Die Situation war schon immer gut, sagt sie, der Flughafen nur das Sahnehäubchen

13 Jahre lang hat Karin Weber die Agentur für Arbeit in Freising geleitet. Zunächst war diese nur für die Landkreise Freising und Erding zuständig, 2012 kamen Dachau und Ebersberg dazu. Anfang Mai ist Weber, 65, in den Ruhestand gegangen und zieht demnächst wieder zurück in ihre Heimat Fürth. Dass ihr die Arbeit ein wenig fehlt, gibt sie unumwunden zu. Die SZ sprach mit ihr über ihre Zeit in Freising und was sie nun vorhat.

SZ: Wenn Sie Bilanz ziehen: Es muss doch Spaß gemacht haben, hier zu arbeiten. Die Arbeitslosenquote ist von 4,4 Prozent 2006 auf 2,0 im April 2019 gesunken.

Karin Weber: Ja, es hat immer Spaß gemacht. Ich bin jeden Tag gerne ins Büro gegangen, auch wenn es mal kritische Situationen gegeben hat. Betriebe mussten schließen, es gab die Finanzkrise, es gab Müller-Brot: Da musste man die Ärmel schon richtig hochkrempeln und hat sich Sorgen gemacht, was mit den Menschen passiert, die ihren Job verlieren.

Haben Sie nach der Insolvenz von Müller-Brot 2012 schnell helfen können?

Ja, wir haben ein gutes Krisenmanagement aufgebaut. Damals waren 1200 Arbeitnehmer betroffen, bei uns waren es um die 700. Innerhalb von wenigen Tagen haben wir die Mitarbeiter informiert, was sie jetzt unternehmen müssen, und uns den Fragen vor Ort gestellt. Mit der Organisationskunst unserer Teamleiter haben wir das ganz gut in den Griff bekommen.

Haben die meisten Mitarbeiter mittelfristig wieder eine Perspektive gefunden?

Nach drei Jahren hatten wir fast alle wieder in Arbeit gebracht. Es waren aber einige dabei, die nicht so gute Sprachkenntnisse hatten und die sich da fit machen mussten. Die Integrationsaktivitäten waren nicht ganz leicht.

Worauf führen Sie die positive Situation hier zurück, ist es allein der Flughafen?

Die Situation in Freising war schon immer gut. Das Besondere ist die Struktur von kleinen und mittelständischen Betrieben in ganz unterschiedlichen Branchen. Dieser Mix ist eine Stärke. Auch die Treue der Arbeitgeber zu ihren Mitarbeitern ist wichtig. In Familienbetrieben entlässt man sie nicht so schnell, wenn es mal schwierig wird. Dann kam der Flughafen noch dazu. Von den Rahmenbedingungen her ist das einzigartig in Deutschland.

Was hat Sie bewogen, vor 13 Jahren nach Freising zu kommen.

Ich war schon über 20 Jahre bei der Bundesanstalt für Arbeit in Coburg, Würzburg, München, Nürnberg, Memmingen, eine Zeit lang in Sachsen. In der Regionaldirektion Bayern habe ich dann einen Pool von Agenturen betreut, da war auch Freising dabei. Ich wusste, das ist eine Agentur, die hat sehr viel Reiz, ist innovativ, hat aber auch eine Tradition. Viele befürchteten damals, dass sie an München angekoppelt wird. Doch 2012 ist die Agentur in Freising doppelt so groß geworden. Sie war eine von nur dreien, die gewachsen sind.

Was waren die größten Herausforderungen in dieser Zeit?

2009 die Finanzkrise, wie in den anderen Agenturen auch. Viele Unternehmen haben an Auftragsmangel gelitten. Die Politik in Deutschland hat zum Glück dafür gesorgt, dass die Kurzarbeiterregelung erweitert wurde. Durch diese geschickte Gesetzgebung konnten viele Betriebe ihre Mitarbeiter behalten. Hier regional hatten wir die Herausforderungen durch Firmenschließungen: Avon, der Autozulieferer Kittel, dann Müller-Brot und erst vor kurzem das Problem mit Air Berlin. Wenn Unternehmen Probleme haben, dann haben wir auch Sorgen.

Trotz der guten Arbeitsmarktzahlen gibt es Personenkreise, zum Beispiel Alleinerziehende, die sich schwer tun, eine Stelle zu finden. Was muss geschehen?

Beim Punkt Alleinerziehende ist schon etwas auf dem Weg. Wir haben eine intensive Betreuung in den Jobcentern, hier liegt ein großer Schwerpunkt. Die Realität, einen Platz in Kindertagesstätten zu bekommen, hat sich seit 2006 verbessert. Was immer noch entwicklungsfähig ist, sind die Öffnungszeiten. Im Verkauf, in der Gastronomie müssen auch die Randzeiten bestückt werden. Besser ist es bei Büroberufen. Da haben sie mit Telearbeit viel mehr Möglichkeiten als noch 2006. In den Jobcentern, aber auch in der Agentur haben wir eine Beauftragte für Chancengleichheit, die sich speziell um Mütter oder Berufsrückkehrer kümmert.

Für Langzeitarbeitslose sind die Jobcenter zuständig. Oft hört man den Vorwurf, sie würden ihr Klientel nur verwalten.

Wir haben einen relativ geringen Anteil arbeitsloser Menschen in den Jobcentern. In den nördlichen Bezirken Deutschlands liegt er bei etwa 70 Prozent. In Südbayern sind es 33 Prozent. Fakt ist aber: Menschen, die bei dem Arbeitsmarkt hier länger arbeitslos sind, haben Vermittlungshemmnisse. Dazu gehören nicht nur Gesundheits-, sondern auch Schuldenprobleme oder die familiäre Situation. Sie müssen zum Teil vielfältig gecoacht werden.

Wie geschieht dies?

Es gibt zum Beispiel ein Projekt, das unsere Kunden berät und medizinische Gutachten erläutert - für sie übersetzt, was sie noch machen können. Viele empfinden es als sehr positiv, dass sich jemand so viel Zeit nimmt und das in einer verständlichen Sprache. Das ist ein wirkliches Erfolgsmodell. Manche sind nach vielen Jahren von Enttäuschungen geprägt.

Hat Hartz-IV etwas gebracht?

Ich glaube schon, dass es der richtige Weg war, Jobcenter für Langzeitarbeitslose zu bilden, in denen kommunale Bereiche wie Jugendämter, Sozialämter und Schuldnerberatung mit den Spezialisten der Arbeitsagentur zusammenarbeiten.

Was werden in den kommenden Jahren die größten Probleme auf dem Freisinger Arbeitsmarkt sein?

Der Fachkräftemangel beschäftigt uns schon seit zehn Jahren. Wir müssen Menschen für Fachtätigkeiten qualifizieren. Aber wir werden auch Zuwanderung brauchen.

Welche Erinnerungen an Freising bleiben nach 13 Jahren?

Ich habe sehr interessante Menschen kennengelernt, ich habe einen kleinen Freundeskreis gewonnen und ein bisschen Wurzeln geschlagen. Was mir auch in Erinnerung bleibt, ist diese wunderbare Landschaft, ich bin sehr naturbezogen. Das ist ein Traum, wenn wir manchmal bei Föhn die Berge sehen. Die Menschen sind heimatbezogen - und sie sind einander zugewandt. Ich mag die Franken, wenn sie die gewonnen haben, sind sie die besten Freunde. Aber sich am Wochenmarkt einfach miteinander hinstellen und plaudern, das passiert hier im Oberbayerischen öfter. Das ist eine Besonderheit. Als Zugezogener nimmt man das anders wahr.

Was haben Sie sich für die nächste Zeit vorgenommen?

Ich bin gerne in der Natur unterwegs, gehe wandern, mit Freunden, mit meiner Familie, radeln. Aber ich bin auch wissbegierig. Ich will mich weiterbilden - Stichwort lebenslanges Lernen - und interessiere mich für Heilkunst, für Akupunktur.

Aber ganz angekommen sind Sie noch nicht in Ihrer Freizeit?

Nein, ich bin ehrlich. Ich stehe immer noch um sechs Uhr auf. Aber ich koche ein bisschen intensiver. Ich glaube, jeder braucht eine Übergangszeit. Ich gebe mir mal ein halbes Jahr (lacht). Wissen Sie was: Ich bilde mich jetzt in IT weiter, ich habe gemerkt, wie gut ich hier in der Agentur immer unterstützt war. Jetzt will ich selbst wissen, was mein Computer so alles kann.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4487302
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 15.06.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.