Ein mutmaßlicher Wolfsriss am Stadtrand von Dorfen hat manche Bürger beunruhigt, weil der völlig abgenagte Kadaver eines Rehbocks nur 200 Meter vom Schulzentrum gefunden worden war. Wölfe gelten im Allgemeinen als scheu, doch in diesem Fall hat sich das Tier sehr nahe an eine menschliche Siedlung herangewagt. Der Kreisjagdverbandsvorsitzende Thomas Schreder warnt jedoch vor Panikmache: Man könne davon ausgehen, dass der Wolf längst weitergezogen ist und Menschen im Regelfall meidet.
Jakob Maier, Kreisobmann des Bauernverbandes Erding, ist bislang kein Riss eines Nutztieres im Landkreis durch einen Wolf bekannt. Auch die Bezirksbäuerin Irmgard Posch, die auch die angrenzenden Landkreise im Blick hat, weiß nichts von solchen Fällen. Selbst abseits gelegene Höfe meiden die Tiere offenbar. Der Wolf hat seine Scheu vor Menschen nicht verloren.
Thomas Schreder sagt, es sei kein Zufall, dass zeitnah ein Wolf bei Dorfen Spuren hinterlassen und in Hamburg ein weiterer eine Frau gebissen habe. Im Frühjahr werden die jungen Rüden aus dem Rudel vertrieben und müssen sich ein eigenes Revier suchen. Dazu müssen sie ihre geschützte Umgebung verlassen und geraten dabei gelegentlich an Menschen.
Von den Abruzzen aus haben Wölfe den Alpenraum besiedelt und von Sumava, dem Böhmerwald, auch den Bayerischen Wald. Woher der Dorfener Wolf gekommen sei, könne man daher nur vermuten. Auf der Suche nach neuen Revieren würden Wildtiere gewaltige Strecken zurücklegen: „Wir haben in den Isarauen mal einen jungen Rothirsch besendert, der ist bis zur Nord- und Ostsee gewandert“, erläutert Schreder. Und Wölfe ließen sich auch nicht davon abschrecken, gefährliche Bereiche wie Autobahnen zu queren. „Sie finden Wildquerungshilfen oder laufen über Brücken.“
Der Wolf macht kehrt, wenn er in immer dichter besiedelte Landkreise kommt
Heimisch würden sie in den dicht besiedelten Landkreisen rund um München nicht. Selbst größere Waldgebiete wie der Ebersberger Forst sind aus Sicht des Wolfes nicht geeignet: Weite Bereiche seien umzäunt, touristisch genutzt, es gebe viele menschliche Strukturen.
„Der Wolf braucht Deckung, Fressen, Unterschlupf“, sagt Schreder. Und vor allem suche er nach einem Revier mit einem Weibchen. „Es geht um die wildbiologischen Grundsätze Fressen und Fortpflanzen.“ Solche Reviere gebe es in der Region nicht, deshalb mache der Wolf kehrt, wenn er in immer dichter besiedelte Landkreise komme.
Wenn er allerdings, wie zuletzt in Hamburg, nicht den Rückweg finde, fühle er sich in die Enge getrieben und könne aggressiv werden. Damit sei aber nicht zu rechnen, wenn man ihm im Landkreis Erding auf weiter Flur begegne. „Eine Gefährdung ist dort unwahrscheinlich“, so Schreder. Dennoch sollte man Vorsichtsmaßnahmen einhalten, insbesondere wenn man mit einem Hund unterwegs sei. „Bei einer Sichtung würde ich den Hund unbedingt anleinen und dann rückwärts gehend den Platz verlassen.“
Wölfe seien faszinierende Tiere, betont Schreder. „Aber in unseren dicht besiedelten Landkreisen mit intensiver Nutzung durch Landwirtschaft, Sport, Freizeit und Tourismus ist das ein zu enger Lebensraum für den Wolf. Im Landkreis Erding wäre er eine Fehlbesetzung.“

