Landkreis Erding:Wohnungsnot erreicht die Mitte der Gesellschaft

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Landkreis Erding: Die beiden Sozialarbeiter Florian Attenberger und Brigitte Fischer betreuen die Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit.

Die beiden Sozialarbeiter Florian Attenberger und Brigitte Fischer betreuen die Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit.

(Foto: Thomas Daller/oh)

Die Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit verzeichnet steigenden Bedarf an Beratung. Die Lage ist seit Jahren angespannt und jetzt kommt auch noch der Preisschock bei den Kosten für Strom und Heizung.

Von Thomas Daller, Erding

Der Wohnungsmarkt im Landkreis Erding ist hart umkämpft. Wer hierher ziehen will, benötigt nicht nur ein gutes Einkommen, sondern oftmals auch Glück oder Beziehungen. Aber auch wer bereits hier lebt, kann in Gefahr geraten, seine Mietwohnung wieder zu verlieren. Bei Menschen mit geringem Einkommen kann es zu Mietschulden kommen oder der Vermieter meldet Eigenbedarf an. Die Caritas hat daher eine Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit eingerichtet. Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Bedarf an dieser Beratung und Hilfe hoch ist und weiter steigt.

Zuerst wurde dieses Angebot von Dezember 2020 bis Dezember 2021 mit einer befristeten Sonderförderung des Sozialministeriums finanziert. Als diese Förderung Ende 2021 ausgelaufen ist, haben sich alle Gemeinden des Landkreises finanziell daran beteiligt und seit Beginn dieses Jahres die Fachstelle dauerhaft eingerichtet, die mit jährlich 55 Cent pro Einwohner finanziert wird. Denn den Gemeinden fehlt die Zeit und die Kapazität, um sich selbst um diese Aufgabe zu kümmern.

In 34 Fällen konnte die Caritas im vergangenen Jahr eine Obdachlosigkeit verhindern

Das Geld ist gut angelegt, denn die Nachfrage wird immer höher. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 88 Bürger, die akut von Wohnungsnot bedroht waren und sich an die Fachstelle gewandt haben. Bei 34 Bürgern und deren Familien konnte die Caritas eine Obdachlosigkeit verhindern.

Die beiden Sozialarbeiter Brigitte Fischer und Florian Attenberger sind mit dieser Aufgabe betraut. Die Caritas beobachte diese Entwicklung bereits seit Jahren mit Sorge, sagte Fischer. "Das ist ein ganz großes Problem. Da stehen Schicksale dahinter." Und dieses Problem ist natürlich nicht auf den Landkreis Erding beschränkt. Ähnliche Beratungen biete die Caritas in der Landeshauptstadt sowie in einigen Landkreisen im Speckgürtel von München und anderen größeren Städten an.

Viele Mieter sind mit dem Kostenanstieg für Strom und Heizung überfordert

Mietschulden als Kündigungsgrund gab es auch früher schon, vor allem bei Menschen, die wegen körperlicher oder psychischer Krankheiten am Existenzminimum leben oder im Niedriglohnsektor arbeiten. Und von Eigenbedarfskündigungen sind häufig Senioren betroffen. Viele leben in kleineren Wohnungen, die von den Eigentümern oftmals dann benötigt werden, wenn die eigenen Kinder ausziehen und mittlerweile keine andere Wohnung mehr finden. Doch seit einigen Jahren sei es auch schwer für Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen geworden, eine Wohnung zu finden, wenn wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde, sagte Fischer. Hinzu kommt, dass aktuell auch das Problem der Mietschulden immer drängender werde. Viele Mieter seien mit den steigenden Kosten fürs Pendeln, für Strom und Heizung sowie der steigenden Inflation finanziell überfordert. "Wir bekommen täglich Anrufe", sagte Fischer.

Je eher jemand Beratung sucht, umso besser kann geholfen werden

Wenn ihre Hilfe benötigt wird und Mietschulden aufgelaufen sind, überprüfen Fischer und Attenberger die finanzielle Lage, ob alle Anträge zu Arbeitslosengeld eins und zwei eingereicht wurden, zu Wohngeld und Kindergeldzahlungen. "Je früher die Leute kommen, umso höher sind die Chancen, dass wir helfen können", sagte Fischer. Oftmals könne man mit Stiftungsmitteln helfen, die Mietzahlungen zu regulieren.

Außerdem könne man auch helfen, sich nach einer günstigeren Wohnung umzusehen. Innerhalb des Landkreises sei das schwierig, weil in Erding und Dorfen die Mieten hoch seien und es in den ländlicheren Bereichen wie im Holzland kaum Geschoßwohnungsbau mit Mietwohnungen gebe. "Viele gehen auch über die Landkreisgrenzen hinaus, unser Klientel ist meist nicht so landkreisgebunden. Nicht immer hat man hier den Rückhalt der Familie, ein soziales Netz von anderen, die schon immer hier leben."

Ein Wegzug bedeutet vor allem für Ältere oder Familien eine schmerzhafte Umstellung

Manche würden nach Niederbayern umziehen oder in den Bayerischen Wald. Das sei jedoch insbesondere bei älteren Menschen oder bei Familien mit Kindern eine schmerzhafte Umstellung, weil dann jegliches soziale Netzwerk, das man aufgebaut habe, wegfalle. Daher überlege man vor allem bei Senioren, ob nicht auch ein Wechsel in ein Pflegeheim in der Nähe infrage komme. Auch eine Vermittlung in eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe sei manchmal eine Option. Ferner würden sich in bestimmten Fällen auch therapeutische Wohngemeinschaften oder stationäre Hilfen für Suchtkranke anbieten. Dort würden manche dann "fit gemacht", damit sie wieder in einer eigenen Wohnung leben könnten.

Fischer hat den Eindruck, dass der Bedarf von Jahr zu Jahr steigt und man im laufenden Jahr einen neuen Höchststand erreichen könnte. "Das Geld reicht vielen hinten und vorne nicht mehr. Viele können sich das Tanken nicht mehr leisten, die Lebensmittel, Stromnachzahlungen, Heizkosten. Wir hören das täglich."

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