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Werkschau:Lebenslinien

Expressionistischer Ausdruck, leuchtenden Farben und grafische Strukturen - wie hier in "Ritt" - zeichnen Ritters Nachkriegsoeuvre aus. Repro: Notturno e.V.

Das Museum Franz Xaver Stahl zeigt die Sonderausstellung "Martin Ritter -Lebe! Wesen!" Zu sehen sind Tierdarstellungen in Lithographien, Tuschezeichnungen, Aquarellen und Gemälden

Von Florian Tempel, Erding

Ob sich Martin Ritter und Franz Xaver Stahl gekannt haben, ist nicht belegt. Es könnte aber sein, glaubt Heike Kronseder, die Leiterin des Erdinger Franz Xaver Stahl-Museums, in dem von Sonntag, 4. März, an eine Sonderschau mit vielen Werken Ritters zu sehen ist. Zweimal kreuzten sich die Lebenswege der zwei Maler ganz sicher: Bei den Großen Deutschen Kunstausstellungen der Nazis im Münchner Haus der Deutschen Kunst waren beide Maler in den Jahren 1938 und 1940 mit ihren Werken vertreten.

Ritter hatte 1938 zwei Blumenbilder eingereicht. Als Käufer der Aquarelle "Rittersporn" und "Glockenblumen" ist der NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in den Akten festgehalten. Ritters Bilder waren Schnäppchen, sie kosteten nur 200 Reichsmark. Sein Zeitgenosse Franz Xaver Stahl verdiente da schon viel besser: Für sein Ölgemälde "Herbst", das grasende Pferde unter einem mit Vögeln besetzten Bäumchen zeigt, zahlte Reichserziehungsminister Bernhard Rust 5000 Reichsmark. Zwei Jahre später lief es noch besser für Stahl: Sein Ölschinken "Schmiede" mit Pferden beim Hufschmied ging für 9000 Reichsmark an NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop. Ritter, der in jenem Jahr wieder mit zwei nicht näher betitelten Blumen-Aquarellen vertreten war, musste sich hingegen mit je 220 Reichsmark begnügen.

Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten in den Biografien der beiden Maler und Grafiker als die Teilnahme an den Nazi-Kunstschauen. In der Ankündigung der Ausstellung ist zu lesen, dass sie "beide als junge Burschen Scherenschnitte fertigten". Der 1905 geborene Ritter habe sogar eine solche Meisterschaft darin entwickelt, dass er schon mit acht Jahren einen Auftrag für den Prinzen Alexander Ferdinand von Preußen erhielt. Ein Jahr darauf wurde er an den Höfen des Adels herumgereicht und seine Werke fanden Platz in einer ersten Ausstellung in Chemnitz. Das Wunderkind geht später an die Kunstakademie in Breslau, wo ihn Otto Mueller inspiriert und Karl Hanusch zum Meisterschüler macht. Von 1924 an studiert Ritter an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Otto Dix, Otto Hettner und Richard Müller, der Lehrer von Grosz und Dix, gehören zu seinen Bekannten. Die Aquarellkunst ist sein Metier, und er erhält Auszeichnungen wie 1932 den "Preis der Stadt Dresden".

Während des Zweiten Weltkrieges wird seine Kunst düsterer. Bei der Zerstörung Dresdens 1945 verliert er viele Freunde und alle seine Werke verbrennen. Nach dem Krieg nimmt er wieder an Ausstellungen teil. Doch er ist verbittert. Ein Zusammenbruch lässt ihn umdenken. Er zieht nach München und findet in Baldham eine Bleibe. In den 70er Jahren wird die Druckgrafik für ihn zum Mittelpunkt seines Schaffens. Bei seinem Tod 2001 hinterlässt er ein großes Oeuvre in seinem Haus in Baldham. Der Verein Notturno kümmert sich seitdem um sein Erbe.

Die Ausstellung ist an den Sonntagen 4. März, 1. April, 6. Mai und 13 Mai von 14 bis 17 Uhr zu sehen. Sonderführungen am 6. und 13. März, 13 Uhr; 15. März, 18 Uhr; 27. März, 13 Uhr; 5. April, 13 Uhr; 17. April, 18 Uhr; 27. April, 15 Uhr. Weitere Führungen können unter 08122/408160 oder per E-Mail an heike.kronseder@erding.de vereinbart werden.

© SZ vom 01.03.2018
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