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Werkschau:Botschaft statt Propaganda

Dali- Bilder zur Bibel, Markt Schwaben.

Herbert Specht, früher Pfarrer in Poing, wurde durch eine zufällige Begegnung mit der Biblia-Sacra-Serie zu einem Sammler der Drucke und zu einem Verehrer Salvador Dalis. Nun zeigt er die Bilder in Markt Schwaben.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ausstellung mit Drucken aus Salvador Dalis Biblia-Sacra-Serie in Markt Schwaben eröffnet. Sie belegt die große Kunst des Malers und bietet zudem zahllose geistreiche Impulse

Von Ulrich Pfaffenberger, Markt Schwaben

"Von nun an bis in Ewigkeit" - unzählige Male erklingt diese Formel in Gottesdiensten und Gebeten. Jenseits des darin enthaltenen Heilsversprechens öffnet sich dort eine Dimension, die weit über die Vorstellungskraft irdischen Daseins hinausgeht. Aus den schieren Worten heraus haben zudem Künstler aller Epochen darin ein Motiv erkannt, das nach einer bildnerischen Deutung verlangt, nach einer Manifestation von Gedanken und Fantasien ins Sichtbare, Begreifbare. Einer von ihnen ist Salvador Dalí, mit dessen Biblia-Sacra-Serie aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts der evangelische Theologe Herbert Specht vor geraumer Zeit eine so inspirierende Begegnung hatte, dass aus ihm ein Sammler der kostbaren Drucke und ein, im künstlerischen Sinne, "Jünger" des Malers wurde.

Wie tief diese Verbindung ist, ließ Specht beim Sonntags-Gottesdienst in der Philippuskirche in Markt Schwaben erkennen: Vor die weltliche Vernissage im Gemeindezentrum rückte er das Bild "Gib mir zu trinken" ins Auge der Betrachter und in den Mittelpunkt seiner Predigt. Die Szene aus dem Johannes-Evangelium versinnbildlicht, wie Jesus der gesellschaftlich ausgegrenzten Samaritanerin, die am Dorfbrunnen Wasser schöpfen will, etwas Besseres verspricht: eine "Quelle des Wassers, das ins ewige Leben quillt". Viel stärker als die strenge, kategorische Sprache des Bibeltextes gibt Dalis zeichnerische Übersetzung dem Versprechen Raum, dass der Glaube an die Kraft Jesu mehr ist als eine Organisationsform von Ritual oder ein Gegengeschäft mit einem Heilsbringer - sondern vielmehr das Aufwecken der eigenen Stärke: "Mach' uns selbst zum Quell für andere. Lass' aus uns selbst das Wasser des Lebens fließen", gab Specht dem von Dali gemalten Dialog seine Sprache.

Etwa dreißig Drucke aus dem Zyklus sind in den kommenden Wochen im Gemeindezentrum zu sehen. Darunter solche, die sich an die vertraute Ikonografie der Renaissance anlehnen - wie "La Transfigurazione" oder "L'annunciazione" mit einer vor Glück tanzenden Maria - oder solche, die einem Comic gleich ihren Figuren maximale Präsenz geben - wie die "Flucht nach Ägypten" oder die "Auferweckung Jesu" mit einer beseelten Aufnahme des Motivs vom göttlichen Finger Michelangelos und einem ergreifenden Energiefluss zwischen Gottvater und Gottessohn. Bei keinem dieser Bilder wird der Betrachter in ein "typisch Dali!" ausbrechen, aber bei jedem Motiv macht längeres Hinsehen die große Kunst dieses Malers sichtbar, der Fantasie eine Bühne zu bereiten.

Das Anziehende der Bilder Dalis, das lässt Specht bei der Vernissage erkennen, liegt darin, dass sie nicht nur illustrieren im Sinne von beleuchten, sondern der jeweils gewählten Szene zusätzliche Tiefe geben. Etwa bei "Il Rei Magi", wo eben nicht nur die erwartungsfrohen Heiligen Drei Könige in eiligem Galopp ihrem Ziel entgegenreiten, sondern wo der Stern sein erhellendes Licht auch dem todgeweihten, düsteren Herodes und dem ignoranten Schriftgelehrten-Clown sendet, denen sowohl die Bedeutung des "Messias" fremd ist, als sie auch dem Prinzip des Heils nichts abgewinnen wollen, das vor ihren Augen in die Welt kommt. Mancher Theologe, der viele Worte braucht, um die frohe Botschaft zu erläutern, könnte sich eine Scheibe abschneiden von der Transparenz und Übersetzungskunst dieses Malers.

Wer nicht den Abgleich mit den Heiligenbildchen aus dem Religionsunterricht früherer Tage sucht oder sich ein Wiedersehen mit idyllischen Weihnachtskartenmotiven wünscht, dem wird diese Ausstellung köstliche Entdeckungen und geistreiche Impulse mit auf den Weg geben. Gerade dort, wo Dali die biblische Botschaft in Kontrast setzt mit ihrer irdischen Umsetzung - etwa, wenn im Bild "Jesus wird vom Satan in Versuchung geführt" ein eindeutiger Bischof in einer eindeutigen Blutlache steht, oder wenn Aaron den Tanz ums Goldene Kalb von einer Mitra bekrönt anleitet - dort stellt sich der Künstler mit aller Kraft in den Dienst der Botschaft, statt mit wohlgefälligen Bildern eine Lehre zu propagieren. Was diesem Opus einen Hauch von dem verleiht, wonach sich das Christentum sehnt: Ewigkeit.

© SZ vom 19.09.2017
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