Süddeutsche Zeitung

Weihnachten im Heim:Mittel gegen Melancholie

Erinnerungen kommen hoch, deswegen ist für viele Bewohner von Seniorenwohnheimen die Weihnachtszeit besonders wichtig. Betreuer kümmern sich, damit keine Einsamkeit aufkommt

Musiker und Instrumente. Plätzchen, Punsch, Weihnachtsbäume. An nichts sollte es fehlen. Und festlich sollte es aussehen. Sogar ein kleines bisschen extravagant, warum nicht? Im Ambiente einer Cafeteria im Landhausstil begehen die Bewohner des Pichlmayr Seniorenheims in Erding ihre Weihnachtsfeier - schon einige Tage vor Heiligabend. Viele von ihnen haben mitgeholfen bei den Vorbereitungen, um das Fest in dieser Form möglich zu machen. Sie backten die Stollen und Plätzchen und halfen beim Dekorieren. Die Weihnachtszeit beginnt ja nicht am Abend des 24. Dezember, nachdem auf dem Weg zur Feier noch schnell das letzte Geschenk gekauft wird. Sondern am 1. Dezember. Das vergessen die Berufstätigen schon mal im Alltagsstress, für viele Senioren hingegen wird die Weihnachtszeit mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Insbesondere wenn sie in einem Seniorenheim leben.

Daher bietet das Pichlmayr im Advent allerlei gemeinsame Weihnachtstätigkeiten an. "Wir fangen damit meistens schon vor dem ersten Advent an. Da sind wirklich alle, die noch helfen können, mit Begeisterung dabei", berichtet Gabriele Mundigl, die Leiterin des Erdinger Pichlmayr-Heimes. Die tätige Einstimmung auf Weihnachten wecke bei vielen Bewohnern auch schöne Erinnerungen an früher. Auch Silke Stauber vom Seniorenzentrum Pflegestern in Oberding hält viel davon, die Bewohner bei den Vorbereitungen für das Fest einzubeziehen: "Wir basteln die ganze Adventszeit unsere eigene Weihnachtsdeko." In der sozialen Betreuung lege sie einen Fokus auf Menschen, die keine Angehörigen mehr haben. "Wir orientieren uns daran, wie viel jeder Besuch bekommt und wie gut er eingebunden ist."

Das sei das wirksamste Mittel gegen Melancholie oder Einsamkeit. Gerade für diese Menschen habe eine enge Betreuung große Bedeutung. Besonders, wenn sie nicht dement seien und noch alles realisierten, was um sie herum geschieht. Die Weihnachtszeit läuft in den meisten Seniorenheimen ähnlich. Nicht fehlen dürfen Nikolausfeiern, besinnliche Adventssonntage, Besuche von Chören, Schulkindern und Vereinen. So läuft das auch im Heiliggeist-Stift in Erding. "Wir machen jedes Jahr einen Adventsbasar, wo Schmuck und Selbstgebackenes verkauft wird. Und dann kommt auch immer der Nikolaus zu uns. Da bekommt dann jeder ein kleines Päckchen, und es gibt Punsch", erzählt Stiftsleiter Georg Edenhofer. Vor allem in der Weihnachtszeit, wenn auch die Mitarbeiter selbst an der Belastungsgrenze seien, brauche man immer ehrenamtliche Helfer, fügt er hinzu. "Wichtig ist dann, die Bewohner zu Gottesdiensten zu bringen, ihnen vorzulesen und ein offenes Ohr zu haben. Vor allem an Weihnachten reden viele ältere Menschen gerne darüber, wie Weihnachten in ihrer Kindheit oder Jugend war."

Das Fischers Seniorenzentrum in Erding bekommt Besuch von den Kindern der Katharina-Fischer-Schule, die für die Bewohner singen. "Das kommt immer sehr gut an, da ist dann richtig Leben im Haus", freut sich die Einrichtungsleiterin Michaela Hess-Sauer. Auch die Weihnachtsfeier im Pichlmayr in Erding wurde musikalisch aufgepeppt. Isabel und Markus Nißl, Musiklehrer am benachbarten Korbinian-Aigner-Gymnasium, spielten mit ihrem jüngsten Sohn auf der Trompete, der Klarinette und dem Klavier Weihnachtsklassiker wie "Alle Jahre wieder" und "O du fröhliche". Dazu las Friedhelm Küpperscheeg Weihnachtsgeschichten, Heidi Küpperscheeg spielte das Hackbrett. Die Begeisterung der Bewohner war zu spüren, sie sangen, summten und klatschten mit. Auch die eine oder andere Freudenträne floss.

Damit wirklich jeder Bewohner an Heiligabend ein Geschenk bekommt, haben sich die Seniorenzentren der Firma Pichlmayr etwas überlegt. Zum einen schenken die Einrichtungen jedem Senioren ein Päckchen mit Leckereien, zum anderen gibt es dieses Jahr die Wunschbaumaktion. Die Bewohner schreiben ihren größten Weihnachtswunsch auf einen Wunschzettel. Die werden an den Wunschbaum gehängt, einen Christbaum im Foyer. Angehörige, Angestellte, Ehrenamtliche und Vereine dürfen sie von dort mitnehmen und erfüllen. "Die Feuerwehr Isen hat sich einiger Wünschen angenommen. Und auch Friseur- und Fußpflegewünsche werden kostenlos erfüllt", sagt Gabriele Rohrer, die Leiterin des Pichlmayr Seniorenzentrum in Isen. Das sei für alle Bewohner etwas ganz besonderes, vor allem wenn es keine Familie gebe. Da sei ein kleines Zeichen der Zuneigung viel wert.

Den Heiligabend selbst verbringen die meisten Senioren im Heim. "Mittlerweile geht der Trend mehr zu Besuchen an den Feiertagen. Es werden eher weniger Menschen abgeholt", berichtet Gabriele Mundigl. Das liege auch daran, dass das Heim immer mehr Demenzkranke versorge. Für sie sei ein Ortswechsel immer mit Stress verbunden. Die Seniorenzentren im Landkreis sind auch über die Feiertage personell voll besetzt. Gefeiert wird ganz gemütlich in den Wohnbereichen, meistens gibt es Klassiker zum Essen, an Heiligabend Würstel oder Fisch, an den Feiertagen Ente und Braten. Auch Weihnachtsgottesdienste werden in allen Altenheimen angeboten. Weihnachten ist für Senioren eine schöne und ruhige Zeit. "Trotzdem ist es eine ganz wichtige Aufgabe für uns, Einsamkeit und Schwermut abzufedern", so Georg Edenhofer.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4265051
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.12.2018
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.