Erster Morgennebel im Isental, der Herbst klopft an, als die drei Wasserbüffel für das Beweidungsprojekt in Dorfen am Hutanger ankommen. Matthias Reißaus, Landwirt und seit 2013 Züchter von Wasserbüffeln, zieht mit einem Traktor den Viehanhänger zum Gatter des Hutangers. Er hat den Stier Aaron dabei, die Kuh Ida und deren noch namenloses Kalb. Sie stammen von einem weiteren Beweidungsprojekt im Thalhammer Moos, Menschen sind sie gewohnt. Die Aufgabe der drei Wasserbüffel besteht darin, den Hutanger, eine sechs Hektar große Feuchtwiese mit mehreren Tümpeln zwischen der Isen und dem Mühlbach mit Suhlen und Trittlöchern so umzugestalten, dass dort ein Paradies für Insekten und Vögel entstehen könnte.
Innerhalb von ein bis zwei Jahren sollen die Effekte sichtbar sein. Das mit Spannung erwartete Beweidungsprojekt in Kooperation der Stadt Dorfen und dem Landschaftspflegeverband Mühldorf geschieht auf einer Präsentierfläche, nur von einem Elektrozaun getrennt von einem beliebten Spazier- und Radweg im Naherholungsgebiet im Isental. Man kann den Büffeln dabei zusehen, wie sie einen natürlichen Zustand wiederherstellen, der früher durch Wisente und Auerochsen gewährleistet wurde.
Reißaus hatte am Vortag Bedenken, wie lange es dauern könnte, die Tiere einzufangen, aber es kam anders: Die Büffel kannten bereits den Transporter, als die Klappe aufging, spazierten der Stier und Kuh unternehmungslustig hinein und nach gutem Zureden folgte auch das Kalb. Am Hutanger angekommen, sind sie die Ruhe selbst. Obwohl sie von mehr als einem Dutzend neugieriger Menschen umringt werden, gehen sie nur ein paar Schritte und probieren gleich das Gras und Blätter von tief hängenden Zweigen. „Das ist ein gutes Zeichen dafür, wie entspannt sie sind, wenn sie sofort gemütlich fressen“, sagt Reißaus. Offenbar hat ihnen die Speisekarte behagt, denn plötzlich hüpfen sie mit sichtbar freudigen Bocksprüngen davon, um das neue Terrain zu erkunden.
Reißaus: „Wir haben für die Erstbeweidung eine Familie ausgesucht, die an Menschen gewöhnt ist.“ Aber das ist auch eine Schwachstelle: Sie kommen neugierig an den Zaun, wenn Menschen stehen bleiben, aber man sollte ihnen kein altes Brot oder andere Küchenabfälle verfüttern. Die Viecher fressen es zwar gern, aber es tut ihren Mägen nicht gut. Auch die Stadt Dorfen bittet um ein wenig Vorsicht: Um die Weide sei ein Stromzaun gespannt, sagt der stellvertretende Bürgermeister Ludwig Rudolf. In Kürze werden Warnhinweise ausgeschildert.
Auch Deutschlands bekanntester Tierfilmer Jan Haft hat sich den Start des Projektes angesehen. Er wohnt in der Nähe von Dorfen auf einem ehemaligen Bauernhof und hat das Projekt mit inspiriert. Auf einer Feuchtwiese hinter seinem Hof hält er selbst zwei Wasserbüffel und er hat eine solche Renaturierung bereits unmittelbar beobachtet. In seinem Filmteam arbeitet Jonas Blaha, Sohn von Armin Blaha, einem Anwohner des Hutangers. Vater Blaha ging mit einem entsprechenden Vorschlag zu Bürgermeister Heinz Grundner. Der Vorschlag stieß auf offene Ohren, auch weil der Bauhof bisher die Flächen mähen musste, was Kosten verursacht. Hinzu kam, dass Dorfen dem Landschaftspflegeverband Mühldorf angeschlossen ist, der bereits Erfahrungen mit Beweidungsprojekten im Isental gemacht hatte.
Ein Name für das Kalb wird noch gesucht. Er sollte mit einem „I“ beginnen
Naturfilmer Haft prophezeit dem Hutanger aufgrund eigener Erfahrungen eine Blüte bei der Vielfalt der Pflanzen, der Vögel und von Säugetieren wie Fledermäusen. Und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern bereits in ein, zwei Jahren: „In einem einzigen Dunghaufen leben bis zu 2500 Insekten. Das sind Millionen von Insekten pro Jahr, wenn die Kühe nicht prophylaktisch entwurmt werden. Das wird die Zahl der Singvögel und Fledermäuse extrem in die Höhe schnellen lassen“, sagt Haft. Zudem würden seltene Arten zurückkehren: In den Suhlen der Büffel würden sich Schnecken und Würmer ansiedeln. Eine Delikatesse für seltene Vogelarten.
Die Tiere werden noch die nächsten zwei Monate dort weiden. Dann kommen sie ins Winterquartier auf den Biohof Lanzinger in Staffing bei Dorfen. Eigentlich könnten sie den Winter auf dem Hutanger überstehen, aber Bauer Bernhard Lanzinger will sie lieber in den Stall holen: „Ich habe es im Winter auch lieber warm und trocken.“
Nun muss das namenlose Kalb getauft werden. Das dürften die Dorfener machen, sagt Matthias Reißaus. Eine Bedingung ist aber daran geknüpft: Der Name des Tieres muss mit demselben Buchstaben beginnen wie der der Mutter Ida, also mit einem I. Und weil es ein Stierkalb ist, muss der Name männlich sein. „Ignaz“, schlug einer der Zuschauer vor. Klingt gar nicht schlecht.


