Verschwiegenheit und Unparteilichkeit ist Pflicht Die "Siebener"

Zirka 80 Feldgeschworene gibt es aktuell im Landkreis. Sie unterstützen das Vermessungsamt Erding, wenn es darum geht, Grundstücksgrenzen zu markieren. Das Ehrenamt, das auf Lebenszeit verliehen wird, stößt aber bei Jüngeren auf wenig Interesse

Von Regina Bluhme, Erding

Christian Prang aus Bockhorn hat vor kurzem ein Ehrenamt angetreten und dafür einen Eid auf seine Verschwiegenheit geleistet. Wann er den ersten Auftrag erhält, weiß der 54-Jährige noch nicht, aber irgendwann wird die Gemeinde ihn anrufen, dann holt er am Bauhof ein paar Steine ab und macht sich auf den Weg zu einem neuvermessenen Grundstück. Prang ist einer der beiden neuen Feldgeschworenen von Bockhorn. Sie unterstützen das Vermessungsamt Erding, wenn es darum geht, Grundstücksgrenzen zu markieren. Das Ehrenamt des Feldgeschworenen wird in Bayern auch in Zeiten digitaler Messtechniken hochgehalten. Allerdings wird es immer schwieriger, Interessenten zu finden.

Im Mitteilungsblatt hatte die Gemeinde Bockhorn seit längerem nach neuen Feldgeschworenen gesucht. "Sie haben uns nicht gerade die Türe eingerannt", sagt Geschäftsleiter Heinz Schoder. Von den drei langjährigen Feldgeschworenen muss einer wohl bald aus Altersgründen kürzer treten, ein anderer ist beruflich stark eingespannt. Jetzt konnten nach längerer Suche mit Christian Prang und Joachim Fink doch noch zwei neue vereidigt werden. Prang freut sich auf die neue Aufgabe. Als Feldgeschworener musste der 54-Jährige unter anderem auch seine Verschwiegenheit und Unparteilichkeit beeiden - nicht unwichtig in einem so diffizilen Bereich wie Grundstücksangelegenheiten.

Aller Anfang ist schwer: Teilnehmer eines Seminars für das Ehrenamt der Feldgeschworenen führen eine Vermessungs-Übung durch.

(Foto: dpa)

Im Landkreis gibt es aktuell zirka 80 Feldgeschworene, berichtet Franz Traßl, Leiter des Erdinger Vermessungsamts, das offiziell Amt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung heißt. Aufgaben und Zuständigen eines Feldgeschworenen sind im sogenannten Abmarkungsgesetz und in der Feldgeschworenenverordnung festgelegt. Wird ein Grundstück vermessen, müssen jeder Grenzpunkt und jede Änderung des Grenzverlaufs markiert werden, informiert Traßl. In der Regel geschieht dies mit einem Grenzstein. Unter der fachlichen Anleitung des Vermessungsamts kommen die Feldgeschworenen vor Ort, um die Steine zu setzen.

Die Grenzsteine sind Granitquader und lagern meist in Bauhöfen der Gemeinden und Städten. Laut Traßl sind sie genormt und 50 Zentimeter lang. Die Versetzung eines Grenzsteins kann durchaus eine schweißtreibende Arbeit sein. Schließlich muss der Stein gut im Boden eingearbeitet werden. Zuweilen wird auch ein Eisenfuß in den Boden gerammt, weiß Traßl. Womöglich ist der körperliche Einsatz bei Wind und Wetter ein Grund dafür, dass sich das Interesse an dem Ehrenamt in Grenzen hält.

Franz Traßl, Leiter des Erdinger Vermessungsamts.

(Foto: Privat)

Trotz aller technischen Neuerungen und Computerprogramm, die dem Vermessungsämtern zur Verfügung stehen, setzt Bayern weiter auf die Feldgeschworenen. Schließlich verfügen sie über gute Ortskenntnisse, kennen die Leute vor Ort - und sorgen durch ihren ehrenamtlichen Einsatz dafür, dass sich die Vermessungskosten im Rahmen halten. Die liegen nach Auskunft des Heimatministeriums in Bayern "im Bundesvergleich überwiegend an günstigster Stelle". Immerhin gibt es jetzt eine Aufwandsentschädigung für die Feldgeschworenen, wie Franz Traßl informiert. Der Stundenlohn liegt zwischen 15 und 20 Euro.

Feldgeschworene werden auch "Siebener" genannt, denn in der Regel sollten immer sieben in einer Gemeinde tätig sein. Diese Zahl lasse sich im Landkreis aber nicht für alle Gemeinden halten, weiß Franz Traßl. Bislang haben oft Landwirte und Rentner das Ehrenamt, das auf Lebenszeit verliehen wird, übernommen. Der Altersdurchschnitt ist mittlerweile recht hoch. "Wir könnten sehr gut Verstärkung brauchen", sagt Franz Traßl.

Anton Wastl ist 75 Jahre alt und seit zirka 30 Jahren Feldgeschworener in Dorfen. Im Laufe der Jahre hat er schon einige Grenzsteine gesetzt, "Meist kam am Vortag der Anruf, dann bin ich am nächsten Tag los zum Bauhof, habe vier oder fünf Steine ins Auto geladen und bin zum Grundstück gefahren", beschreibt Wastl. Ihm hat die Arbeit gut gefallen, "ich bin ganz schön im Gebiet herum gekommen", berichtet er, "die Arbeit war immer interessant und man bekommt auch Einblick in die Heimatgeschichte". Manchmal auch in menschliche Abgründe. So hat Wastl auch schwere Auseinandersetzungen zwischen Grundstückseigentümer erlebt, "manchmal ging es um zwei Zentimeter hin oder her", erinnert er sich.

Für solche Fälle hatten die Feldgeschworenen ihr "Siebenergeheimnis". Wenn der Vorwurf im Raum stand, dass ein Grenzstein verrückt worden war, dann lupfte der Feldgeschworene den betreffenden Stein zur Seite und suchte im Boden nach dem "Siebenerzeichen", das bei der Grenzsteinsetzung gelegt worden war. Das konnten kleine Ton- und Glasscherben sein, Porzellanstücke, Röhrchen oder Metallstifte. Je nach Position und Anordnung der Zeichen konnte die exakte Position des Steins nachgewiesen werden. Es ist noch nicht so lange her, dass die Feldgeschworenen auch einen Eid auf die Bewahrung des "Siebenergeheimnisses" ablegen mussten. Heute spielen die geheimen Zeichen im Landkreis keine Rolle mehr, weiß Franz Traßl. Aber ein Eid auf Verschwiegenheit, das muss noch immer sein.