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Utopie als Thema:Alles andere als ein Ikea-Regal

Expedit - Gym Markt Schwaben Oberstufentheater.

Ein Regal als Ort der Verbannung und Namensgeber: Die Theatergruppe des Markt Schwabener Gymnasiums präsentiert "Expedit".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Expedit": Markt Schwabener Gymnasiasten erschaffen ein modernes Theaterstück über Individualität und Freiheit

"Eine Gesellschaft ohne Emotionen? Ist das nicht traurig? Was ist ein Mensch noch ohne Gefühle? " - "Gefühle sind abkömmlich! Aufgaben, Beschäftigung und Sicherheit, das braucht ein Mensch! Wer wäre denn noch besonders, wenn alle besonders wären?!" Aufgebracht und offensichtlich höchst zwiegespalten läuft ein Mädchen während diesem Monolog, der ein innerer Dialog ist, im Gang zwischen zwei Bühnen auf und ab.

Wer sich an diesem Abend im Markt Schwabener Gymnasium auf ein - wie meist üblich - klassisches Theaterstück eingestellt hatte, musste komplett umdenken und sich auf ein modernes, eigens erdachtes Stück einlassen. "Expedit" heißt das Stück, das die 13 Schüler des Profilfachs Theater unter Leitung von Severin Zebhauser geschrieben haben, benannt nach dem allbekannten Ikea-Regal.

Behandelt wird darin eine Utopie: eine Gemeinschaft in der alle gleich sind und absolute Ordnung herrscht. Was dabei allerdings auf der Strecke bleibt, das zeigt sich schnell, ist das Recht auf Individualität: Sobald jemand nicht mehr gemäß der Regeln handelt, sondern sich gegen das Gemeinwohl stellt, wird er verbannt, und zwar in ein riesiges Holzregal auf der zweiten Bühne. Die Anonymität der Gleichschaltung drückt sich auch in Äußerem aus: Die Figuren sind alle namenlos, die Schauspieler in gleichen Farben gekleidet.

Nach und nach zerfällt die Gemeinschaft. Einzelne Mitglieder werden von der Bühne gedrängt, weil sie aus verschiedenen Gründen die Einheit störten. Homosexuelle Beziehungen müssen geheim gehalten werden, eine eigene Meinung zu haben oder Kritik an der Gemeinschaft zu äußern ist verboten - die totale Unterdrückung. Es kommt sogar soweit, dass ein Junge heimlich nachts von zwei Mädchen weggetragen wird, da diese überzeugt davon sind, im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln. "Er ist ein Egoist! Er schadet nur der Gemeinschaft. Wir sind nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette. Also muss dieses entfernt werden, anschließend können wir die Kette wieder zusammensetzen." Fehler werden nicht geduldet, genauso wenig wie Krankheiten, daher muss ein Mädchen unverzüglich gehen, als die Anderen bemerken, dass es farbenblind ist. Das Ziel der Gemeinschaft nämlich ist absolute Perfektion.

Doch so langsam werden innerhalb der Gruppe Zweifel an der moralischen Vertretbarkeit und den Vorteilen der Gemeinschaft laut. "Was ist aus unserer Gemeinschaft geworden, wenn Unschuldige geholt werden? Wer soll dann der nächste sein?", "Ich kann und will nicht so sein wie alle anderen! Dann wäre jeder ersetzbar." Schon treten Einzelne freiwillig aus, um ihre Individualität und Freiheit endlich ausleben zu können. Als in der Gruppe schließlich das Essen knapp wird, weil es nicht mehr genug Arbeitskräfte gibt, wächst der Unmut rasant. Obwohl die Angst vor dem Unbekannten groß ist, machen sich auch die letzten Mitglieder auf den Weg in die Freiheit. Nur ein Mädchen bleibt alleine zurück. Nun wendet sich das Publikum der anderen Bühne zu, auf der sich das weitere Geschehen abspielt: Alle Darsteller liegen in dem großen Holzregal. Eigentlich sind sie in Freiheit, doch wie sollte man damit jetzt umgehen, nach so langer Zeit in Unterdrückung? Angst macht sich bemerkbar. Mit raffinierten Monologen schildern die Jugendlichen ihren Zwiespalt aus Angst und Hoffnung. Doch am Ende entscheiden sich alle für die Freiheit.

Es ist ein eindrucksvolles Stück zu den Themen Freiheit und Individualität, das die Gymnasiasten hier erdacht haben. Die Theatertruppe schafft es mit interessanten und gut gespielten Dialogen, den Abend fesselnd zu gestalten und halten die Zuschauer bis zum Ende in ihrem Bann. Doch nicht nur das - der Abend vermittelt auch eine wichtige Botschaft: Dem Publikum wird mit diesem Stück vor Augen geführt, wie wichtig es ist, gerade Jugendlichen den Freiraum zur Selbstentfaltung zu lassen, um ihnen ein glückliches Leben zu ermöglichen. Deutlich machen die Schüler aber auch, dass es wohl nie eine perfekte Gesellschaft geben wird, da alle Menschen zu verschieden sind. Es aber auch nicht erstrebenswert wäre, eine Gemeinschaft von lauter Gleichen zu gründen.

Die ersten zwei Monate des Schuljahres benötigten die Markt Schwabener Gymnasiasten rund um Zebhauser allein für die Themensuche. "Danach haben wir in kleinen Gruppen die einzelnen Szenen geschrieben und die Rollen verteilt", erzählt eine Schülerin. Erst zwei Wochen vor der Aufführung seien die letzten Dialoge fertig geworden. Auch das Bühnenbild entwarfen die Schüler selbst. "Fest stand von Anfang an aber, dass wir zwei Bühnen haben wollten", erzählt die Schülerin weiter. Die erste Idee sei gewesen, eine Art Kellerloch für die Verbannten zu schaffen, doch letztendlich habe man sich für das Regal entschieden, weil dies technisch leichter umsetzbar gewesen sei.

Die Mühe hat sich aber auf jeden Fall gelohnt: Die zahlreich erschienenen Familienmitglieder und Freunde im Zuschauerraum klatschen am Ende begeistert und auch die Schauspieler wirken sehr glücklich über die gelungene Aufführung.