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Unternehmen im Landkreis:Die Gewinner der Pandemie

Die Radgeschäfte im Landkreis freuen sich über blendende Geschäfte und rechnen mit einem anhaltenden Boom. Auch für das kommende Jahr erwarten sie Lieferengpässe

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Die Corona-Pandemie kennt viele Verlierer, aber auch Branchen, die ganz gut durch die Zeit gekommen sind, zum Beispiel Fahrradgeschäfte. Nach dem kompletten Lockdown im Frühjahr zog es die Menschen nach draußen. Weil Reisen und Sport in geschlossenen Räumen nur mit Auflagen möglich war und ist, schwingen sich offenbar immer mehr Leute aufs Rad. Sowohl der Verkauf von Fahrrädern - überwiegend mit Motor - als auch die Werkstätten erleben einen regelrechten Boom.

"Der ganzen Szene geht es sehr gut", sagt Andreas Seilinger von Traumvelo in Ottenhofen. Kurz nach der Wiedereröffnung der Werkstätten seien die Leute "über die Läden hergefallen". Wegfahren ging nicht mehr, Freizeiteinrichtungen waren zu. "Obwohl wir sehr hochwertige Fahrräder haben, gab es auch bei uns den Run." Für das kommende Jahr rechnet er schon jetzt mit Lieferverzögerungen. "Normalerweise sind wir bei drei Wochen, inzwischen höre ich von drei Monaten", sagt Seilinger. Einige Modelle seien bei den Herstellern im Juni schon ausverkauft gewesen. Nächstes Jahr werde sehr interessant, auch beim Zubehörmarkt. "Wir sehen die Situation mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Die Fahrradbranche ist im Moment ein Gewinner." Das würde auch Andrea Holbl von Zweirad Holbl in Taufkirchen unterschreiben. "Die Situation wird sich nächstes Jahr wohl auch nicht ändern. Es scheint so zu sein, dass man auch dann nicht so recht wegfahren können wird." Fahrrad fahren, Touren mit Bikes seien deshalb heuer gefragt gewesen. Deshalb seien bei ihnen auch hochwertige Reiseräder ohne Motorisierung gekauft worden. "Manche konnten vielleicht keine Kreuzfahrt machen und haben das Geld in E-Bikes investiert", sagt Andrea Holbl.

Werner Bilda, Inhaber des Radgeschäfts MO-BI-TEC, freut sich über gute Umsätze.

(Foto: Renate Schmidt)

"Auch wenn es viele hart getroffen hat, uns nicht - rein wirtschaftlich gesehen. Psychologisch aber natürlich alle", sagt Werner Bilda vom Fahrradgeschäft Mobitec in Wörth. Die Leute hätten durch die Verunsicherungen erst mal die Optionen für Freizeitaktivitäten in ihrem Umfeld wahr genommen. "Das Fahrrad per se ist nun mal das Mobilitätskonzept der ersten Wahl, man kommt damit weiter herum als mit Spazierengehen", sagt der Fahrradhändler. "Insgesamt ist unsere Saison sehr erfolgreich gewesen." Corona sei bei vielen Kunden ein Thema, das höre man immer wieder. "Es herrscht so viel Verunsicherung und Angst, das merken wir in den Gesprächen. Ein entspanntes Umgehen mit der Gesamtsituation ist nicht mehr da", sagt Bilda. Das Rad der ersten Wahl sei inzwischen das E-Bike. "Wir habe in dem Bereich einen gewaltigen Zuwachs bei jungen Leuten, auch jungen Familien, die zum Beispiel mit einem Kinderanhänger unterwegs sind." Aber nicht nur der Verkauf floriert: "Wir haben in der Werkstatt so viel Arbeit, die ist bumsvoll."

Ein "überdurchschnittliches Geschäft" verbucht auch Sebastian Kittlitz vom Radhaus Erding. "Die sportlichen Alltagsräder sind gefragt", sagt er. Viele hätten das Rad als Ersatzsport für die Hallen- und Vereinsangebote genommen. "Viele wollen in der Zeit was für ihre Fitness tun oder Pfunde abspecken. Und dafür ist das Rad eine gute Alternative." Zumal man beim Radfahren an der frischen Luft und der Mindestabstand leicht einzuhalten sei. Der Boom sei beachtlich, weil man statistisch gesehen nur alle 20 Jahren ein Fahrrad kaufe.

Der Trend in den Geschäften ging erneut zu Rädern mit Elektromotor wie den E-Mountainkikes.

(Foto: Renate Schmidt)

Georg Brandhuber von Radl Dorfen verkauft zwar nicht mehr so viel Fahrräder, da er sich auf den Verkauf seiner Erfindung, den Fahrradständer innerhalb von Fahrzeugen, Radivan, und Spezialanfertigungen wie Lastenräder konzentriere, aber auch er habe einen starken Anstieg an Anfragen nach E-Bikes festgestellt. Eine Spezialisierung sei seiner Meinung nach notwendig, um zu überleben. "Von den Rädern alleine kann man nicht leben, dafür ist die Konkurrenz aus dem Internet und den vielen Radmärkten zu groß", sagt der mittlerweile 79-Jährige. Die Leute kauften online ihre Räder und kämen zu ihm, wenn was defekt ist. Zudem sei die Flüchtlingshilfeunterstützung ausgelaufen: Er hat fünf Jahre lang Flüchtlinge mit alten, wieder hergerichteten Fahrrädern versorgt.

© SZ vom 04.11.2020

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