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Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge:Endstation Flughafen

Die Jugendämter Erding und Freising kümmern sich um minderjährige Flüchtlinge, die ohne Eltern in den Landkreisen stranden. Allerdings gibt es zu wenige Jugendhilfe-Einrichtungen - und die Kreise fürchten, dass Verantwortung auf sie abgeladen wird.

Sie sind noch halbe Kinder, vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, aus einer Heimat geflohen, in der Krieg, Verfolgung und Tod herrschen. Ganz allein erreichen sie nach oft strapaziösen Reisen Deutschland. Einige Dutzend unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stranden jedes Jahr am Münchner Flughafen, 27 seit Januar 2011 - aus Afghanistan, Somalia, Irak, Iran und Syrien.

Meist endet die Reise der jungen Menschen in der Einreisekontrolle der Bundespolizei: Kein gültiger Pass, kein Visum oder ein Antrag auf Asyl. Dann sind Jugendämter verpflichtet, die Minderjährigen in Obhut zu nehmen - im Fall der Flughafen-Ankömmlinge obliegt das dem Jugendamt Erding. Sind die Flüchtlinge zwischen 16 und 18 Jahre alt, kommen sie in Erstaufnahmeeinrichtungen für erwachsene Flüchtlinge.

Sind sie jünger als 16, entgehen sie in der Regel dieser umstrittenen Unterbringung und werden in Jugendhilfeeinrichtungen pädagogisch und medizinisch betreut. Für das laufende Jahr kalkuliert das Landratsamt Erding nach Angaben eines Sprechers für diese Unterbringung 1,3 Millionen Euro bei einem Tagessatz von 150 bis 180 Euro.

Doch diese Kosten sind nur vorübergehende Ausgaben: Sie werden zu hundert Prozent vom Freistaat erstattet. Nicht ersetzt werden Personalkosten im Jugendamt, die durch die Flüchtlinge entstehen. Im Jahr 2010 waren das 120 000 Euro. Das Jugendamt Erding hat derzeit 40 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in seiner Obhut.

Gerade diese Personalkosten bereiten auch den Mitarbeitern des Jugendamts in Freising Bauchschmerzen, denn im Freisinger Landkreis liegt die Clearingstelle des Jugendwerks Birkeneck. Dort werden 22 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut und bei Formsachen unterstützt. Sie erhalten gleichzeitig eine Tagesstruktur und lernen Deutsch.

Momentan leben dort zwei Jungen aus Afghanistan, für die das Jugendamt Erding aufkommt. "Andere standen einfach vor der Tür, jetzt ist das Jugendamt Freising für sie zuständig", sagt der stellvertretende Abteilungsleiter des Jugendamts Freising, Norbert Flötzinger. Mit 900 000 Euro an erstattbaren Ausgaben rechnet der Landkreis für die Unterbringung der Flüchtlinge im Jahr 2011. Flötzinger befürchtet, dass die Regierung von Oberbayern zunehmend den Jugendämtern der Landkreise minderjährige Flüchtlinge zuweist, in denen die Jugendhilfeeinrichtungen liegen. "Doch wenn unser Jugendamt für alle Flüchtlinge in der Clearingstelle zuständig wäre, bräuchten wir eine neue Vollzeitstelle."

Wie Evelyn Vogl, Leiterin der Clearingstelle "Haus Chevalier" in Hallbergmoos berichtet, sei es in der letzten Zeit nur zu zwei Übergaben gekommen, aber nicht aus München, von wo die meisten Minderjährigen in die Einrichtung kommen: "Die sind und bleiben zuständig", sagt sie. In den vergangenen Jahren hat die Einrichtung 40 bis 50 Jugendliche pro Jahr betreut. Auch momentan sind alle 22 Plätze der Clearingstelle voll.

Niels Espenhorst vom Bundesfachverband für Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge kennt die Sorgen der Landkreise. Seiner Meinung nach entschieden die Behörden die Zuweisungen häufig danach, wo Platz sei - und nicht auf Grund dessen, was für die Jugendlichen angemessen wäre. "Man kann nicht sagen, es gibt nicht genug Platz in Jugendhilfeeinrichtungen, wenn man eben nicht genug schafft", sagt er. Zudem setzt er sich dafür ein, dass auch 16- bis 18-jährige unbegleitete Flüchtlinge, die vom Jugendamt betreut werden, in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht werden. Das ist momentan nicht der Fall. "Rechtlich wäre das möglich und käme die Landkreise viel günstiger", sagt er. Denn während die Kosten für Jugendhilfeeinrichtungen erstattet würden, blieben die Kosten einer Erstaufnahmeeinrichtung für Erwachsene an den Kreisen hängen.