Überschwemmungen in Dorfen:Gefahr in Verzug

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Ein Starkregenereignis, wie es in Form einer Flutwelle am Seebach aufgetreten ist, kann sich jederzeit wiederholen. Während die Anwohner noch aufräumen, will sich der Dorfener Stadtrat mit der Thematik intensiv auseinandersetzen

Von Thomas Daller, Dorfen

In der vom Hochwasser schwer betroffenen Siedlung Am Seebach in Oberdorfen laufen die Aufräumarbeiten auf Hochtouren. Unterdessen hat die Stadt mit den Anwohnern Gespräche geführt und eine Koordinationsstelle im Rathaus eingerichtet. Insbesondere Wohnungen werden dringend gesucht: Viele Gebäude sind so schwer beschädigt, dass sie auf Monate hinaus unbewohnbar sind. Darüber hinaus soll sich der Stadtrat mit der Starkregenkarte beschäftigen, die seit Juli im Entwurf vorliegt. Anhand dieser Karte will man eruieren, welche Gebiete, die in Kesseln oder Trichtern liegen, ebenfalls von so einer Überschwemmung bedroht sind. Mit Grundstückskäufen und Schutzmaßnahmen soll Dorfen ein Stück sicherer werden.

Am Seebach laufen die Aufräumarbeiten auf Hochtouren, sogar die Mülltrennung in den Containern wird beachtet. Mehr als ein Dutzend Container sind in den vergangenen Tagen angekarrt und voll wieder weggebracht worden. Zwei Mitarbeiter des Recyclinghofs und einer vom Bauhof kümmern sich darum, dass der Abfall möglichst sortenrein ist. So sind beispielsweise rund 60 Waschmaschinen und 80 Trockner entsorgt worden. Neben Elektroschrott ist auch viel aufgequollenes Holz zu entsorgen. Parkettböden sind aufgequollen und nicht mehr zu retten, Türen kommen in den Müll, viele Küchen sind nicht mehr zu gebrauchen. Die Anwohner liefern kleinere Teile mit Schubkarren zum Container, bei schwereren und sperrigen Teilen hilft der Radlader des Bauhofs.

Es herrscht ein Kommen und Gehen: Vergangene Woche halfen Dorfener Vereine und andere Freiwillige bei den Aufräumarbeiten, mittlerweile treffen immer mehr Profis ein: Fahrzeuge von Wasserschadenssanierern parken in der Siedlung, Gutachter der Versicherungen nehmen Schäden auf. Je nach Lage des Hauses in der Siedlung sind auch die Schäden unterschiedlich ausgeprägt. Bei manchen Gebäuden gehen die Gutachter davon aus, dass sie erst in sechs bis acht Monaten wieder bewohnbar sein werden, bei anderen könnte das bereits Weihnachten der Fall sein.

Sturzflut in Oberdorfen am 30. August 2021: Im Bild der Seebach. (Foto: Renate Schmidt)

Viele Anwohner sind vorübergehend bei Freunden und Bekannten oder in Hotels untergekommen. Das ist für sie aber keine Dauerlösung, sie suchen nach Wohnungen. Das ist auf dem leer gefegten Dorfener Wohnungsmarkt ein ambitioniertes Unterfangen. Zwei Siedlungssprecher haben sich Anfang dieser Woche bereits mit Bürgermeister Heinz Grundner (CSU) und Mitarbeitern der Stadtverwaltung getroffen und um Unterstützung gebeten. Ein paar Wohnungen gebe es im kommunalen Bestand, sagte Grundner der SZ. Darüber hinaus will er bei den Bürgerversammlungen, die diese Woche stattfinden, auf den Notstand hinweisen und all jene, die über eine freie Wohnung verfügen, bitten, sie den Hochwasseropfern zu vermieten. Außerdem soll dazu auch ein Aufruf im Amtsblatt erfolgen und in den sozialen Medien.

Darüber hinaus wurde eine Koordinierungsstelle für die Hochwasseropfer im Rathaus eingerichtet, die Anita Feckl betreut. Auch das Landratsamt ist mit im Boot. Um die Betroffenen zu unterstützen, hat das Landratsamt Erding in den vergangenen Tagen Kontakt mit der Regierung von Oberbayern aufgenommen, um die Möglichkeiten für eine finanzielle Entschädigung auszuloten. Die Regierung von Oberbayern hat in einer ersten Rückmeldung nun darüber informiert, dass zunächst ein Schätzwert des Schadens ermittelt werden soll, um eine mögliche Erstattung zu prüfen. Alle betroffenen Bürger werden daher gebeten, den geschätzten Schaden, der ihnen entstanden ist, an ihre jeweilige Kommune zu übermitteln, die die Zahlen dem Landratsamt weitermelden werden. Bürger der am meisten betroffenen Stadt Dorfen können sich dafür an folgende E-Mail-Adresse wenden: katastrophenschutz@dorfen.de.

Und nicht zuletzt geht es darum, wie man solche Schadensfälle in Zukunft vermeiden könnte. Unter den Betroffenen am Seebach kursiert das Gerücht, dass auf der angrenzenden Wiese bereits vor 15 Jahren ein Damm errichtet worden wäre, wenn die Kirche als Grundbesitzer die Wiese an die Stadt verkauft hätte. Das dementiert das Erzbischöfliche Ordinariat: "Es stimmt nicht, dass die Kirche die Wiese nicht für den Hochwasserschutz zur Verfügung stellen wollte. 2006 gab es einen Ortstermin mit Vertretern der Stadt, seither gab es diesbezüglich keinerlei Kontaktaufnahme mehr von Seiten der Stadt. Es gab auch nie einen offiziellen Antrag. Wir haben nie gesagt, dass wir die Wiese nicht verkaufen würden und hätten auch aktuell keinerlei Einwände, das Grundstück für den Hochwasserschutz nutzen zu lassen", heißt es dazu in einer Stellungnahme. Demnach hätte die Stadt Dorfen den dort fehlenden Schutz verschlafen.

Mehr als zwei Dutzend Häuser wurden überschwemmt. Mittlerweile sind sie ausgepumpt, doch die Aufräumarbeiten dauern an. Bis manche Häuser wieder bewohnbar sind, wird es Monate dauern. (Foto: Thomas Daller)

Der Dorfener Hochwasserreferenten Gerald Forstmaier (GAL) hat für die kommende Stadtratssitzung bereits einen Dringlichkeitsantrag gestellt hat. Die neue Siedlung "Am Seebach" sei seit ihrem Bestehen bereits drei mal überflutet worden. Weiter heißt es: "Aus Sicht des Hochwasserreferenten ist darüber hinaus besonders schockierend, dass dieses Regenereignis in Dorfen keine Jahrhundertflut war. (...) Die Niederschlagsdaten vom Wasserwirtschaftsamt entsprechen in Dorfen eher einem häufig wiederkehrenden Niederschlagsereignis mit einer wiederholenden Jährlichkeit von deutlich unter fünf Jahren. Daher ist aus Sicht des Hochwasserreferenten Gefahr in Verzug."

Grundner will bei dieser Debatte die Starkregenkarte mit einbeziehen, die seit Juli als Entwurf vorliege. "Wir müssen sie uns ansehen und zeitnah umsetzen", sagte er. Wo ein Grundstückserwerb erforderlich ist, müsse man die Verhandlungen führen, "egal ob am Seebach oder woanders". Entweder als Erwerb oder auf der Basis einer Nutzungsvereinbarung. Dabei müsse man alle Gebiete untersuchen, die sich in einer Kessel- oder Trichterlage befänden. Allerdings werde man bei Starkregenereignissen nie eine 100-prozentige Sicherheit erzielen können. Denn sie würden sich von einem normalen Hochwasser unterscheiden, wo man Erfahrungswerte und Korridore habe. Auch am Seebach sei man überrascht gewesen, wie schnell das Wasser über die Hänge abgeleitet wurde.

© SZ vom 08.09.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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