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Überangebot:Pommes-Krise trifft auch Erdings Bauern

Die Kartoffelbauern stecken erneut in der Krise: In den vergangenen Dürrejahren waren die Kartoffeln oftmals zu klein für Pommes, jetzt ist der Markt wegen der Coronakrise übersättigt und der Absatz bricht ein.

(Foto: Renate Schmidt)

Da Gaststätten und Imbissbuden wegen der Corona-Pandemie schließen mussten, brach der Absatz ein. Jetzt steht die Kartoffelernte an, aber die Verarbeiter winken ab, da die Lager voll seien. Nur Salatkartoffeln gehen

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Was haben Pommes Frites mit den Erdinger Landwirten zu tun? Eine Menge, vor allem, wenn sie Kartoffeln anbauen. Und das machen im Landkreis Bauern auf insgesamt 1579 Hektar. Nachdem in den Hochzeiten der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie faktisch der Verzehr in ganz Europa zum Erliegen gekommen war, da Restaurants und Imbissläden schließen mussten, hatten viele Kartoffelverarbeiter die Produktion gestoppt oder zumindest deutlich verringert. Marktexperten schätzten das dadurch entstandene Überangebot an Fritten-Kartoffeln auf zwei Millionen Tonnen in Nordwesteuropa. Die Folge: die Marktpreise für Kartoffeln brachen ein.

"Wir haben Frühkartoffeln, Salatkartoffeln und normalerweise wäre alles schon verkauft, aber die Abnehmer, die Verarbeiter sagen, wir können sie nicht brauchen, es gibt noch so viele alte Kartoffeln", sagt Georg Eschbaumer bei der jährlichen Presseerntefahrt. "Der Kartoffelmarkt ist mit Corona zusammengebrochen", bestätigt Anton Mitterer vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Erding. Vergangenes Jahr habe man Mitte/Ende Juni zu ernten begonnen, weil die Verarbeiter sie dringend gebraucht haben. Heuer sei die erste Juliwoche geplant gewesen. Und dann sei Corona gekommen. "Wir haben einen großen Verarbeiter, der am Tag 25 Tonnen Kartoffelsalat produziert. Der steht heute total. Derzeit nimmt der Verarbeiter bis Mitte September alte Kartoffeln her. 13 Monate alte", sagt Eschbaumer - obwohl jetzt die neuen da wären. Die Folgen sind dramatisch: "Momentan habe ich noch keinen Einbruch, aber der kommt. Bei allen." Man habe zwar Verträge, aber keine Handhabe. "Was soll ich machen? Soll ich klagen? Dann kauft man mir nächstes Jahr nichts mehr ab."

"Wenn ein Abnehmer den Preis drücken will, dann findet er immer was", sagt Mitterer. Denn an den Qualitätskriterien könne man immer drehen. "Da gibt es eine ganze DIN-A-4-Seite voller Parameter, die stimmen müssen", sagt Georg Eschbaumer junior. Bei den Eschbaumers wird man gegebenenfalls auf Rote Beete oder Karotte ausweichen, da man diese problemlos mit einem Kartoffelernter aus den Boden holen könne. Man spare sich so den Kauf einer neuen Maschine.

Die Speisekartoffel, die man in den Läden kaufen kann, seien noch relativ gut weggegangen, weil alle Lokale geschlossen gewesen seien und die Leute selber daheim kochen mussten, sagt der Landwirt. Aber der Pommesmarkt sei von einem Tag auf den anderen eingebrochen. "Mit dem Shutdown durfte ja keiner mehr in Gaststätten. Und wer macht daheim schon öfters selber Pommes, eher wohl Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat."

Der Verarbeiter würde pro Tag 1000 Tonnen verarbeiten. An jedem Tag Stillstand würden deshalb große Mengen zusammenkommen. "Das ist eine ganz ungute Situation", sagt Kreisobmann Jakob Maier. Derzeit sei der Markt zu und die Nachfrage gering. Zu 80 Prozent sei sein Hauptabnehmer das Kartoffel-Centrum Bayern in Rain am Lech. "Wir telefonieren alle paar Tage. Mir wurde gesagt, dass man guter Dinge sei, weil es momentan wieder laufe. Bis Ende Juli würde man noch die alten Kartoffeln verarbeiten. Nach vier oder fünf Tagen Pause zum überholen der Maschine will man mit den neuen Kartoffeln anfangen. Momentan geht es weiter, wir hoffen es", sagt der Landwirt. "Solange keine zweite Coronawelle kommt", ergänzt seine Frau Renate.

Vorerst mehr Glück hat Christine Deutinger aus Langenpreising: "Das meiste bei uns sind Pflanzkartoffeln, die wir im Frühjahr an andere Bauern wieder verkaufen. Allerdings kann es sein, dass die, wenn sie ihre Kartoffeln nicht abliefern können, dann ihre eigenen anbauen", sagt. Bei den Speisekartoffeln laufe das Geschäft derzeit noch gut, "aber man weiß nicht, wenn die ganzen Kartoffeln für Pommes oder Pürree auf den Markt drücken, ob das dann nicht den Preis für die Speisekartoffel kaputt macht".

"Pommeskartoffel habe ich noch nie gehabt, aber deshalb auch nicht mehr Glück, weil ein Teil dieser Verarbeitungskartoffeln auf den Markt für Speisekartoffeln drückt", sagt Andreas Wachinger vom Hupferhof in Notzing. Solange die Ware aus dem Ausland komme, werde noch ein guter Preis gezahlt, aber sobald Kartoffeln aus Bayern komme, würden die Preise gedrückt. Zwar gehe nicht jede Sorte für Pommes auch als Salatkartoffel, aber trotzdem drücken diese derzeit ebenfalls auf den Markt und die Preise gingen noch weiter runter. Eine größere Nachfrage im Hofladen habe er aber nur die ersten Wochen mitbekommen. Vor allem, als man anfangs teilweise befürchtete, dass auch die Supermärkte zumachen müssen. "Da sind sogar ein paar Kunden aus München gekommen, weil es dort keine Kartoffel mehr gegeben habe. Nach 14 Tagen hat es sich wieder eingependelt. Das war genau wie beim Hamstern von Toilettenpapier."

© SZ vom 10.07.2020

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