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Trendentwicklung:"Wenn man nichts macht, passiert auch etwas"

Durch den Schönen Turm hinaus über die Landshuter Straße zum neuen Bahnhof: Diese Achse verdient nach Auffassung der TU-Studenten mehr Aufmerksamkeit. Denn ihre Bedeutung wird wachsen, wenn die S-Bahn künftig am Fliegerhorst hält.

(Foto: Renate Schmidt)

Studenten der TU München identifizieren Trends und Handlungsfelder für die künftige Entwicklung Erdings. Die Herausforderungen sind gewaltig, ein Interesse der Stadträte ist nicht erkennbar

Ein einschneidendes Erlebnis steht den Erdinger Bürgern bevor, ob sie wollen oder nicht: Im Jahr 2024 - der Zeitplan wird angeblich eingehalten - verlässt die Bundeswehr den Fliegerhorst. Dann gibt es viel Platz für Wohnen, Gewerbe und Freizeit. Man möge sich beizeiten Gedanken machen, was auf den 350 Hektar einmal passieren soll. Das ist eine Botschaft, die von den Projektarbeiten von Studenten der Urbanistik der TU München ausgeht, die sich monatelang damit befasst haben, wie Erding 2050 aussehen könnte. Am Dienstag haben sie ihre Arbeiten im Museum präsentiert. Vor OB Max Gotz (CSU), Vertretern der Stadtverwaltung und interessierten Bürgern - und vor keinem einzigen Stadtrat. Es ist eine einmalige Gelegenheit, aus der Perspektive von Außenstehenden auf Erding zu blicken.

Ausgangspunkt der studentischen Arbeiten war eine Analyse, zu der sie mit Vertretern von Verwaltung, Wirtschaft und Verbänden gesprochen haben. Und sie wussten bereits einiges über diese kleine Stadt, die aus wissenschaftlicher Sicht von hohem Interesse ist, wie Markus Weinig erklärte. Erding sei ein "sehr spannender Ort" mit seiner Nähe zu München und dem Flughafen und mit den Herausforderungen, die sich durch die bevorstehende Auflösung des Militärstützpunktes und dem Bau des S-Bahn-Ringschlusses ergeben. Das sei "Chance und Aufgabe" zugleich - und ein interessantes Experimentierfeld für Studenten. Die jungen Frauen und Männer befassten sich mit Trends und ihren Auswirkungen auf Erding, zum Beispiel in den Bereichen Arbeit, Gesellschaft und Mobilität - und entwickelten Zukunftsvorstellungen.

Mit der künftigen Mobilität hat sich eine Gruppe um den Studenten Spyridon Nektarios Koulouris befasst, die für ihre Arbeit das Motto "Raum für Bewegung" gewählt und Gedanken entwickelt hat, wie Fußgänger, Radfahrer, Busse und Autofahrer gelenkt werden können. Sie schlugen Sammelpunkte für Buslinien vor und Abkürzungen durch Grünzüge für Radfahrer und empfahlen, der Verbindung zwischen Altstadt und dem künftigem Bahnhof am Fliegerhorst besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Erdgeschoss-Zone an der Landshuter Straße bekomme eine neue Bedeutung. Die "besondere Dynamik", die von dem Quartier am Fliegerhorst für ganz Erding ausgehen wird, hat auch die Gruppe um Julia Wolf erkannt. Auch sie legten einen Schwerpunkt auf die Entwicklung der Achse zwischen Altstadt und Fliegerhorst, von der aus ganz Erding belebt werden soll. Task Forces sollen sich mit Flächenmanagement, Mobilität und Landschaftsplanung befassen, der Fliegerhorst soll zu einem urbanen Quartier nicht nur für Wohnen werden. Mit ihrer Fürsorge für den innerstädtischen Einzelhandel, der sich gegen den Online-Handel zur Wehr setzen muss, gewannen sie das Interesse von Gotz. Und wohl auch mit ihrem Motto "Mir ham an Schneid". Die Kooperationen von Verwaltung, Bürgerschaft und Unternehmen gefiel auch dem wissenschaftlichen TU-Mitarbeiter Markus Weinig, der in Abwesenheit des Professors Alain Thierstein die Präsentationen einordnete - und vor allem lobte.

Vier Handlungsfelder hat die Gruppe um Michael Backes identifiziert: den Fliegerhorst, die Innenstadt, das Gewerbegebiet im Westen und die Therme. Unter Berücksichtigung der fünf Zukunftstrends Mobilität, Arbeitsmarkt, Unternehmensorganisation, Regionalismus und Konsum empfahl die Gruppe, dass die Stadt gemeinsam mit Unternehmen und Bürgern Konzepte entwickelt, wie Erding in einen anderen Zustand verwandelt werden könnte. Es passiere etwas, wenn man etwas mache. Aber: "Wenn man nichts macht, passiert auch etwas", sagte der Student. Das Motto "Erding cares" legt einen Fokus auf das Zusammenwirken von öffentlicher Hand und Unternehmerseite und empfiehlt eine aktive Strategie, um qualifizierte Unternehmen anzuziehen. Für das monofunktional genutzte Gewerbegebiet West empfahl die Gruppe eine gemischte urbane Nutzung.

Einen Fokus auf Bürgerbeteiligung legte die Gruppe um den Studenten Tim Keim, die ihrer Arbeit "Pack ma's" die Erkenntnis zugrunde gelegt hatte, dass man zusammen mehr erreiche als alleine. Und dass die Werte der Menschen im Wandel begriffen seien: hin zu mehr Freizeit, zu unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsstrukturen und zu einer klimaschonenden Lebensweise. Die Gruppe hat Inselprojekte identifiziert, bei der die Bürgerschaft einbezogen werden soll. Daraus ließe sich eine neue Kultur entwickeln, um die Menschen auch bei so großen Projekten wie der Entwicklung des Fliegerhorstes einzubeziehen. Gotz zeigte sich nach den Präsentationen beeindruckt. Den externen Blick bezeichnete er als "Riesenchance", er dankte den Studenten für die "vielen Hinweise" auf Entwicklungspotenziale. "Wir dürfen nicht unvorbereitet sein", sagte er im Hinblick auf die Auflösung des Fliegerhorstes. Den jungen Leuten gratulierte er zu dem von ihnen eingeschlagenen beruflichen Weg. "Stadtplaner sind sehr gefragt." Auch in Erding.

Die Sonderausstellung "Erding 2050 Gap closing" ist während der regulären Öffnungszeiten bis zum 16. Februar zu sehen.

© SZ vom 06.02.2020
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