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Trauerbegleitung:Witwer im Einzelgespräch

Eva Maria Geisel begleitet Menschen, die mit dem Tod eines Anderen nicht zurechtkommen. Ein Hinterbliebener erzählt, wie gut ihm die individuelle Betreuung getan hat. Nach Corona rechnet der Hospizverein Erding mit steigendem Bedarf

Von Charlotte Nachtmann, Erding

"Eine Umarmung bedeutet, gehalten zu werden," sagt Trauerbegleiterin Eva Maria Geisel, "das ist für Trauernde wichtig, weil sie das Gefühl haben, jeden Halt zu verlieren." Umarmen darf sie die Menschen, die zu ihr kommen, zur Zeit aber nicht. Auch bei Spaziergängen muss sie ein bis zwei Meter Abstand halten. Geisel ist eine von neun Trauerbegleiterinnen und -begleitern sowie Vorstandsmitglied im Christophorus Hospizverein Erding. Sie begleitet aktuell sieben von insgesamt 18 Menschen, die einen Angehörigen verloren haben und beim Hospizverein Unterstützung im Umgang mit ihrer Trauer suchen. Auch ein Mann aus Taufkirchen hat die Hilfe von Eva Maria Geisel in Anspruch genommen. Vergangenes Jahr im Herbst verlor er seine Frau "sehr plötzlich und ohne Vorwarnung". Sie war während einer Operation gestorben. Verabschieden konnte er sich nicht mehr.

Der fehlende Abschied von geliebten Menschen, die im Krankenhaus oder im Seniorenheim sterben, ist ein Bild, das die Corona-Pandemie prägt. Eva Maria Geisel ist froh, dass erkannt wurde, wie wichtig es für die Sterbenden, aber auch für die Angehörigen ist, sich ein letztes Mal zu sehen. Die Begleitung Sterbender ist laut der aktuellen bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung wieder "jederzeit" erlaubt. Den Hinterbliebenen helfe das Abschiednehmen, den Tod überhaupt zu realisieren, erklärt Geisel: "Ansonsten bleibt der Gedanke, dass es doch nicht sein kann, dass jemand wirklich tot ist." Bei dem Witwer aus Taufkirchen war es nicht die Pandemie, die ihm den Abschied von seiner Frau verwehrt hat. Dennoch beschreibt auch er einen "taumelnden Zustand" der Fassungslosigkeit. "Das kann doch gar nicht sein, das muss eine Verwechslung sein", habe er im ersten Moment zum Arzt am Telefon gesagt. Sehen durfte er seine Frau noch einmal, zur Identifizierung des Leichnams. Dies sei für ihn jedoch "ein fürchterlicher Moment" gewesen, sagt er. Weil seine Frau auf dem OP-Tisch starb und in solchen Fällen immer eine Obduktion folgt, habe man alles so belassen müssen, wie es war. "Mit all den Kabeln habe ich sie fast nicht mehr erkannt", erinnert er sich.

Engels-Figur auf dem Friedhof in Riem, 2020

Jeder trauert anders, viele brauchen Gespräche. Diese Engels-Figur steht auf dem Friedhof in Riem.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Eva Maria Geisel sagt, sie merke in den Gesprächen, dass die Trauer unter Corona-Bedingungen für viele nicht einfach ist. "In engen Familienverhältnissen kann man sich natürlich weiterhin in den Arm nehmen. Aber sobald jemand von außen kommt, geht das nicht mehr." Auch deshalb begleitet der Hospizverein Erding derzeit so viele Trauernde in Einzelgesprächen wie noch nie zuvor. Bis auf wenige Ausnahmen finden Gruppenangebote wie das offene Trauercafé oder die festen Trauergruppen nicht statt. "Zu Beginn der Pandemie hatten wir aber sogar weniger Anfragen, weil manchen ein Einzelgespräch zu intim, zu persönlich, zu eng ist", erklärt Geisel.

Der Witwer aus Taufkirchen hingegen ist froh über die Einzelberatung. Ursprünglich hatte er sich auf den Rat seiner Tochter für ein Gruppenangebot angemeldet, das dann aber nicht stattfinden konnte. So traf er sich zwischen November und März mehrere Male mit Eva Maria Geisel alleine. Gerade die individuelle Ansprache habe ihm sehr gefallen, da die Trauerberaterin "mich und meine Frau in den Mittelpunkt gestellt hat". Sie habe zugehört, ohne dass er das Gefühl gehabt hätte, "lästig" zu sein. "Meine Kinder wollen das Thema lieber umschiffen", sagt der Witwer, "ich hingegen könnte mich stundenlang mit meiner Frau befassen und über sie sprechen."

Eva Maria Geisel.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Seine Trauergeschichte zeigt, wie individuell der Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen ist. "So individuell wie der Mensch, der diesen Verlust erlebt", ergänzt Geisel. Sie vermutet, dass viele Angehörige zunächst nicht über den Verstorbenen reden möchten, "weil ihr Schmerz so groß ist, dass sie Angst haben, dass er durch Gespräche noch größer werden könnte". Zu Geisel kommen auch Menschen, deren Verlust bereits mehrere Monate oder ein Jahr zurückliegt. Daher erwartet sie, dass die zur Zeit ohnehin schon hohe Zahl an Trauerbegleitungen weiter steigen wird. Viele freuten sich aber auch auf die Zeit, wenn wieder Gruppenangebote möglich sind. "Dort können die Menschen einen gemeinsamen Weg durch die Trauer finden."

Auch der Witwer aus Taufkirchen schließt nicht aus, dieses Angebot einmal wahrzunehmen, er schätzt aber vor allem das geduldige und aktive Zuhören seiner Trauerberaterin. "Sie wusste immer, wann sie Fragen stellen sollte und wann sie einfach nur zuhört."

Geisel hat wie alle Trauerbegleiter im Hospizverein Erding neben ihrer Hospizbegleiterschulung eine Zusatzausbildung gemacht. Schließlich mache es einen Unterschied, einen Menschen in den Tod oder zurück ins Leben zu begleiten, erklärt sie. Doch auch sie kenne kein Allheilmittel gegen die Trauer.

"Die Hauptfrage, die man sich stellt, ist doch, warum es so kam. Das kann auch die beste Trauerberaterin nicht beantworten", sagt der Witwer. "Oder die Frage, was in der Zukunft passieren soll. Bleibe ich meiner Wohnung? Öffne ich mich wieder für etwas Neues?" Eva Maria Geisel überlegt stattdessen mit dem Trauernden gemeinsam, was er oder sie tun kann. Das können auch Kleinigkeiten sein. So ist sie begeistert von dem Ansatz des Witwers, seine Gefühle und Fragen im Zusammenhang mit dem Tod seiner Frau in einem Notizbuch niederzuschreiben. "Trauern ist Arbeit", betont Geisel, "eine Form des Wiederholens und Aufschreibens der eigenen Gefühle, kann sehr helfen". Zur Erinnerung an seine Frau hat der Taufkirchener ein Fotoalbum angelegt: "Da habe ich erst wieder festgestellt, wie unglaublich schön meine Frau war. Im Alltag geht das manchmal unter." Ein Bild hängt auch im Hospizverein, denn dort hat sich seine Frau die zwei Jahre vor ihrem Tod engagiert. "Sie war mit dem Tod viel vertrauter als ich", sagt ihr hinterbliebener Mann.

© SZ vom 29.05.2021
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