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Totschlag in Erding:Ausbeutung und Gewalt

Landgericht Landshut: Ein 51 Jahre alter Ukrainer, der ausstehenden Lohn fordert, wird von Kollegen tot geprügelt

Von Florian Tempel, Landshut

Der Tod des 51-jährigen Ukrainers, der seit Dienstag am Landgericht Landshut verhandelt wird, ist ein erschütternder Fall von Ausbeutung und Gewalt. Der Ukrainer arbeitete, mit einer falschen Identität ausgestattet, als Zeitarbeiter bei einem Paketdienst. In einem Streit um ausstehenden Lohn und ein Firmenfahrzeug wurde er am 13. November 2017 von Kollegen auf offener Straße so brutal verprügelt, dass er ins Koma fiel und drei Wochen später an seinen schweren Verletzungen starb. Fünf Männer im Alter zwischen 22 und 47 Jahren sind nun wegen Totschlags beziehungsweise Beihilfe dazu angeklagt. Der Prozess ist auf fünf Verhandlungstage angesetzt.

Über den Getöteten wurde am ersten Prozesstag kaum gesprochen. Die Anklageschrift fasst nur das äußerliche Tatgeschehen zusammen und gibt nur wenige Hinweise auf die Hintergründe und Einzelheiten, die erst im Laufe des Prozesses erörtert werden. Der grobe Rahmen wurde aber bereits deutlich erkennbar.

Ein wesentlicher Umstand ist, dass sowohl Täter wie Opfer bei der gleichen Firma angestellt waren. Das Unternehmen hat seinen Sitz in der Nähe von Heidenheim und ist im Handelsregister als Transport- und Zeitarbeitsfirma eingetragen. Offensichtlich lieh diese Firma Zeitarbeiter an den Paketdienst GLS aus, der unter anderem in Erding ein Paketzentrum hat. Laut den Angaben eines Angeklagten waren die bei GLS beschäftigten Zeitarbeiter Männer aus vielen verschiedenen Ländern. Er berichtete, dass in dem Arbeiterwohnheim in Knüllwald in Hessen, in dem er sich vorwiegend aufhielt und als Vorarbeiter fungierte, Männer aus 25 Nationen lebten. Ein ähnliches Arbeiterwohnheim gab es in Taufkirchen.

Von den fünf Angeklagten sind zwei Litauer und drei Letten. Als EU-Bürger hatten sie keine Probleme in Deutschland zu arbeiten. Beim Getöteten und zwei weiteren Kollegen aus Tadschikistan, die in der Tatnacht mit ihm zusammen waren und ebenfalls angegriffen wurden, war das anders. Alle drei hatten offenbar gefälschte Identitäten, die sie als vermeintliche EU-Bürger auswiesen.

Diese drei Männer hatte laut der Anklage einen Streit mit dem Geschäftsführer der Zeitarbeitsfirma, da er ihnen Lohn schuldete. In der Anklageschrift heißt es dann, dass einer der Angeklagten sie in einem Firmenwagen nach Taufkirchen zu dem bereits erwähnten Wohnheim fuhr. Die drei Männer weigerten sich dort aber, aus dem Fahrzeug auszusteigen, bevor sie das ihnen zustehende Geld bekämen. Ihr genervter Kollege fuhr mit ihnen daraufhin nach Erding und parkte das Auto auf dem Parkplatz vor dem Cineplex-Kino. Er zog den Schlüssel ab und ließ die drei Männer unter dem Vorwand, er werde ein Navi-Gerät besorgen und sie dann wegen ihrer Lohnforderungen zum Chef in die Zentrale fahren, in dem Auto sitzen. Tatsächlich aber holte er aus dem Taufkirchener Wohnheim die vier anderen Angeklagten als Verstärkung.

Der schnell gefasste Plan war, die lästigen drei Kollegen, die immer noch in Erding im Firmenauto saßen und warteten, mit Gewalt aus dem Fahrzeug zu zerren und ihnen das Auto abzunehmen. Zu fünft fuhren die Angeklagten in einem Kleintransporter vor und parkte genau neben dem Wagen, in dem die anderen drei saßen. Es war mittlerweile etwa 1.40 Uhr.

Einer der Tadschiken stieg arglos aus, um seine Kollegen zu begrüßen. Zwei blieben in dem Kleintransporter sitzen, drei kamen auf ihn zu - und schlugen ihn völlig unvermittelt und ohne Vorankündigung mit einer Bierflasche und einem eisernen Gegenstand. Der Geschlagene schaffte es, schnell wieder in das Auto einzusteigen und es von innen zu verriegeln. Sein Kollege aus der Ukrainer versuchte hingegen zu flüchten. Er kam indes nicht weit, weil ihm die Angreifer hinterher rannten, ihn zu Fall brachten, ihn brutal mit dem eisernen Gegenstand auf den Kopf schlugen und ihm Fußtritte gegen den Kopf verpassten. Als sie bemerkte, dass ein Augenzeuge ihre schreckliche Tat beobachtete, gingen sie weg und fuhren mit ihren zwei Kollegen, die im Kleintransporter sitzen geblieben waren, zurück nach Taufkirchen.

Das lebensgefährlich verletzte Opfer wurde wenig später in ein Münchner Klinikum gebracht. Der 51-Jährige, der eine schwere Schädelbasisfraktur erlitten hatte, erwachte nicht mehr aus der Bewusstlosigkeit und starb am 4. Dezember 2017. Die fünf Angeklagten wurden noch in der Tatnacht in Taufkirchen festgenommen. Sie saßen seitdem in Untersuchungshaft. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

© SZ vom 21.11.2018
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