Taufkirchen:Klinikum gedenkt Opfer der Euthanasie

Während der NS-Zeit wurden 94 Menschen aus der damaligen Landesfürsorge­anstalt Taufkirchen deportiert. 68 starben in der Tötungsanstalt Hartheim, weitere in den "Hungerhäusern" in Eglfing-Haar

Von Thomas Daller, Taufkirchen

Erstmals haben die Gemeinde Taufkirchen und das kbo-Klinikum jener 94 Menschen gedacht, die während der NS-Zeit aus der damaligen Landesfürsorgeanstalt deportiert wurden. 68 Taufkirchener Pfleglinge wurden in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz ermordet, weitere Pfleglinge starben in den sogenannten "Hungerhäusern" in Eglfing-Haar. In Erinnerung an diese Euthanasieverbrechen haben Bürgermeister Stefan Haberl (CSU) und Rudolf Dengler, Standortleiter des kbo-Klinikums Kränze am Wasserschloss Taufkirchen niedergelegt, wo diese Opfer des Nationalsozialismus bis zu ihrer Deportation untergebracht waren.

Taufkirchen: Bürgermeister Stefan Haberl und Klinikchef Rudolf Dengler gedachten der Opfer, zündeten Kerzen an und legten Kränze nieder.

Bürgermeister Stefan Haberl und Klinikchef Rudolf Dengler gedachten der Opfer, zündeten Kerzen an und legten Kränze nieder.

(Foto: Renate Schmidt)

Das kbo-Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen hat im Rahmen ihrer 100-jährigen Geschichte diese Vergangenheit aufgearbeitet und in einer Chronik transparent gemacht. Die Deportation dieser 37 Männer und 57 Frauen erfolgte am 21. Oktober 1940. Den Jahrestag nahm man nun zum Anlass, um diesem "abgründigen und grauenvollen Geschehen zu gedenken", sagte Haberl. Er erinnerte daran, dass es während der NS-Zeit Zwangssterilisationen gegeben habe und einen "industriellen Mord" unter dem Tarnnamen T4. In der Chronik des Klinikums heißt es dazu, dass die Landesfürsorgeanstalt Taufkirchen mindestens 74 Anträge auf "Unfruchtbarmachung" gestellt habe.

Taufkirchen: 68 Pfleglinge seien Ende Februar 1941 in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz deportiert und ermordet worden.

68 Pfleglinge seien Ende Februar 1941 in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz deportiert und ermordet worden.

(Foto: Renate Schmidt)

Ab 1940 seien dann die ersten Pfleglinge in die damalige Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar deportiert worden. 68 Pfleglinge seien Ende Februar 1941 in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz deportiert und ermordet worden, weil die Nationalsozialisten sie als "Ballast" und "unwertes Leben" betrachteten. Weitere Pfleglinge seien in den sogenannten "Hungerhäusern" in Eglfing-Haar einen grausamen Tod gestorben. "Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Schicksale dieser Opfer ignoriert", sagte Haberl. "Mit dem heutigen Tag wollen wir den Toten eine Stimme geben. Solches Erinnern macht betroffen. Wir stehen mit Fassungslosigkeit und Entsetzen davor und fragen uns, wie konnte so etwas geschehen?" Trauer und Gedenken, sagte Haberl, könnten Wege zur Aussöhnung leisten. Er dankte dem Klinikum, dass es den Anstoß gegeben habe, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Taufkirchen: Hier eine Aufnahme des Klinikums aus dem Jahr 1933 mit der Hakenkreuzfahne am Taufkirchener Wasserschloss.

Hier eine Aufnahme des Klinikums aus dem Jahr 1933 mit der Hakenkreuzfahne am Taufkirchener Wasserschloss.

(Foto: kbo-Isar-Amper-Klinikum)

Standortleiter Dengler sagte, "wir sind zutiefst beschämt, dass diese Menschen nicht von unseren Vorgängern geschützt wurden". "Unsere Aufgabe ist es, die Verbrechen lückenlos aufzuarbeiten und die Täter lückenlos zu benennen." Es sei von hoher gesellschaftlicher Relevanz, die Euthanasieverbrechen aufzuarbeiten. Mit der Chronik des Klinikums ziele man auf Transparenz: "Wir wollen jedes Opfer betrauern und seine Identität wiedergeben."

"Taufkirchen hat damals weggeschaut und geschwiegen", sagte Franz Hofstetter, Bezirksrat und Altbürgermeister der Gemeinde Taufkirchen. Die Psychiatrie habe auch nach 1945 keinen Schlussstrich gezogen, sondern bis in die 1970er Jahre ihre Aufgabe als "Verwahranstalten" gesehen. "Ich kann mich noch gut erinnern, als Professor Dose das erstmals benannt hat", sagte Hofstetter. Professor Matthias war von 1993 bis 2014 Ärztlicher Leiter des Klinikums Taufkirchen. Er hat das ehemalige Taufkirchener Langzeitkrankenhaus für chronisch Kranke zu einem Akut-Krankenhaus für psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung umgewandelt. Hofstetter: "Heute bemühen wir uns um Inklusion, wir wertschätzen die Leute, die ein Handicap haben." Mit der Kranzniederlegung zeige man, dass man nicht vergesse , was damals geschehen sei.

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