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Annabel Wahba in Erding:Das Chamäleon-Prinzip

Zurückgekehrt nach Erding: Annabel Wahba liest im Pfarrsaal St. Vinzenz aus ihrem Buch "Tausend Meilen über das Meer" vor. Eine ehemalige Lehrerin des Erdinger Gymnasiums hat die Journalistin eingeladen.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Journalistin hat sich stets erfolgreich angepasst. Erst an Erding, später an Berlin. Jetzt hat sie das Buch "Tausend Meilen über das Meer" über einen Flüchtling geschrieben. Auch er will sich anpassen, doch das führt zu neuen Problemen

Für Karim Deeb riecht Deutschland nach Linoleum, nach alten Socken und Essigreiniger. So roch es in der Polizeistation und im Jugendamt, das er als minderjähriger Flüchtling oft aufsuchen musste. Syrien riecht anders, nach Gewürzen, nach einem Hauch von Kaffee. Karim Deeb ist geflohen. Die Flucht begann mit Bomben, die auf seine Heimatstadt Homs fielen. Karim Deeb heißt in Wahrheit anders. Aber seine Geschichte, seine Eindrücke sind echt. Die Journalistin Annabel Wahba, die in Erding aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, hat daraus ein Buch gemacht, einen Tatsachenbericht: "Tausend Meilen über das Meer". Es ist gerade für den angesehenen Jugendbuchpreis Buxtehuder Bulle nominiert.

Ein Freitagabend im Juli. Im Pfarrsaal St. Vinzenz ist es sehr heiß, trotzdem drängeln sich viele Menschen um wenige freie Plätze. Vorne steht ein Tisch, darauf ein großer Strauß Blumen. Man hört Wahba mehr, als dass man sie sieht. Aber es geht ja vor allem um ihr Buch, aus dem sie vorliest, und die Geschichte. Eigentlich sind es zwei Geschichten. Der eine Handlungsstrang führt Karim Deeb weg von seiner syrischen Heimat, auf eine gefährliche Reise über das Mittelmeer nach Europa. Schließlich kommt er ohne seine Familie nach Konstanz, wo er bei seinem strengen Onkel Amir lebt. Der andere konfrontiert den Protagonisten mit einer neuen, komplizierten Welt: Mitschüler lachen, weil sein Nachname ungewöhnlich klingt: wie "Dieb". Lehrer haben Vorurteile. Anders als in Syrien trinken 16-Jährige in Deutschland ganz selbstverständlich Alkohol oder hängen mit Mädchen rum. "Sich anzupassen - das war mindestens so schwierig wie die Flucht übers Meer", sagt Wahba, 45. Sie kennt das Prinzip.

Vor elf Jahren hat sie für die Wochenzeitung Die Zeit ein Selbstporträt geschrieben. Deutschland debattierte gerade über Parallelwelten, darüber wie sich ausländische Menschen benehmen müssten. Im Kern ging es um dasselbe wie heute, um Integration. Ihren Text überschrieb Wahba mit dem Satz: "Ich bin ein Chamäleon." Vater gebürtiger Ägypter, Mutter Deutsche, sie "Bürgerin mit Migrationshintergrund". Sie beschreibt, wie sie in Erding, der bayerischen Kleinstadt, mit drei Geschwistern aufgewachsen ist. Wie die Menschen immer stutzten, wenn sie ihren Nachnamen hörten - sie konnten ihn nicht zuordnen. Wahba fühlte sich trotzdem zuhause, wenn auch nicht verwurzelt. Sie, das Chamäleon, hat sich jedoch stets angepasst. Erst ans beschauliche Erding. Später an Israel, wo sie zwei Jahre lebte. Dann an Berlin, wo sie gerade für das Zeitmagazin arbeitet. Wahba kann sich an vielen Orten zuhause fühlen.

Wer könnte also besser über Heimat-Suchende schreiben?

"Auch Flüchtlinge müssen Chamäleons sein", findet Wahba. "Sie sind sogar doppelt unter Druck." Hin- und hergerissen zwischen alter und neuer Welt, zwischen Gewürzen und Linoleum. Die aufnehmende Gesellschaft erwartet, dass sich der Neue schon ordentlich einfügt. Die Familie wiederum will, dass man der eigenen Kultur treu bleibt. Im Buch kommt es deshalb zum Streit zwischen Karim Deeb und seinem sehr konservativen Onkel Amir. Dieser findet, Karim solle Abstand zu Mädchen halten.

Karim sagt: "Ich will deutsche Freunde haben. Und die sind in manchen Dingen nun mal anders als wir."

Amir: "Du sollst deine Herkunft und deine Religion nicht vergessen!"

Karim: "Ich suche nach einem Weg, beides zu verbinden."

Ein Chamäleon zu sein bedeutet auch, widersprüchlich zu sein. Wahba fängt diese Ambivalenz ein. Sie erzählt die Ereignisse nicht chronologisch, sondern wechselt zwischen der Vergangenheit, Karim Deebs Flucht, und der Gegenwart, seinem Leben in Deutschland. Diese Idee setzte Wahba bei ihrem Verlag durch, der ursprünglich nur die Flucht thematisieren wollte. Wahba sagt: "Zum Glück."

Nach der Lesung im Pfarrheim St. Vinzenz signiert sie Bücher, schüttelt viele Hände, umarmt Bekannte. Der Name Wahba ist den Erdingern längst ein Begriff, davon zeugt unter anderem der proppenvolle Saal. Ihre Eltern wohnen noch immer hier, engagieren sich in der Kirche. Wahba kommt alle paar Monate zurück ins ruhige Erding. Sie mag den Kontrast zum chaotischen, lauten Berlin. Ihre ehemalige Lehrerin Roswitha Bendl hat sie im Namen von Pax Christi eingeladen, in Erding aus ihrem Buch vorzulesen. Früher am Gymnasium fiel Wahba den Lehrern als meinungsfreudige Schülerin auf, die leidenschaftlich gerne diskutierte. Die Sozialkunde-Lehrerin meinte einmal, sie würde eine gute Journalistin abgeben. Bei der Deutschen Journalistenschule in München sahen sie es genauso.

Vor gut zwei Jahren fand dann Wolfgang Bauer, ein Kollege bei Der Zeit, Wahba könne doch sicher auch ein gutes Buch schreiben. Der Verlag hatte sich zunächst an ihn gewandt. Bauer hatte es zu einiger Bekanntheit gebracht, weil er den Versuch unternahm, wie ein Flüchtling von Ägypten aus das Mittelmeer zu überqueren - und dabei in einem ägyptischen Gefängnis landete. Seine Erfahrungen verarbeitete er bereits in einem Buch, deshalb schlug er Wahba als Alternative vor. Sie sagte zu. Es begann die Suche nach einem Protagonisten. Einem Jugendlichen, dem die Flucht über das Mittelmeer gelungen war. Und wichtiger noch: Der davon erzählen konnte. "Viele Flüchtlinge sind traumatisiert. Sie sollen nicht detailliert über ihre Erlebnisse sprechen, weil nicht klar ist, was das im Inneren auslöst", sagt Wahba.

Sie fand ein passendes Mädchen - gerne hätte sie die Flucht eines Mädchens erzählt. Doch die Eltern waren dagegen. "Verständlich", sagt Wahba. Schließlich erinnerte sich Bauer, ihr Kollege, an einen Jungen, den er in Alexandria im Gefängnis kennen gelernt hatte. Dieser hatte sich inzwischen nach Deutschland durchgeschlagen: Karim Deeb, der in Wahrheit anders heißt. "Er war nicht traumatisiert und wollte seine Geschichte erzählen", sagt Wahba. Karim Deeb hatte Videos und Fotos auf seinem Handy gespeichert, das half ihm, später Einzelheiten zu beschreiben. Autorin und Protagonist trafen sich immer wieder. Nach einem Jahr war aus Karim Deebs Erlebnissen ein Buch geworden. Das Buch ist abgeschlossen, aber sein Leben geht natürlich weiter.

Mittlerweile hat es auch seine Familie nach Deutschland geschafft. Karim Deeb hat die Realschule abgeschlossen. Gerade versucht er, das Abitur nachzuholen. "Es geht ihm gut", sagt Wahba. Auch weil Karim Deeb ein ähnliches Talent besitzt wie sie selbst: "Ihm fällt es leicht, sich anzupassen."

Tausend Meilen über das Meer erscheint im cbj Verlag (256 Seiten, 8,99 Euro). Das Buch wird empfohlen für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren.