Kickboxerin Tatjana Obermeier "Die Nase kann man wieder richten"

Die Erdingerin gehört zu den Besten der Welt. Als weibliche Kampfsportlerin wird sie trotzdem manchmal belächelt. Über eine junge Frau zwischen BWL, Brunch und K.o.

Von Thomas Jordan, Erding

Tatjana Obermeier lacht. Dann schlägt sie zu. Die 24-Jährige knallt eine Gerade auf die schwarze Pratze, die ihr die Sparringspartnerin auf Augenhöhe hinhält. Ihr lederner Boxhandschuh trifft auf das schwarze Schlagpolster und macht ein dumpfes Geräusch. Dann drehen sich die beiden jungen Frauen weg und machen ein paar Witze. An diesem Abend im Trainingscenter des Kickbox-Vereins (KBV), am äußersten Rand von Erding, ist es nur ein Termin für ein Fotoshooting. Normalerweise kämpft Obermeier auf internationalen Wettbewerben im Ring.

Die Erdingerin hat erst mit 18 Jahren mit Kickboxen angefangen. Neun Monate später hatte sie ihren ersten Kampf. Heute ist die 24-Jährige Weltranglistenerste der Frauen im Kickboxen. Gewichtsklasse bis 52 Kilogramm. "Ich hab mich in den Sport verliebt," sagt sie. Obermeier kämpft im Vollkontaktstil. Der härtesten der drei Stilarten, die es im Kickboxen gibt. Hier kann man gewinnen, indem man die Gegnerin k.o. schlägt. Erlaubt sind Faustschläge genauso wie Fußtritte. Bei der Weltmeisterschaft in Rimini dieses Jahr hat sie die Bronzemedaille geholt. Wie fühlt sich das an, wenn man eine Gegnerin mit einem einzigen Schlag ausknockt? Sie versuche, bei einem Wettbewerb nicht zu viel nachzudenken, sagt Obermeier. Da kämen oft nur Zweifel: "Wenn du im Kampf zweifelst, hast du schon verloren." Einmal hat sie im Training eine Sparringspartnerin k.o. geschlagen. Ein Versehen. Sie habe der Sparringspartnerin nur locker aufs Kinn geschlagen. Die fiel daraufhin um. "Ich bin total erschrocken."

"Wenn du im Kampf zweifelst, hast du schon verloren", sagt Tatjana Obermeier. Seit sie Kickboxen betreibe, sei sie auch in Stresssituationen im Alltag tougher geworden, sagt die 24-jährige Erdinger Kickboxerin.

(Foto: Stephan Goerlich)

Obermeier ist ein offener, kumpeliger Typ. Sie sieht eher aus wie 18, nicht wie 24. Wenn man sie trifft, fordert die 1, 63 Meter große Frau als erstes ein, dass man sie duzt. Genauso locker redet sie darüber, wie es ist, Gegnerinnen zu verprügeln. Eben noch hat sie erzählt, wie ein perfekter Tag für sie aussieht: Brunchen, frischgepresster O-Saft, mit Freunden ans Wasser. Dann sagt sie Sätze wie diesen: "Mir macht es Spaß, wenn ich so stark schlagen darf, wie ich will." Das Kickboxen hat sie härter gemacht, sagt Obermeier, aber auch kontrollierter. Bei jedem Wettkampf schießt der Adrenalinspiegel nach oben. Das gehört für sie inzwischen zum Alltag. "In Stresssituationen bin ich jetzt tougher", sagt sie.

Tatjana Obermeier ist ehrgeizig, schon als 18-Jährige arbeitete sie nebenher, um sich Geld für ein eigenes Auto zu verdienen. Inzwischen studiert sie an der TU München TUM-BWL, ein Elitestudiengang. "Für mich ist das Schwierigste, mit mir selbst zufrieden zu sein," sagt die 24-Jährige. Seit sie Kickboxen betreibt, fühlt sie sich wohler. Beine, Arme, Oberkörper, fast jeder Muskel wird dabei trainiert. Der perfekte Workout. Auch das ist ein Grund dafür, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren, den Kampfsport zu erlernen. Kickboxen verspricht die optimale Figur. Viele Frauen besuchen bei ihm aber auch Selbstverteidigungskurse, sagt KBV-Chef Heinz Klupp. Über Tatjana Obermeier sagt der Gründer des Kickboxzentrums: "Sie ist keine, die einfach draufhaut." Hartnäckig und clever sei die Tatjana. Beim Kickboxen müsse man auch sich selbst gegenüber hart sein. Obermeier habe das erkannt.

Bereit für den Kampf in voller Montur. Vor Wettkämpfen trainiert Obermeier zehn Mal pro Woche.

(Foto: Stephan Goerlich)

Wie würde sie reagieren, wenn sie abends auf dem Heimweg angegriffen würde? Hätte sie Bedenken, zurückzuschlagen? Obermeier überlegt eine Weile, dann sagt sie: "Ich glaube, dass meine Hemmschwelle größer ist." "Ich weiß, dass wenn ich zuschlage, würde es weh tun." Sie sagt das sehr ruhig. Auf eine selbstbewusste, nicht auf eine überhebliche Weise. Normalerweise trainiert Obermeier sechsmal pro Woche. Vor Wettkämpfen sind es zehn Mal. Der Kampfsport auf Obermeiers Niveau ist kein Hobby, sondern konzentrierte Arbeit an Schlagtechnik und Einstellung. Es geht darum, immer besser zu werden, Kampfsituationen optimal lesen zu können. "Grenzen zu verschieben", wie es Obermeier nennt. Deswegen nerven sie auch so manche Reaktionen, wenn sie anderen Leuten von ihrem Sport erzählt. "Gerade Männer können sich oft nicht vorstellen, was wirklich dahinter steckt." Da höre sie dann zehnmal an einem Abend die gleichen Sprüche. Kaum einer könne sich vorstellen, dass die zierliche 24-Jährige hart zuschlagen kann. Das nervt. Wenn Obermeier Leistung bringt, will sie auch Anerkennung dafür haben.

Auf Profiniveau gibt es auch in Erding, einem Kickboxzentrum in Deutschland, nur eine Handvoll weiblicher Kämpferinnen. Obermeier ist die beste von ihnen. Trotzdem kann sie nur davon träumen, von ihrem Sport zu leben. Neben ihrem Studium arbeitet sie in einer Eventagentur. Obermeier ist schon froh, dass sie seit kurzem einen Sponsor hat, der sie bei den Kosten für Hotel und Flüge bezuschusst. Jedes Jahr stehen vier internationale Turniere an. "Um alle Kosten zu decken, reicht es trotzdem nicht", sagt sie. Wenn Obermeier zu einem Kampf fährt, ist sie immer schon eine Stunde vor dem Kampf bereit. Das lehrt die Erfahrung, denn beim Vollkontakt-Kickboxen kann es manchmal schneller gehen als geplant. Wenn ein Boxer k.o. geht zum Beispiel. Sie selbst hat sich beim Kämpfen schon mal die Nase gebrochen. "Glück gehabt, gerade geblieben" sagt sie dazu. Wer mit Kampfsport anfange, müsse sich bewusst sein, dass so etwas passieren kann. Und außerdem: "Die Nase kann man wieder richten."