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Tassilo:"Wenn das Licht ausgeht, geht der Film an"

Das Kinocafé ist eine unverzichtbare Taufkirchener Kulturinstitution. Werbung mag Andreas vom Hofe nicht und deshalb läuft bei ihm auch nie welche. Seine Programmauswahl ist anspruchsvoll, seine persönliche Bescheidenheit geradezu selbstausbeuterisch

Von Julian Illig, Taufkirchen

Man sitzt sehr gemütlich auf den Sofas im Kinosaal. Das ist Andreas vom Hofe wichtig. "Wenn ich mich nicht wohlfühle, warum sollte ich das überhaupt machen?"

(Foto: Renate Schmidt)

Das Kinocafé ist sein Wohnzimmer. Das sagt Andreas vom Hofe nicht nur, weil er gemütliche Sofas in den Kinosaal gestellt hat. Ihm ist es wichtig, dass sich die Besucher wohlfühlen - und er selbst auch. Denn: "Wenn ich mich nicht wohlfühle, warum sollte ich das überhaupt machen?" Das Kinocafé ist "ständiger Bestandteil meines Lebens". Andreas vom Hofe ist sechs Tage in der Woche da, um diese unverzichtbare Taufkirchener Kulturinstitution zu betreiben. Die Besitzer des Kinos haben in den vergangenen vier Jahrzehnten mehrmals gewechselt. Andreas vom Hofe blieb dem Kinocafé in all den Jahren treu. Mit 15 ging er zum Flipperspielen hin, mit 18 fing er an, dort zu bedienen, später kümmerte er sich um die Kinotechnik. 2000 übernahm er die Führung und 2011 kaufte er das Kinocafé schließlich selbst. Seit 36 Jahren arbeitet vom Hofe, inzwischen 54, schon dort.

Das Kinocafé ist nicht nur Kino und auch nicht nur Café. Hier finden Veranstaltungen aller Art statt. Kabarettisten treten auf, junge Bands, es gibt Diskussionsabende, Vorträge vom Deutschen Alpenverein, die offene Bühne von Andrea Traber, sogar Theatervorführungen. Andreas vom Hofe ist dann nicht der Veranstalter, sondern eher Dienstleister, stellt das Equipment bereit und seine Arbeitskraft im Café. "Ich stelle die Dinge gern jedem zur Verfügung, der was machen möchte, auch in jeder möglichen Form. Man kann alles besprechen."

Mehr als Kino, mehr als Café: hier finden Veranstaltungen aller Art statt.

(Foto: OH)

Es soll eine familiäre Atmosphäre herrschen, sagt vom Hofe, es ist ihm wichtig, diesen "eigenen Charme", wie er es nennt, zu bewahren. "Alles läuft sehr persönlich ab". Es sind viele Stammgäste, die zu ihm kommen, nicht unbedingt aus Taufkirchen, viele auch aus Dorfen, Velden, Erding und sogar Landshut. Einige sind über die Zeit seine Freunde geworden. Wenn sie ihn sehen wollen, dann kommen sie ins Kinocafé, trinken einen Tee oder Wein und schauen vielleicht einen Film. Vom Hofe spricht ruhig und bedacht, sagt von sich selbst: "Ich bin von Haus aus eher introvertiert, das Gegenteil von dem, was man sich von einem Wirt vorstellt. Ein von Haus aus sehr ruhiger Mensch, ich bin schon auch offen, aber ich möchte mich nicht aufdringen." Die Gäste kommen aber vor allem auch, weil sie bei ihm Filme schauen können, die sie in den großen Kinopalästen gar nicht zu sehen bekommen.

Kino Cafe

Viele Besucher schätzen den Charme des Kinos, ob draußen oder drinnen.

(Foto: Stephan Görlich)

Filme sind seine Leidenschaft, das Kinoprogramm stellt er Monat für Monat selbst zusammen. Er sucht nach Regisseuren, die er gut findet, nach Schauspielern, manchmal spricht ihn die besondere Machart eines Filmes an, etwa die Kameraeinstellungen. Hollywoodblockbuster laufen eher nicht bei ihm. Fast alle, was er zeigt, interessiert ihn selbst. Und dann beginnt er zu erzählen, von "Die Haut, in der ich wohne", von "Sin City" und "Taxi Teheran", und von "A Clockwork Orange". Filme mit kulturellem Hintergrund sprechen ihn an, einige iranische Filme in letzter Zeit. Oft haben auch seine Stammgäste Vorschläge, die er gerne aufnimmt. Ein absolutes Highlight für ihn waren Stummfilme, die im Kinocafé mit Livemusik liefen: "Metropolis", "Modern Times", "Die Sinfonie der Großstadt". Er betreibt sein Kino aus "Spaß an der Freude", wie er selbst sagt, denn finanziell ist das eher keine Goldgrube.

3000 Besucher im Jahr kommen in etwa. Das macht fünf Besucher pro Vorstellung. Manchmal kommt überhaupt niemand, manchmal nur einer, dann ist das für Andreas vom Hofe ein Draufzahlgeschäft. Gewinn erwirtschaftet er vor allem im Café - und wenn es einen neuen Ebenhofer-Krimi gibt, dann kommen alle und der Saal ist ausverkauft. Werbung spielt er nicht, weil er das nicht mag. "Wenn das Licht ausgeht, geht der Film an."

Kino Cafe

Ins Kino kommen viele Stammgäste nicht nur aus Taufkirchen, viele auch aus Dorfen, Velden, Erding und sogar Landshut.

(Foto: Stephan Görlich)

Ein Euro, das hat er mal ausgerechnet, ist sein Stundenlohn. So ein Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn man das wirklich will. Und wenn man zum Beispiel wie vom Hofe mietfrei wohnt und seit einem schweren Autounfall in den Neunzigern eine Unfallrente bezieht. Das Kinocafé betreiben, das "geht nicht, wenn man Normalsterblicher ist", sagt er.

Corona ist für ihn trotzdem eine Herausforderung, "es schaut finanziell mies aus". Sorge macht ihm auch, ob nach dem Lockdown überhaupt wieder Leute kommen, wenn sie sich die Angst angewöhnt haben davor, mit anderen Menschen eng in einem Raum zu sitzen. Schon vor Corona stellte sich in der Kinobranche die Frage, ob sie überhaupt überlebensfähig ist, angesichts von immer populäreren Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime. Vom Hofe befürchtet, dass die Pandemie diesen Trend noch beschleunigt.

Er selbst aber ist nach wie vor begeistert vom Kino und gibt sich in Corona-Zeiten einmal in der Woche eine Privatvorstellung. Die Nominierung für den SZ-Kulturpreis Tassilo freut ihn sehr, "Balsam für die Seele" ist das, sagt er. Seine Wünsche und Hoffnungen sind irgendwann wieder aufzumachen, und dass er sein Leben noch einige Jahre, möglichst Jahrzehnte, dem Kinocafé widmen kann.

© SZ vom 04.05.2021
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