bedeckt München 28°

Tassilo:"Was habt ihr immer mit den alten Sachen!"

Schorsch Wiesmaier und Hans Elas wollen noch viele spannende Themen bearbeiten.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Geschichtswerkstatt Dorfen leistet außerordentlich starke Arbeit bei der Erforschung insbesondere der lokalen NS-Geschichte. Schorsch Wiesmaier, Hans Elas und ihre Mitstreiter erinnern an Vergessenes, holen Verdrängtes hervor und rücken Verdrehtes zurecht

Von Florian Tempel, Dorfen

Die Geschichte der Geschichtswerkstätten, das wäre schon wieder ein eigenes Thema für eine historische Arbeit. Es war Ende der 1970er Jahre, als Sven Lindqvists Buch mit dem programmatischen Titel "Grabe, wo du stehst" die Initialzündung für die Gründung vieler Gruppen war, die Geschichtsschreibung anders als bisher betreiben wollten. Auch Hans Elas und Schorsch Wiesmaier kennen das Konzept aus dieser Zeit, gründeten aber zusammen mit Heidi Oberhofer-Franz erst vor vier Jahren die Geschichtswerkstatt Dorfen. In dieser, geschichtlich gesehen, relativ kurzen Zeit hat die Geschichtswerkstatt Dorfen außerordentlich starke Arbeit bei der Erforschung insbesondere der lokale NS-Geschichte geleistet. Das hat vor allem, aber nicht nur, eine heilsame Wirkung in Dorfen und Umgebung entfaltet. Die Forschung zum Dorfener Nazi-Schriftsteller Josef Martin Bauer etwa ist weit mehr als von lokaler Bedeutung. Die Nominierung für den SZ-Kulturpreis soll die bemerkenswerten und wichtigen Leistungen der Geschichtswerkstatt Dorfen - in der übrigens immer mehr Frauen und Männer mitforschen - unterstreichen.

Das Credo der Geschichtswerkstätten war und ist, Geschichte von unten anzupacken. Wesentlich sind die Befragung echter Zeitzeugen, die Dinge bewusst miterlebt haben, verbunden mit solider Quellenarbeit, die wissenschaftlichem Anspruch genügt. So gelingt Lokalgeschichte, die mehr als ein Sammelsurium von Anekdoten ist.

Elas und Wiesmaier sind zugleich typische und atypische Lokalhistoriker. Beide sind heimatverwurzelte Volksschullehrer. Doch ihr starkes gewerkschaftliches Engagement und ihr politisch linke Positionierung machte sie jahrzehntelang zu Außenseitern. Elas stammt von einem Einödbauernhof, acht Kilometer von Dorfen. Er hat in Regensburg studiert, war Lehrer in Wartenberg und Dorfen und stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Wiesmaier wurde in Großhündlbach geboren, heute ein Gemeindeteil von Fraunberg. Er studierte in München und war Lehrer in Wartenberg, Taufkirchen und Dorfen. Zwischenzeitlich war er hauptberuflich Bildungssekretär und Landesvorsitzender der GEW.

In einem Interview erklärte Wiesmaier, warum die Beschäftigung mit der lokalen NS-Geschichte so wesentlich ist: "Primo Levi hat gesagt: 'Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.' Deshalb müssen wir wissen, warum es passiert ist, wer daran beteiligt war, wer die Opfer waren und wer die Täter. Wir meinen, dass der Nationalsozialismus nur funktionieren konnte, weil er an allen Orten getragen wurde, weil es überall Täter gab und überall Zustimmung." Elas erläuterte die Schwierigkeit dabei: "Über Jahrzehnte wurde der Eindruck erweckt, dass der Nationalsozialismus nur etwas war, was mit 'denen da oben' zu tun hatte: Hitler, Göring und Goebbels waren verantwortlich, aber nicht wir Dorfener. Und wenn jemand etwas Negatives von früher anspricht, heißt es, was habt ihr immer mit den alten Sachen!"

Josef Martin Bauer in Goslar, 1944

Josef Martin Bauer (2.v.l.) bei der Verleihung des "Ehrenpreis für das bäuerlich gebundene Schrifttum der Gegenwart" 1944.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Geschichtswerkstatt räumt dankenswerterweise mit alten Sachen auf, wie etwa, dass der Dorfener Schriftsteller Josef Martin Bauer kein bereitwilliger Nazischreiber gewesen sei, sondern ein aufrechter Ehrenmann, fast schon ein Widerständler. So ging jahrzehntelang das Narrativ über den Autor des Bestsellers "So weit die Füße tragen", Ehrenbürger der Stadt Dorfen, Träger des Bayerischen Verdienstordens und des Ehrenrings des Landkreis Erding. Wiesmaier wies nach, wie erfolgreich Bauer als Autor in den NS-Zeit war und wie sehr man ihn schätzte. Das NSDAP-Parteiorgan "Völkischer Beobachter" feierte ihn als einen der besten Schriftsteller seiner Zeit. Ein Höhepunkt von Bauers Karriere war die Verleihung des "Ehrenpreis für das bäuerlich gebundene Schrifttum der Gegenwart" den er, verbunden mit einem dicken Preisgeld 1944 von NS-Reichsbauernführer Herbert Backe überreicht bekam. Nach 1945 wird Bauer davon nichts mehr berichten, wie über so vieles, in das er in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 involviert war.

Nicht minder wertvolle Arbeiten der Geschichtswerkstatt waren die biografischen Recherchen zu dem aus Hofkirchen stammenden Albert Hartl, der vom katholischen Priester zum hochrangigen SS-Mann wurde und vom Berliner Reichssicherheitshauptamt aus Geistliche verfolgte. Oder die Wiederentdeckung von Karl Wastl, einem in Dorfen geborenen und aufgewachsenen Kommunisten und NS-Widerstandskämpfer. Sehr stark war auch die biografische Arbeit zum reaktionären Forstrat Georg Escherich, ein Wegbereiter des Faschismus, der lange Zeit in Isen hoch angesehen war. Großartig war der große Vortragsabend zur bayerischen Revolution und Räterepublik im Jakobmayersaal, berührend der Abend mit der Münchnerin Hilde Grünberg im Rathaussaal in Isen, die berichtete, wie sie als jüdisches Kind in Isen den Nationalsozialismus überlebte. Neben weiteren Vortragsabenden hat die Geschichtswerkstatt auch schon Konzerte und ein Aktion zum Ende der NS-Herrschaft organisiert. Und es wird, man darf sich freuen, noch mehr kommen. Die Geschichtswerkstatt hat noch vieles, was rein zeitlich hinter uns liegt, vor sich: zu Zwangsarbeit, NS-Euthanasie und vergessenen Nazi-Protagonisten.

Wenn Sie eine Kandidatin oder einen Kandidaten für den SZ-Kulturpreis vorschlagen wollen, schreiben Sie bitte bis 30. April an tassilo@sz.de.

© SZ vom 20.04.2021
Zur SZ-Startseite

Tassilo
:Das Schwingen in den Fingerspitzen

Die Harfenistin Barbara Pöschl-Edrich kam 2014 aus Boston nach Erding und wurde schnell zur festen Größe im Musikleben der Stadt. Vor zwei Jahren gründete sie einen Kammermusikverein und konzipierte eine Konzertreihe im Museum

Von Julian Illig

Lesen Sie mehr zum Thema