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SZ-Interview:"Leicht ist es nirgendwo"

Sylva Orlamünde, Leiterin Wasserwirtschaftsamt München

Seit 2011 leitet Sylva Orlamünde, 55, das Wasserwirtschaftsamt München.

(Foto: Mathias Weber)

Wütende Wörther, Wände im Boden und unrealistische Visionen: Sylva Orlamünde, die Leiterin des Münchner Wasserwirtschaftsamtes, nimmt Stellung zum Hochwasserschutzprojekt für Erding, das in ihrem Haus geplant wird

Interview von Mathias Weber

Es war absehbar, dass sich die Betroffenen organisieren. Die Bürger in Wörth haben eine Interessengemeinschaft gegründet, die gegen den geplanten Hochwasserschutz für Erding kämpft - gegen das enorme Rückhaltebecken, gegen den Damm, der das Wasser im Sempttal aufstauen soll. Aber mit dieser Variante des Hochwasserschutzes plant man im Münchner Wasserwirtschaftsamt nach wie vor. Sylva Orlamünde leitet das Amt und nimmt im Interview mit der SZ Erding Stellung zu diesem Vorhaben.

SZ: Schon vor eineinhalb Jahren hieß es aus dem Wasserwirtschaftsamt, der Hochwasserschutz für Erding genieße "höchste Priorität". Stimmt das immer noch?

Sylva Orlamünde: Natürlich, das kann ich bestätigen. Auf unseren Planungslisten mit den nächsten großen Projekten steht Erding ganz oben. Unser Auftrag ist es, einen Hochwasserschutz umzusetzen, und dieses Projekt wird vorzugsweise behandelt.

Wie sieht die Arbeit an diesem Projekt im Wasserwirtschaftsamt konkret aus?

Jedes Projekt hat einen Projektleiter, dem einige Mitarbeiter zuarbeiten, zum Beispiel Zeichner. Fachbereichsleiter und Sachgebietsleiter widmen sich anteilsmäßig den Projekten. Grundsätzlich sind wir der Bauherr, wir koordinieren und vergeben Aufträge, zum Beispiel Baugrundgutachten, an Fachbüros. Bei uns im Amt wird die Vorentwurfsplanung durchgeführt, die Ausplanung wird in der Regel an externe Ingenieurbüros vergeben. Projekte dieser Größenordnung müssen wir EU-weit ausschreiben.

Die letzte öffentliche Informationsveranstaltung zum Hochwasserprojekt für Erding fand im Oktober statt. Wie ist der Stand der Dinge?

Derzeit wird ein Grundwassermodell erarbeitet. Ergebnisse werden wahrscheinlich im Sommer vorliegen, weil mehr Messstellen erforderlich sind als gedacht und sie erst noch gebohrt und ausgebaut werden müssen. Gleichzeitig wurde ein Hydraulikmodell vergeben. Dieses Modell soll uns sagen, wie viel Wasser bei einem hundertjährlichen Hochwasser zuzüglich 15 Prozent Klimazuschlag an der Sempt ankommt; also wie muss das Hochwasserrückhaltebecken bei Niederwörth dimensioniert werden, damit es im Unterlauf zu keinen Schäden kommt. Klar ist, dass schon jetzt relativ viel Wasser durchgeleitet werden kann, ohne dass es zu Schäden kommt. Das Becken wird im Durchschnitt nur alle 20 bis 50 Jahre benutzt werden müssen. Das Hydraulikmodell soll uns sagen, wie viel Wasser im Hochwasserfall im Becken zwischengespeichert werden muss. Dann wissen wir auch, wie hoch der geplante Damm werden muss. Noch ist diese Beckenvariante aber nur eine Vorzugsvariante, eine endgültige Entscheidung, wie der Erdinger Hochwasserschutz aussehen wird, können wir erst treffen, wenn die Zahlen aus den Modellen vorliegen.

Wer trifft diese Entscheidung am Ende?

Wir machen einen Vorschlag, den wir mit den Gemeinden diskutieren und der Regierung vorlegen. Es handelt sich um einen intensiven Abstimmungsprozess, weil das Ergebnis erhebliche Auswirkungen haben wird. Ich denke, dass am Ende eine gemeinsame Entscheidung stehen wird zugunsten einer Variante, die am ehesten durchsetzbar ist.

Sie haben den geplanten Damm angesprochen, der einmal das Wasser bei Niederwörth aufstauen könnte. Können Sie die Skepsis der Wörther gegenüber diesem Bauwerk verstehen?

Natürlich. Ich wüsste nicht, wie ich auf einen Damm reagieren würde, wenn ich selbst kein Wasserwirtschaftler wäre. Aber man muss sich das Bauwerk näher anschauen: Es handelt sich nicht um eine Staumauer, wie einmal gesagt wurde. Klar, es ist ein Damm, aber der ist nur an der tiefsten Stelle, am Drosselbauwerk, mehrere Meter hoch. Ansonsten handelt es sich um einen Erdwall, der durch Modellierung so an die Umgebung angeglichen wird, dass man ihn optisch möglichst nicht wahrnehmen wird. Nur an der tiefsten Stelle ist er dreieinhalb Meter hoch, ansonsten zwischen einem und eineinhalb Metern. So einen Meter in der Landschaft, den spüren Sie kaum.

Die Bürger befürchten einen Verlust der Sichtachse das Sempttal entlang.

Merken wird man den Damm schon, man kann ihn nicht wegdiskutieren. Aber er ist keine Mauer aus Beton, sondern ein begrünter Erdwall, der nicht unangenehm wirken wird. Wir haben uns vorgenommen, mit dem Wörther Gemeinderat andere Rückhaltebecken zu besuchen, sodass jeder sich ein Bild machen kann, wie ein solcher Damm aussehen könnte. Auch wollen wird eine 3D-Simulation anfertigen lassen.

Die Wörther haben Angst, dass die Gründung des Dammes durch Spundwände das Grundwasser verändern könnte.

Die Spundwände waren nur eine erste Idee, wie man es machen könnte. Nach derzeitigem Sachstand besteht die Möglichkeit, große Teile des Dammes anderweitig zu gründen. Fest steht aber auch: Spundwände sind keine Dichtwände. Es würde große Fenster geben, damit das Grundwasser ungehindert abfließen kann. Um nun die konkrete Art der Gründung planen zu können, sind weitere Untersuchungen erforderlich.

Einige Wörther Bürger hatten 2013 Grundwasser im Keller, sie fürchten sich nun vor einer Verschärfung der Lage.

Auch diese Ängste kann ich verstehen. Die maximale Einstaulinie des Rückhaltebeckens ist aber ausreichend entfernt von jeglicher Bebauung. Trotzdem wollen wir sicher gehen, dass sowohl im eingestauten wie auch im nicht eingestauten Zustand nichts passiert. Wenn durch unsere Maßnahmen ein Grundwasserstand auftritt, der Gebäude über den Istzustand hinaus gefährden könnte, dann müssen technische Möglichkeiten geschaffen werden, das Wasser abzuleiten; in Form einer Drainage zum Beispiel. Aber ich würde jetzt erst einmal das Modell abwarten und sehen, ob der Damm überhaupt Auswirkungen hat und wenn ja, wie die in den Griff zu kriegen sind.

Für Wörth selbst plant das Wasserwirtschaftsamt aber keinen Schutz.

Die Menschen dort sind nur minimal von Oberflächenwasser aus der Sempt betroffen, dem werden wir aber noch nachgehen. Wir planen allerdings keinen Hochwasserschutz für Grundhochwasser, das sowieso auftreten würde. So etwas gibt es in ganz Bayern nicht. Aber an vielen Flüssen gibt es tatsächlich das Problem, dass bei Hochwasser der begleitende Grundwasserstrom mit ansteigt und damit auch Keller betroffen sein könnten. Auch in Wörth. Aber da stehen die Bürger in der Eigenverantwortung.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit den beteiligten Gemeinden?

Mit Erding natürlich hervorragend. Mit der Gemeinde Wörth ist sie auch sehr konstruktiv. Herr Gneißl (Thomas Gneißl, der Bürgermeister von Wörth, Anm. d. Red.) ist ein sehr angenehmer Bürgermeister, mit ihm kann man alles bereden. Ich finde es gut, dass sich die Gemeinde jetzt entschlossen hat, ein kommunales Hochwasserschutzkonzeptprojekt zu entwickeln. Wir beraten die Gemeinde beim dezentralen Hochwasserschutz, der ersetzt aber nicht einen technischen Hochwasserschutz vor einem hundertjährlichen Hochwasser für Erding.

Das wäre aber die Hoffnung vieler Bürger. Helmut Trinkberger hat viel Aufsehen erregt mit seinen Vorschlägen zum dezentralen Hochwasserschutz und zur Renaturierung der Gewässer.

Es ist so: Das Ansinnen eines ungesteuerten Hochwasserschutzes, bei dem Geländemulden voll laufen können und sich das Wasser verteilt, das ist gut, auch Renaturierungen von Gewässern sind immer begrüßenswert. Aber diese Mulden werden selbst bei kleinen Hochwasserereignissen voll laufen. Diese kleinen Ereignisse machen Erding aber nichts aus, das Wasser rauscht sowieso durch, ohne Schäden zu verursachen. Sobald die natürlichen Rückhalteflächen voll gelaufen sind und die Hochwasserwelle kommt, entstehen in Erding trotzdem Schäden. Ein ungesteuerter Hochwasserrückhalt kann diese Welle ein bisschen abbremsen, aber nur minimal.

Und wenn man die kleinen Rückhaltebecken steuert, wie es auch vorgeschlagen wird?

Auch hierzu gibt es bereits zahlreiche Untersuchungen, man würde viele steuerbare Hochwasserrückhaltebecken in die Landschaft bauen müssen. Man müsste dann aber davon ausgehen, dass es überall gleichzeitig gleich stark regnet, das tut es aber nicht; die einen Becken bekommen den Starkregen ab, die anderen überhaupt kein Wasser. Man kann das System nie so genau steuern, dass die schädliche Welle abgefangen wird. Außerdem ist der Flächenbedarf um ein Vielfaches größer als in unserer Variante, das wäre gar nicht finanzierbar. Die Umsetzbarkeit in einem vertretbarem Zeitraum wäre vollkommen unrealistisch, allein weil die Grundstücke gar nicht zur Verfügung stehen würden, und die Genehmigungsfähigkeit auch. Bei kleineren Hochwasserereignissen können derartige Maßnahmen aber durchaus wirkungsvoll sein.

Das haben Sie auch Herrn Trinkberger so gesagt?

Herr Trinkberger hat eine Vision. Es wäre schön, wenn man vieles davon umsetzen könnte. Im Oberlauf von Erding kann man mit kleinen Mulden und Renaturierung auch viel tun, aber nicht für den Schutz der Erdinger vor einem hundertjährlichen Hochwasser. Da reicht der dezentrale Hochwasserschutz nicht aus, er kann technische Hochwasserschutzmaßnahmen nicht ersetzten. Ein zentrales Hochwasserrückhaltebecken ist am wirkungsvollsten, wenn es oberstrom in möglichst geringer Entfernung zum schützenden Siedlungsbereich liegt.

Kommt ihnen der Hochwasserdialog in Erding schwierig vor?

Leicht ist es nirgendwo. Im Internet gibt es Aufzeichnungen von Veranstaltungen zum Hochwasserschutz an der Donau. Dort ist es ungleich schwieriger, da geht es richtig heiß her. Dem gegenüber waren unsere Veranstaltungen angenehm.

Es ging bei uns aber auch heiß her.

Bei uns ist es schwierig, aber nachvollziehbar. Ich kann auch Bürgermeister Gneißl voll verstehen. Er muss hinter seinen Bürgern stehen, mit den Sorgen und Nöten seiner Bürger umgehen und uns unter Druck setzen. Das ist sein Job. Ich denke aber, dass wir uns schon einig werden.

Bürgermeister Gneißl hat gedroht, notfalls vor Gericht zu gehen.

Das wird sich nach der Variantenentscheidung zeigen. Vielleicht können wir die Wörther soweit überzeugen, dass sie sagen: Gut, das Hochwasserrückhaltebecken ist wirklich die wasserwirtschaftlich günstigste Lösung. Wenn Herr Gneißl, die Bürger und Landwirte sogar noch Vorteile für sich sehen, kann sich die Sache auch beruhigen und es kommt zu keinem Streit. Das hoffe ich zumindest.

Gneißl sprach auch von einer "einseitigen Vor- und Nachteilslage".

Natürlich, es gibt diese Oberlieger- und Unterliegerproblematik. Die Wörther Bürger sind betroffen und die Erdinger Bürger haben den Vorteil. Becken dieser Art liegen oft auf fremdem Gemeindegebiet, das kommt häufig vor. Es wäre gut, wenn es einen finanziellen Ausgleich gäbe, aber den gibt es leider nicht. Wenn hier Bauerwartungsland wäre, wäre es noch dramatischer; wenn man Flächen hergeben müsste, auf denen die Gemeinde sich entwickeln könnte. Wie gesagt, ein Rückhaltebecken dort ist die effizienteste Lösung: Es sind Flächen, die bei einem Hochwasser ohnehin schon eingestaut sind. Es gibt also keinen deutlichen Nachteil.

Die Planungen für einen Hochwasserschutz laufen, im Wasserwirtschaftsamt und in den Gemeinden. Wie wird die Flusslandschaft südlich von Erding in 20 Jahren aussehen?

Die wird sicher eine andere sein. Die Gemeinden sind alarmiert, sie wissen, dass Gefahr besteht und wenn sie nichts tun, bekommen sie ein Problem. Zwar geht die Umsetzung von Maßnahmen nicht so schnell, wie man vielleicht möchte; allein die Untersuchungen sind immens aufwendig und kosten viel Geld. Aber ein Umdenken hat stattgefunden.

© SZ vom 11.02.2017

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