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Artding Festival :Sprühende Leidenschaft

Im Juni kommen internationale Künstler nach Erding: Die Australierin Georgia Hill, das niederländische Duo Telmomiel, Zoer aus Frankreich und Ate Crew aus Würzburg

Alle paar Tage ein Türchen. So könnte man das Prinzip umschreiben, nach dem das Artding Festival sein Programm der Öffentlichkeit über die sozialen Medien bekannt gab. Zunächst wurde gepostet, welche Wände in Klettham bemalt werden, denn um moderne Wandmalerei aus der Sprühdose geht es ja. Nun haben die Veranstalter häppchenweise auch die Künstler präsentiert, die am 10. Juni nach Erding kommen und in einer Woche die ausgewählten Fassaden bemalen.

Die Australierin Georgia Hill hat schon für Google und Nike gesprayt

Das erste Türchen öffnete sich für die Künstlerin Georgia Hill. Die Australierin hat schon für die ganz Großen gearbeitet, für Google und Nike, zum Beispiel. Nun wird sie die Fassade der Riverastraße 4 gestalten. Hills Stil ist markant und klar: Sie malt ausschließlich in Schwarz und Weiß, grafische Kompositionen aus Kreislinien, die sich, an Bruchlinien ineinander verschachteln. Oft stellt sie in die Mitte dieser Flächen zusätzlich Schrift, entsprechend dem Ort und dem Anlass. Genau darin liegt das Besondere ihres Stils: Da er nur aus ganz wenigen wiederkehrenden Elementen besteht, tritt nicht die Individualität des jeweiligen Werks hervor - sondern die des Raums, in den es sich einfügt, den es kommentiert und künstlerisch erweitert.

Hinter dem zweiten Türchen verbargen sich zwei Wikinger. Zumindest finden die holländischen Künstler Telmo und Miel offenbar, dass sie so aussehen. Für eine Galerie in Dänemark haben sie sich selbst gemalt: Im Schlauchboot sitzend, mit dem Blick in die Tiefe des Bildhintergrundes, wo sich mit düsterem Getöse eine Welle bricht. "Explorer" steht auf dem Boot, einer der beiden trägt einen Wikingerhelm. Telmomiel, wie sie sich als Duo nennen, malen hauptsächlich Menschen, in einem Stil, der an den sozialistischen Realismus erinnert. Durchbrochen werden die Figuren von markanten Farbflächen und teilweise ersetzt durch Stücke von Tieren oder dystopisch wirkenden Maschinen. So brechen die Zukunft und eine archaische Vergangenheit simultan in ihre Motive ein. Die beiden Künstler gehören zu den Stars der internationalen Streetart-Szene. Die Hauswand der Franzensbader Straße 6, die der Festivalveranstalter ihnen zugewiesen hat, könnte also bald Bewunderer auf der ganzen Welt haben.

Das dritte Türchen, das auf die Stefanstraße 17 führt, öffnet sich für die Ate-Crew aus Deutschland. Das Duo entstand 2015 nach einem gemeinsamem Designstudium in Würzburg der beiden Künstler, "when the two artists Esze and Sidas teamed up to get less effective", wie es sehr charmant auf ihrer Website heißt - sie haben sich zusammengetan, um weniger effektiv zu sein. Ihre Murals zeigen menschliche Figuren, ein bisschen so, wie man sie klassischerweise von Graffiti erwarten würde. Ihre Typen haben kleine Härchen und Falten, sehen rau aus, mitgenommen, wie von irgendeinem Unheil umnebelt oder hypnotisiert. Ein bisschen wie Zombies. Gruselig? Nein, eher so, als würden sie selbst sich gruseln. Zumindest nicht gruseliger als der graue Alltag, als die Gesellschaft, die sie ausgespuckt hat.

Das letzte Türchen öffnete sich in der Nacht von Sonntag auf Montag: Zoer wird die Fassade an der Gießereistraße 1 bemalen - möglicherweise mit einem oder mehreren Autowracks, denn die sind Zoers Lieblingsmotiv. Der aus Frankreich stammende Künstler verbrachte als Kind viel Zeit auf Schrottplätzen, zeichnete Verkehrsstaus und kaputte Maschinen. Die Relikte der Industriegesellschaft sind auch heute noch sein Thema. Aus ihnen komponiert er moderne Stillleben: bildliche Geschichten über die Zeit, die in den Raum eindringen und ihn um eine historische Dimension vertiefen.

Daniel Westermeier alias Mr. Woodland gibt ein Heimspiel

Bliebe noch der letzte Künstler. Der war natürlich gesetzt, denn er hat die Türchen aufgemacht. Der Walpertskirchener Streetart-Künstler Daniel Westermeier, bekannt als Mr. Woodland, hat sich nicht nur mit verschiedenen Murals in Erding und im Landkreis verewigt, sondern auch das Festival gemeinsam mit der Stadt ins Leben gerufen und die Kontakte zu den anderen Künstlern hergestellt. Er kennt sie von Festivals und Kollaborationen auf der ganzen Welt, zu denen er selbst regelmäßig eingeladen wird.

Spricht man ihn auf die für das Artding ausgewählten Künstler an, beginnt er zu schwärmen. Georgia Hill sei "der aufstrebende Star am Streetart-Himmel", sie male "sauber wie eine Computergrafik". Das Duo Telmomiel empfindet er, "wenn man es plump sagt", als ganz einfach "die besten derzeit" - seine eigenen Murals wirken von ihrem Stil inspiriert. Die Ate Crew verbinde, so Westermeier, "Ästhetik mit einer gewissen Langeweile" und gebe "in letzter Zeit richtig Gas". Und die "surrealistischen Kompositionen" von Zoer hätten eben "eine brutale Stimmung". Alle Künstler seien so ausgewählt, dass jeder etwas mit ihren Werken anfangen könne, "auch Leute, die sonst nicht so viel mit Kunst am Hut haben". Es seien "keine supertoxischen Sachen" dabei. Auch keine "drei Kleckse, bei denen man hinterher denkt: Äh, das hätte ich auch gekonnt."

Artding - Mural Art Festival, Montag, 10. Juni, bis Sonntag, 16. Juni; urbane Kunst an fünf Hauswänden in Klettham, www.artding.de

© SZ vom 23.05.2019
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