bedeckt München 28°

Sterbebegleitung in Erding:Begleitung auf dem letzten Stück des Weges

Ehrenamtliche Hospizhelferinnen wie Hildegard versuchen den Menschen, die sie begleiten, die Angst zu nehmen.

(Foto: Renate Schmidt)

38 ehrenamtliche Helfer des Hospizvereins versuchen, Sterbenden die Angst vor dem Tod zu nehmen. Dabei leisten sie nicht nur den Patienten seelischen Beistand, sondern oft der ganzen Familie

Hildegard hat keine Angst vor dem Tod. Sie stellt sich ihm entgegen. Aber nicht, um ihn abzuwehren, sondern um ihn aufzufangen. Der Tod kommt, das ist sicher. Aber wie er kommt, das will Hildegard erträglich machen. Hildegard kommt aus Moosinning. Sie war Beamtin, jetzt ist sie in Pension. Auf den ersten Blick wirkt sie vor allem resolut: Sie mag praktische Jeans, sie trägt die Haare kurz, lehnt sich auf dem Stuhl zurück. Doch bevor Hildegard anfängt zu reden, denkt sie nach. Dann spricht sie eher leise. Überlegt: "Ich habe mir das immer so vorgestellt: Wenn ich nicht mehr arbeite, dann fahre ich jemand im Rollstuhl rum." Seit 15 Jahren begleitet Hildegard in ihrer freien Zeit Menschen beim Sterben. Sie will dafür kein Lob. Deswegen möchte sie auch nicht, dass ihr voller Name in der Zeitung steht.

Hildegard ist eine von 38 ehrenamtlichen Hospizhelferinnen des Christophorus Hospizvereins in Erding. Hospizhelfer sind da für die Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, die eine sehr schwere, unheilbare Krankheit aushalten müssen. Die Hospizhelfer begleiten ihre Schützlinge und deren Angehörige auf dem letzten Stück des Weges. Hildegard hat nicht gezählt, wie viele Menschen sie schon begleitet hat.

"Zeit ist eigentlich das wertvollste Geschenk", sagt Christine Unangst aus dem Vorstand des Hospizvereins. Im Moment schenkt Hildegard jede Woche eine Stunde ihrer Zeit einer alten Dame. Nennen wir sie Maria. Maria ist 93 Jahre alt. Sie hatte einen Schlaganfall, kann nur noch liegen. Sie kann kaum mehr sprechen und ist blind. Maria kann nicht mehr essen, sondern bekommt Suppen aus einer Tasse eingeflößt. Tag für Tag liegt Maria in ihrem Bett im Seniorenheim. Sie wartet.

Die meisten Deutschen, 76 Prozent, wünschen sich, zu Hause zu sterben. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Doch nur drei Prozent können im vertrauten Umfeld sterben. Im Landkreis Erding stirbt die Hälfte aller älteren Menschen im Krankenhaus. Marias Kinder leben nicht in der unmittelbaren Nähe. Aber dank Hildegard bekommt die alte Dame zumindest jeden Tag Besuch.

Wenn Hildegard zu Maria kommt, weiß sie nie, was auf sie zukommt. Manchmal schläft Maria, manchmal jammert sie. Worüber, das kann Hildegard nur ahnen. "Als sie letztes Mal sehr unruhig war, habe ich ihr auf einer kleinen Spieluhr den Blumenwalzer vorgespielt. Da wird sie wieder ganz ruhig", erzählt Hildegard. Kinderlieder, alte Reime und Gebete, daran erinnern sich die meisten auch kurz vor dem Tod noch gut, sagt die Hospizhelferin. Sie singt mit ihren Patienten, betet mit ihnen. Oft ist kein großer Aktionismus gefragt, eher Beistand. "Es geht nur darum, dass Maria weiß, dass jetzt jemand da ist und dass sie nicht alleine ist", sagt Hildegard. Und wenn Maria schläft, sitzt Hildegard an ihrem Bett und liest.

Die ehrenamtlichen Helfer sind geschult: An acht Wochenenden machen sie eine Ausbildung nach den Richtlinien des Bayerischen Hospiz- und Palliativverbandes. Dabei lernen sie, sich auf andere Familien einzulassen: "Jeder trauert anders", sagt Christine Unangst. Man müsse zuallererst lernen zu tolerieren, wie die Familie mit dem Sterbenden umgeht.

Die Hospizhelfer lernen auch, sich auf die Bedürfnisse der Sterbenden einzulassen. Hildegard erinnert sich: "Eine Dame hat Eierlikör so geliebt. Da habe ich ihr immer ein, zwei Löffel Eierlikör gegeben, das war das Höchste für sie." Einen Mann habe sie mit dem Rollstuhl immer in den Garten geschoben, damit er dort rauchen konnte.

Seit 1. April 2007 gibt es in Bayern einen gesetzlichen Anspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). Sterbenskranke Menschen haben ein Recht darauf, am Ende ihres Lebens zu Hause medizinisch versorgt zu werden. Im Landkreis Erding erfüllt das Palliativ-Team Erding diese Aufgabe. Es wurde im Jahr 2011 als Tochtergesellschaft des Christophorus Hospizvereins gegründet. Das Team aus sechs Palliativmedizinern und sieben spezialisierten Krankenschwestern kümmert sich um den medizinischen Teil der Pflege. Sie behandeln die Beschwerden der Patienten, versuchen aber nicht mehr, die Krankheit zu heilen. Das Palliativteam besteht aus bezahlten Fachkräften. Die ehrenamtlichen Hospizhelfer dagegen sind nur für den seelischen Beistand zuständig. Sie können nur kleine pflegerische Aufgaben übernehmen. Das Palliativteam und der Hospizverein mit seinen ehrenamtlichen Helfern schaffen es gemeinsam, dem Bedarf im Landkreis gerecht zu werden, sagt Christine Unangst. Tatsächlich ist die Hilfsbereitschaft im Landkreis so groß, dass derzeit nicht alle Ehrenamtlichen einen Patienten betreuen.

Die Patienten selbst, Angehörige oder auch der Hausarzt können sich an den Verein wenden, wenn sie sich Unterstützung in der letzten Phase des Lebens wünschen. Wie oft der Hospizhelfer seinen Schützling besucht, ist abhängig von den Bedürfnissen des Patienten und von der Zeit des Hospizhelfers. Hildegard ist zwar pensioniert, aber manche Hospizhelfer sind voll berufstätig. Dass ein Hospizhelfer den Patienten unterstützt, kostet die Familie nichts. Der Verein finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.

Christine Unangst vom Hospizverein wünscht sich, dass niemand Scheu hat, sich die Hilfe eines ehrenamtlichen Hospizbegleiters zu holen: "Nur weil unser Helfer kommt, heißt es ja nicht, dass der Patient dann unmittelbar sterben wird." Wie lange eine Begleitung dauert, kann niemand vorhersagen. Hildegard hat manche Patienten eineinhalb Jahre lang regelmäßig besucht. Andere kannte sie nur einen Tag. Manchmal kommt es sogar vor, dass die Begleitung unterbrochen wird, weil es dem Patienten überraschend wieder besser geht.

Als Dank bekommt Hildegard Vertrauen geschenkt, von den Patienten und von deren Angehörigen. Denn: "Eigentlich begleite ich immer die ganze Familie." Die Angehörigen werden oft zum ersten Mal direkt mit dem bevorstehenden Tod konfrontiert. Sie sind ratlos und dankbar, auch für ganz praktische Hilfe: Ist der Hospizbegleiter da, können die Kinder oder Ehepartner einkaufen gehen oder haben Zeit für sich.

"Man muss Zeit mitbringen und ein Ohr", sagt Hildegard. Wenn es um einen Patienten schlecht steht, kommt es auch vor, dass Hildegard ihn zweimal am Tag besucht: "Das ist so ein Gefühl", sagt sie. Vielleicht ist er morgen nicht mehr da.

Ein Hospizhelfer muss sich auch um sich selbst kümmern. Wenn Hildegard von ihren Schützlingen zurückkommt, wäscht sie sich immer sehr gründlich die Hände. Nicht wegen der Hygiene, sondern um für sich selbst symbolisch eine Grenze zu setzen, zwischen dem Schicksal ihrer Patienten und ihrem eigenen Leben. "Ich wasche das alles ab", sagt Hildegard - aus Selbstschutz. Sie versucht, mitzufühlen, aber nicht mitzuleiden. Denn nicht immer sind die Patienten 93 Jahre alt. Vor einiger Zeit hat Hildegard eine 36-Jährige betreut, alleinerziehend mit einem kleinen Kind. "Das ist eine ganz andere Dimension", sagt Hildegard. Mit dem Schicksal dieser Patienten hadere sie besonders.

Aber Hildegard baut auf ihr Gottvertrauen: "Ich bin kein Kirchenrenner", sagt sie. Aber in schwierigen Situationen wisse sie, dass sie nicht alleine sei. "Jemand hilft mir schon, die passenden Worte zu finden oder in der Situation richtig zu reagieren." Maria, die Dame aus dem Seniorenheim, fühlt sich von Gott vergessen. Ich will sterben, das sagt Maria oft zu Hildegard. Hilf mir. "Wenn ich dir helfe, komme ich ins Gefängnis.", antwortet Hildegard dann. "Wir müssen warten, bis es so weit ist."

Die Patienten und auch die Angehörigen vertrauen der Hospizhelferin ihre Sorgen und Ängste an. "Ich versuche, den Menschen, die ich begleite, die Angst zu nehmen", sagt Hildegard. "Jeder muss einmal von dieser Welt gehen. Man lernt, keine Angst zu haben vor dem Tod. Weil es keinen Grund gibt, Angst zu haben - wenn man keine Baustellen hat." Hildegard hat keine Baustellen, sagt sie. "Wenn ich morgen nicht mehr da bin, dann kann ich damit leben." Sie habe gelernt, dass es wichtig sei, die kleinen Dinge zu schätzen: eine Blume, ein Lächeln von einem Fremden auf der Straße. "Man erkennt, wie wichtig es ist, zufrieden zu sein und dass man froh sein kann, gesund zu sein", sagt Hildegard.

© SZ vom 13.02.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite