Stadtarchiv Wo ist Urkunde Nummer 174?

Stadtarchivar Markus Hiermer sitzt mit leeren Händen da: Irgendjemand hat die Urkunde Nummer 174 entwendet. Die Gründe sind rätselhaft. In dem Dokument geht es um ein Geldgeschäft aus dem Jahr 1668.

(Foto: Renate Schmidt)

Bei einer historischen Forschung war 2018 das Fehlen des Dokuments aufgefallen. Wer es gestohlen hat und warum, kann sich niemand erklären - aber es handelt sich nicht um einen Einzelfall

Von Korbinian Hartmann

Die Urkunde 174 des Erdinger Stadtarchivs ist verschwunden. Im aktuellen Leistungsbericht der Stadt Erding machte Archivar Markus Hiermer das Fehlen des Dokumentes öffentlich. Hinweise auf einen Täter oder ein Tatmotiv gebe es nicht, so der Diplom-Facharchivar, der seit fast 26 Jahren alleine das Stadtarchiv verwaltet. Er ist sich jedoch sicher, dass die Urkunde gestohlen wurde, und zwar vor Antritt seiner Tätigkeit. Aufgefallen war die Abwesenheit des Dokuments im vergangenen Jahr bei einer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit. 2018 hatte der Historiker Albrecht Gribl städtische Siegelbilder erforscht. Dafür habe er alle 594 Urkunden, die das Archiv beherbergt, untersucht, so Hiermer. "Wenn im Archiv jemand mit Urkunden arbeitet, dann meistens nur mit wenigen ausgewählten." Dass aber alle Urkunden untersucht werden, sei das erste Mal in seiner 26-jährigen Amtszeit gewesen, sagte der Archivar. Als er für Gribl die Dokumente zusammensuchte, habe er noch nicht bemerkt, dass eine der Urkunden fehle. Dem Historiker hingegen sei bei der Arbeit aufgefallen, dass die Urkunde 174 nicht dabei war.

Wer das Dokument entwendet hat, kann sich Hiermer ebenso wenig erklären, wie die möglichen Gründe. "Die Urkunde hält lediglich ein gewöhnliches Rechtsgeschäft fest", sagte er. 1668 hatte das Arme Leprosenhaus, eine Stiftung der Stadt Erding, ein Geldgeschäft mit einem Bäckerehepaar über 121 Gulden und drei Pfennige geschlossen. Warum es also ausgerechnet dieses Dokument getroffen hat, ist dem Archivar ein Rätsel. Sicher ist er sich jedoch, dass es sich um Diebstahl handelt, denn die Tasche der Urkunde ist noch da. Aus diesem Grund sei ihm das Fehlen des Dokuments auch bei einer Bestandsprüfung unmittelbar nach Aufnahme seiner Tätigkeit aufgefallen. "Die Urkunde muss vor meiner Amtszeit entwendet worden sein, da ich bei Antritt meiner Tätigkeit alle Sicherheitsmaßnahmen erhöht habe", beteuert Hiermer. Im Frühsommer 1993 habe er neue Sicherheitsschränke einbauen und die Türschlösser ausbauen lassen.

Dass Dokumente aus Archiven verschwinden, ist laut Hiermer allerdings keine Seltenheit. Wie viele Dokumente bei der Bestandsprüfung genau gefehlt haben, könne er nicht sagen. Er wisse lediglich, um welche es sich gehandelt habe, sagte er. "Ich schätze, dass es insgesamt zwischen 25 und 50 fehlende Dokumente waren." Seitdem seien einige auch wiederaufgetaucht. So sei die Akte zum 30-jährigen Bestehen der Volksbank nach Jahren im Hauptstaatsarchiv wiedergefunden worden. Allerdings sei dies eher eine Seltenheit. "Der Verlust von Archivbeständen ist die Regel, dass wir sie wiederbekommen dagegen die Ausnahme." Daher spricht Hiermer auch von einem Wunder, wenn die verlorene Urkunde aus dem Erdinger Stadtarchiv wieder auftauchen würde. Machen kann er laut eigener Aussage dagegen nichts. "Ich könnte höchstens eine Anzeige gegen unbekannt aufgeben, aber darin sehe ich keine großen Erfolgsaussichten." Auch, wenn die verschwundene Urkunde, wie er sagte, "nicht mehr wert ist als andere", sei es dennoch nur ein schwacher Trost, dass sie fotografisch gesichert sei. 1963 hatte die Stadt Erding beim Hauptstaatsarchiv eine Raustauration in Auftrag gegeben, bei der die Dokumente abgelichtet wurden und die Texte somit erhalten sind.

Digitalisiert seien bisher allerdings nur Personenstandsregister wie Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunden. "Für die Arbeit ist ein schneller Zugriff wichtig, zum Beispiel wenn der Nachlass geregelt wird." Mit Kosten von 18 000 Euro sei dies aber ziemlich teuer gewesen, die Digitalisierung weiterer Bestände müsse daher warten. Zuvor sollen außerdem Urkunden aus Altenerding restauriert werden. Grundsätzlich befürwortet der Archivar die Umstellung auch, allerdings werde er Akten nicht online zur Verfügung stellen. "Aus besitzrechtlichen Gründen ist das nicht möglich." Die Arbeit mit Archivbeständen wird somit vorerst nicht bequemer. Weil die Quellenarbeit sehr mühsam sei, sieht Hiermer auch einen Grund, warum die Benutzung des Stadtarchivs zurückgeht. "Schüler und Studenten wollen lieber mit Sekundärliteraturarbeiten, als einzelne Dokumente zu untersuchen, die keine zusammengefassten Statistiken beinhalten." 57 persönliche Benutzer zählte das Archiv im vergangenen Jahr. Im Vergleich zu 2017 mit 39 Besuchen ist das zwar ein Anstieg, 2015 waren es jedoch 78 gewesen. Die Zahlen setzen sich aus 51 heimatgeschichtlichen sowie jeweils 3 allgemeinhistorische Arbeiten und Familienforschungen zusammen. Schulische, juristische und journalistische Benutzer verzeichnete das Archiv nicht. "Im vergangenen Jahr gab es nur eine Anfrage für eine akademische Untersuchung, allerdings ist daraus nichts geworden." 2019 habe noch gar kein Student oder Doktorand eine Anfrage gestellt.

Für Hiermer gab es jedoch auch positive Neuigkeiten. Für die Archivbücherei hatte ihm eine Privatperson aus Oberding "Die Großen" geschenkt. Das biografische Lexikon über weltweit bedeutende Personen umfasst 22 Bände. Das Stadtarchiv bekam hinsichtlich der Bestände zwar keine Erweiterung, jedoch wird voraussichtlich bis Juli 2019 eine neue Rollregalanlage installiert. Das System biete Platz für 6 000 weitere Aktenordner. "Sie sind bisher in den Büros der Kollegen gestapelt", so Hiermer. Geplant sei zudem die Restauration eines defekten Amtsbuches.