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St. Wolfgang:Die Stachelritter von Rabeneck

Landwirt Anton Obermeier betreibt im Nebenerwerb die einzige Indoor-Zanderaufzuchtanlage in Bayern. 14 000 Fische wachsen innerhalb eines Jahres in einem ehemaligen Stall zu Besatz- und Speisefischen heran

Von Thomas Daller, St. Wolfgang

Stachelritter lautet der Spitzname des Zanders bei Anglern, denn in seinen Rückenflossen stecken spitze Stachelstrahlen. Er ist ein Raubfisch, der sich auf die nächtliche Jagd spezialisiert hat. Als Speisefisch wird er hoch geschätzt, aber seine Aufzucht ist eine Kunst für sich. In ganz Bayern gibt es nur einen Betrieb, der sich in Rabeneck bei St. Wolfgang befindet. Anton und Katharina Obermeier sind damit im März 2019 gestartet und haben anfangs ausschließlich Angelvereine mit Besatzfischen beliefert. Mittlerweile aber gibt es auch für Kunden, die nicht angeln, Zander aus Rabeneck: Katharina Obermeier hat nun einen Schlachtraum und jeden ersten Freitag im Monat bekommt man bei ihr frischen Fisch.

Rabeneck liegt oben an den Ausläufern der Gatterberge, ein Stück hinter der Gärtnerei Schönfleck. Ein schöner Fleck ist auch das bäuerliche Anwesen der Obermeiers, allerdings würde man auf so einer Anhöhe keine Zanderaufzucht vermuten. Eher im Tal, wo ein Bach verläuft oder eine Quelle entspringt. "Wo sind denn eure Weiher", sagt Anton Obermeier, das sei eine Frage, die man ihm schon des Öfteren gestellt habe. Doch die Fische wachsen nicht in Teichen auf, sondern in einer modernen Anlage im ehemaligen Jungviehstall. Eine Aquakultur also? Den Begriff mag Anton Obermeier nicht, weil er verbunden ist mit schwimmenden Lachsfarmen vor Patagonien oder in den Fjorden Norwegens, wo im großen Umfang Medikamente und Antibiotika bei der Aufzucht eingesetzt werden. Obermeier hat eine Warmwasserkreislaufanlage ausgetüftelt, in der weder Medikamente noch Antibiotika eingesetzt werden. Antibiotika würden sein System sogar zerstören, weil sie die Reinigungsbakterien in der angeschlossenen Kläranlage angreifen würden. Seine Zander kommen nur mit Wasser, Sauerstoff und Futter in Berührung. Und manchmal einer Prise Kochsalz, wenn sie unruhig sind.

Auf dem Kescher liegt ein Prachtexemplar mit einem Gewicht von 1,5 Kilo.

(Foto: Renate Schmidt)

Zander mögen es warm. Deshalb haben sie als Besatzfische Zukunft, weil sie in Zeiten des Klimawandels Temperaturen in Flüssen und stehenden Gewässern vertragen, bei denen Forellen oder Hechte schon längst die Flossen strecken würden. Warm ist es auch im ehemaligen Jungviehstall, wo eine Fußbodenheizung das Wasser in den 20 Produktionsbecken konstant auf 24 Grad hält. Die Wärme bezieht er aus der eigenen Biogasanlage. Diese überschüssige Wärme stand auch am Anfang seiner Überlegungen, die schließlich in den Bau der Aufzuchtanlage mündeten.

Planung und Bau waren Pionierarbeit, denn es gibt ja in Bayern noch keine andere funktionierende Anlage, die man abkupfern könnte. Herzstück ist eine kaum gebrauchte Anlage, die er vom Vorbesitzer erworben hat, bei dem sie nicht funktioniert hat. Anton Obermeier ist ein Tüftler. Er hat die Schwachstellen der Anlage analysiert, sie zerlegt, erweitert und neu aufgebaut. "Einen ganzen Winter lang hat er bis tief in die Nacht hinein jede einzelne Schraube eingebaut", sagt Katharina Obermeier mit sichtlich stolzem Blick auf ihren Mann. Jetzt funktioniert sie tadellos. "Zandereck" haben sie ihren Nebenerwerbsbetrieb getauft.

Die Betreiber der Anlage, das Ehepaar Anton und Katharina Obermeier, setzen weder Medikamente noch Antibiotika ein.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Obermeiers kaufen die Zander von einem Betrieb in Norddeutschland, wo sie erbrütet werden. Dann sind sie noch ganz winzig, und etwa acht bis zehn Gramm schwer. Sie kommen dann in das erste der 20 Produktionsbecken, wo sie bleiben bis gesichert ist, dass sie frei von Parasiten sind.

Dann ziehen die kleinen Fischlein je nach Wachstum in die nächsten Becken um. Einmal im Monat werden sie sortiert, gezählt und gewogen. Es werden immer nur gleich große Zander in einem Becken gehalten, denn trotz regelmäßiger Fütterung bleiben sie Raubfische, die einen kleineren Artgenossen attackieren oder sogar fressen würden. "Für rangniedrigere Tiere wäre das eine Stresssituation", sagt Anton Obermeier.

Innerhalb von einem Jahr wachsen die Zander von zehn Gramm auf ein Kilogramm Körpergewicht heran. In der Natur benötigen sie dafür drei bis vier Jahre. Dazu gaukelt ihnen die Anlage 20 Stunden am Tag eine Situation vor, in der sie auf die Jagd gehen: die Dämmerung, in der sie in Flüssen und Seen unterwegs sind, um Rotaugen, Rotfedern und Barsche zu erbeuten. Bei den Obermeiers stehen stattdessen Pellets auf dem Speiseplan.

Mit diesem schnellen Wachstum geht auch ein hoher Stoffwechsel einher. Die Zander kacken ins Wasser. Dieser Kot muss raus aus den Becken, und zwar rasch, weil er die Wasserqualität beeinflusst. In den 20 Produktionsbecken befinden sich 100 Kubikmeter Wasser, in denen die 14 000 Fische schwimmen. Dieses Wasser wird zwei Mal in der Stunde komplett durch die fünf Becken der 25 Kubikmeter fassenden Kläranlage gepumpt. Ein Trommelfilter filtert den Kot aus, der als Dünger auf den Acker kommt. Anschließend reinigen Mikroorganismen das Wasser, indem sie Ammonium und Nitrit zu Nitrat abbauen. Eine UV-Lampe entkeimt das Wasser, dass dann mit Sauerstoff angereichert wieder in die Becken zurückfließt.

Ein Biofilter, wo der Fischkot aus dem Wasser gelöst wird.

(Foto: Renate Schmidt)

Auch in die Produktionsbecken strömt ständig Sauerstoff ein. Der Sauerstoffgehalt wird elektronisch überwacht. Wenn er sinkt, weil Schwebstoffe die Löcher im Keramikkopf verstopfen, erhält Anton Obermeier eine Alarmmeldung. Dann muss er alles stehen und liegen lassen und die Sache in Ordnung bringen. Aber durch diese ständige elektronische Kontrolle und auch durch die Einbindung des Tiergesundheitsdienstes in seine Arbeit ist seine Ausfallquote sehr gering. Zwei, drei tote Fische pro Monat, manchmal auch mal fünf, müsse er in Kauf nehmen, sagt Obermeier. Aber in der Natur würde nur ein Bruchteil der jungen Zander eine Größe erreichen, in der sie geschlechtsreif werden und sich vermehren könnten.

Als sie mit der Aufzucht begonnen haben, hat Katharina Obermeier allen Anglervereinen in der Region, deren Postleitzahl mit einer Acht beginnt, eine Postkarte geschrieben und Besatz angeboten. Seither läuft das Geschäft gut, weil die Zander ohne lange Transportwege sehr vital in den Angelgewässern landen. Zum Service gehört auch, dass die Obermeiers ein paar Tage vorher wissen wollen, welche Temperatur das Zielgewässer hat. Dann passen sie das jeweilige Becken langsam daran an.

Dieser Edelfisch schwimmt munter im Becken umher.

(Foto: Renate Schmidt)

Darüber hinaus haben sie ihren Nebenerwerb auch noch um einen Schlachtraum erweitert. Nun gibt es jeden ersten Freitag im Monat von 15 bis 18 Uhr ab Hof frischen Zander. Zwei Tage vorher muss man vorbestellen, geschuppt und ausgenommen kostet ein ganzer Fisch 21 Euro das Kilo, das Filet ist für 39 Euro zu haben. Auch am Tag vor Weihnachten ist Zander ab Hof erhältlich.

Nur im Januar ist Pause, dann bekommen die Obermeiers Nachwuchs. Anton, Katharina und die beiden Buben Korbinian und Jonas freuen sich schon darauf.

© SZ vom 02.10.2020

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