Sport:"Wir müssen den Verein ins neue Jahrtausend bringen"

Der neugewählte Präsident Rainer Winter will den TSV 1862 Erding im Digitalen neu aufstellen. Mehr Präsenz in den sozialen Medien, neue Kommunikationswege: Ein Gespräch über den geplanten Neustart.

Interview von Regina Bluhme, Erding

Der TSV 1862 Erding hat einen neuen Präsidenten. Rainer Winter, 55, ist einstimmig gewählt worden. Er folgt auf Thomas Zahn, der nach sechs Jahren sein Amt zur Verfügung gestellt hat. Winter, verheiratet, ein Sohn, ist in Greven in Westfalen geboren und lebt seit 25 Jahren in Bayern. Seit 2013 wohnt er in Erding und ist seither auch im TSV in der Badmintonabteilung engagiert. Der ehemalige IT-Berater und Inhaber einer Akademie für Führungskräfte hat sich einiges vorgenommen. Im Gespräch mit der SZ erklärt er, wie er den Verein auch im Digitalen fitmachen und für die ehrenamtliche Arbeit werben will.

SZ Erding: Herr Winter, die Suche nach einem neuen Präsidenten gestaltete sich äußerst zäh. Persönliche Gespräche, Rundrufe und zwei E-Mail-Aktionen verliefen erfolglos. Dann haben Sie sich gemeldet - ein Name, den keiner auf dem Schirm hatte. Was hat Sie zur Kandidatur bewogen?

Rainer Winter: Ich glaube, die Corona-Zeit hat viele von uns zum Nachdenken gebracht. Wir haben verlernt, nicht nur auf uns, sondern auch auf andere zu schauen. Ich habe mir gedacht, ich habe jetzt 55 Jahre von der Gesellschaft konsumiert - jetzt ist es Zeit, der Gesellschaft auch mal was zurückzugeben. Das war der ausschlaggebende Gedanke.

Was haben Sie sich denn für Ihre Präsidentschaft vorgenommen?

Ich habe viele Jahre in der IT gearbeitet und deshalb ist mir die Digitalisierung und damit einhergehend auch die öffentliche Sichtbarkeit des Vereins ein Anliegen: Sowohl die Website als auch der Auftritt den Sozialen Medien, sei es Facebook oder Instagram, müssen neu aufgestellt werden. Auch die Digitalisierung innerhalb des Vereins möchte ich vorantreiben, im Büro wird noch zu viel Papier verbraucht. Die Kommunikation zwischen Abteilungen und Präsidium möchte ich ebenfalls digitalisieren, stärken und beschleunigen. Auch hier werden wir verstärkt auf Onlinetools zurückgreifen. Und nach 40 Jahren müssen die Büroräume modernisiert werden.

Sport: Als Ausrichter hat sich der TSV einen Namen gemacht. Hier Katja Riedl vom TSV (vorne) bei den Oberbayerischen Meisterschaften im Juni in Erding.

Als Ausrichter hat sich der TSV einen Namen gemacht. Hier Katja Riedl vom TSV (vorne) bei den Oberbayerischen Meisterschaften im Juni in Erding.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Digitalisierung hat vielen Vereinen über den Lockdown geholfen. Dennoch haben sie viele Mitglieder verloren. Wie ist es dem TSV 1862 ergangen?

Wir als Verein sind mit einem blauen Auge durchgekommen. Klar, wir hatten Abgänge im Vergleich zum Vorjahr: Derzeit 2450, zuvor 2750. Aber Austritte in der Größenordnung - durch Wegzug, Umorientierung, et cetera - sind normal, nur dass wir wegen Corona diesmal keine Neueintritte zu verzeichnen hatten. Ich glaube, es ist ganz wichtig, verstärkt in die Sozialen Medien zu gehen und zu zeigen: Hey schaut her, hier bei uns gibt es noch andere Angebote als alleine auf dem Spinning Rad sitzen oder auf dem Handy zocken. Die Pandemie hat vielen von uns gezeigt, dass es zwar ganz spaßig sein kann, mal eine Zeitlang alleine vor sich hin zu mäandern, aber irgendwann ist der Punkt gekommen, an dem wir wieder unter Menschen gehen wollen, aktiv sein wollen, uns vielleicht auch sportlich mit anderen messen wollen. Genau diese Möglichkeiten bietet der Vereinssport. Wir haben im Lockdown Online-Trainings und e-sports Angebote aufgebaut. Diese Angebote wollen wir auch in Zukunft weiter ausbauen.

An die 20 verschiedenen Sportarten hat der TSV 1862 im Angebot, auch Schwertkampf und Eiskunstlauf.

Das, was wir an sportlicher Vielfalt bieten, das dürfte in der Region in dem Umfang schon recht einzigartig sein. Dabei haben wir Team- und Einzelsportarten- für jeden Persönlichkeitstypen ist was Interessantes dabei.

Da müssten sich doch Trainer oder Funktionäre finden lassen.

Ohne Sichtbarkeit wird es schwierig. Wenn wir es aber schaffen, online Präsenz aufzubauen, bei der wir wahrgenommen werden als aktiver und moderner Verein, kann sich da eine Welle aufbauen, mit der wir mehr Menschen erreichen. Wir wollen vor allem auch jüngere begeistern, sich nicht nur für, sondern im Verein zu engagieren.

227000 Euro verzeichnet der Verein als Endbetrag im Jahr 2020.

Da bin ich zufrieden. Wir haben in den letzten Jahren den Investitionsstau im Vereinsheim abgebaut und das Lokal als gemütlichen Treff mit guter bayerischer Küche etabliert. Jetzt müssen wir die IT auf den neuesten Stand und den Verein ins neue Jahrtausend bringen.

Ist eine Beitragserhöhung geplant?

Vielen Dank, dass Sie dieses sensible Thema ansprechen. Das steht nicht als erste Amtshandlung auf dem Plan, zumal ich das alleine auch gar nicht entscheiden könnte. Die letzte Erhöhung war, glaube ich, vor 20 Jahren. Aktuell sind wir der mit Abstand günstigste Verein in der Umgebung. Vereine in der Umgebung verlangen teils das Doppelte dessen, was wir aktuell an Mitgliederbeiträgen veranschlagt haben, und haben ein deutlich kleineres Sportangebot als wir. Hinzu kommt, dass wir künftig eine Hallennutzungsgebühr an die Stadt Erding entrichten müssen. Das wird die Budgets aller Vereine stark belasten. Wir sprechen hier allein beim TSV von einem vier- bis fünfstelligen Euro Betrag, den wir als Verein, ohne eine moderate Erhöhung der Beiträge, nicht aufbringen können. Zusätzlich sind wir gezwungen, in die Modernisierung des gesamten Vereins zu investieren. Natürlich sind wir uns als einer der größten Sportvereine in Erding auch unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitgliedern und der Allgemeinheit bewusst. Unser Ziel ist es, die finanziellen Möglichkeiten unserer Mitglieder nicht über Gebühr zu strapazieren und gleichzeitig die anstehenden Herausforderungen gemeinsam zu meistern und das Sportangebot in der vorhandenen Qualität weiter anzubieten und weiter auszubauen.

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Rainer Winter ist der neue Präsident des TSV 1862, einer der mitgliederstärksten Vereine der Großen Kreisstadt. Der 55-Jährige wohnt seit 2013 in Erding, er ist verheiratet, hateinen Sohn und ist Inhaber einer Akademie für Führungskräfte.

(Foto: Leaders Academy/oh)

Turnhallen: Da dürfte es knapp werden.

Ja, da kommt unter anderem durch den Abriss der Turnhalle an der Loderer Schule und den Sanierungsarbeiten an der Semptsporthalle für einige Zeit ein Engpass auf uns zu. Das wird sicher für die eine oder andere Abteilung gewisse Einschnitte bedeuten. Dazu möchte ich aber sagen, dass wir hier sowohl von der Stadt Erding als auch vom Landratsamt jede erdenkliche Hilfe bekommen. Von deren Seite wird wirklich alles dafür getan, dass die Vereine in Erding das umfassende Sportangebot auch bei der aktuellen knappen Hallenverfügbarkeiten so weit wie möglich sicher stellen können.

Sie haben sich auch ganz schön viel vorgenommen.

Ja, ich denke, die zwei Stunden pro Woche, die mir in den Vorgesprächen genannt wurden, werden nicht reichen. Ich hoffe sehr auf die Unterstützung unserer Mitglieder wenn es um die Renovierung und die Neuausstattung des Büros, um Social Media Inhalte und um die Mund-zu-Mund Propaganda für den TSV Erding geht. Wir brauchen neue Mitglieder und wir brauchen Menschen, die sich im Verein engagieren. Ich werde mein Möglichstes dazu tun, um hier auch ein entsprechendes und ansprechendes Umfeld zu schaffen.

© SZ vom 21.07.2021
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