Süddeutsche Zeitung

SPD Dorfen: SZ-Interview:"Hauptsache, die Richtung stimmt"

Inge Asendorf aus Dorfen ist seit 50 Jahren Mitglied der SPD. Das gilt auch für Heiner Müller-Ermann, mit dem sie am Montag gemeinsam feiert. Ein Interview mit der 75-Jährigen

"Im Anhang eine Einladung, die man nicht allzu oft schreiben kann", das steht in der E-Mail von SPD-Stadtrat Heiner Müller-Ermann für eine Veranstaltung der SPD Dorfen am Montag im Gasthaus am Markt. Dort werden zwei tatsächlich eher seltene Jubiläen gefeiert: Müller-Ermann und Inge Asendorf sind seit einem halben Jahrhundert Parteimitglied. "Treu oder verrückt - 50 Jahre in der SPD" - unter diesem provokanten Titel steht dann auch der Abend in Dorfen. Ein Gespräch vorab mit Inge Asendorf, 75, über Fehler und Erfolge ihrer Partei, über das neue Führungsduo in Berlin und die Lage vor Ort.

SZ: Frau Asendorf, treu oder verrückt - was würden Sie sagen, trifft auf Sie zu?

Inge Asendorf: (lacht) Ich glaube irgendwie beides. Aber treu passt eher. Ich bin einfach vom Prinzip der Doppelstrategie der SPD überzeugt, sich sowohl in Institutionen als auch in sozialen Bewegungen zu engagieren.

Warum sind Sie 1969 in die SPD eingetreten?

Ehrlich gesagt, war es eher Zufall. Ich hab in Berlin studiert, die Studentenbewegung damals hat mich begeistert, vor allem die Auseinandersetzung mit der Elterngeneration, also damit, wie sich diese in der Nazizeit verhalten hat. Ich wollte auch mich einsetzen, dass so etwas nie mehr passieren kann. Als ich dann nach München gegangen bin, bin ich dort recht schnell bei den Jusos gelandet.

Wie hat es Sie nach Bayern verschlagen?

Ich konnte in München in einem sozialwissenschaftlichen Institut arbeiten. 1984 bin ich nach Neufraunhofen im Landkreis Landshut gezogen und hab die Tagwerk Genossenschaft kennengelernt. Seit 1986 hab ich dann für Tagwerk gearbeitet. Ich war im Vorstand und im Aufsichtsrat, jetzt bin ich noch ehrenamtlich dabei. Die genossenschaftliche Idee von Tagwerk gefällt mir, das passt zur SPD. In Dorfen wohne ich seit 1998.

Ihr Mitjubilar Heiner Müller-Ermann ist SPD-Stadtrat. Hatten Sie nie Ambitionen auf ein politisches Amt?

Nein, nie. Ich bin im Tagwerk und bei der Flüchtlingshilfe Dorfen engagiert, inzwischen auch als Oma von drei Enkelkindern. Was die SPD betrifft: Ich bin seit 50 Jahren ein braves SPD-Mitglied. Das ist doch auch was.

Kann man sagen. Die SPD hat in den letzten 30 Jahren die Hälfte der Mitglieder verloren. Warum bleiben Sie der Partei treu?

Ich finde die SPD ist wichtig in diesen Zeiten der Aufruhr. Es passiert so viel, zum Beispiel der erstarkte Rechtsextremismus oder die hohen Mieten. Das sind Themen, da muss die SPD ran! Beim Thema Wohnen ist es wichtig, dass die SPD dafür kämpft, dass die öffentliche Hand sich wieder mehr beteiligt.

Was war denn der größte Fehler der SPD?

Hartz IV. Das war in meinen Augen ganz klar der größte Fehler. Das hat ganz viele enttäuscht.

Wie finden Sie das neue Partei-Führungsduo Saskia Eskens und Norbert Walter-Borjans?

Meine Stimme haben sie gekriegt. Die beiden sind für mich überzeugend, zum Beispiel sprechen sie das Thema Umverteilung an. Aber was den beiden da an Kritik entgegenbracht wird, auch von Ex-Kanzler Gerhard Schröder, das finde ich unmöglich. Ich hoffe, sie haben es nicht allzu schwer.

In Dorfen hat die SPD vier Sitze im Stadtrat. Sie stellen auch eine Bürgermeisterkandidatin für 2020. Also gehen Sie durchaus optimistisch in die Kommunalwahl?

Die SPD Dorfen macht im Stadtrat gute Arbeit. Ich glaube schon, dass sich unsere Stadträte bewährt haben und wir wieder vier Sitze erreichen.

Warum sollte heute jemand in die SPD eintreten?

Um etwas zu bewegen! Um über die Parlamente auf die Gesetzgebung einzuwirken. Dabei ist es für mich im Grunde egal, ob sich jemand in der SPD engagiert oder in einer anderen links-grünen Partei. Hauptsache, die Richtung stimmt.

Was halten Sie von "Fridays for Future"?

Hier wird viel Druck erzeugt - und Abgeordnete brauchen den Rückhalt von Gruppen, die sie antreiben.

Ein großes Thema in Dorfen ist aktuell der Lärm durch die kürzlich eröffnete A 94.

Ich wohne mitten in der Stadt, von meinem Balkon aus höre ich auch das Rauschen. Früher bin ich gerne in Richtung Birkenallee spazieren gegangen. Das ist mir jetzt verleidet, wegen dem Lärm von der Autobahn und wegen dem Ärger, dass hier so viel Geld für so eine Naturzerstörung ausgegeben worden ist.

Letzte Frage fürs Foto: Haben Sie noch Ihr erstes Parteibuch?

Ich habe schon nachgeschaut, aber ich finde es leider nicht mehr. Aber immerhin habe ich hier noch die Urkunde für 40 Jahre "treue Mitarbeit".

Die Veranstaltung "Treu oder verrückt - 50 Jahre in der SPD" beginnt am Montag, 9. Dezember, um 19.30 Uhr im Gasthaus am Markt in Dorfen. Eingeladen sind zu dem "Abend zum Politisieren" nicht nur Mitglieder, sondern alle Interessierten

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Quelle:
SZ vom 07.12.2019
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