Soziales Engagement in Erding:Die Flüchtlingshilfe braucht Hilfe

Der Verein, der seit 2015 schon zigtausend Bedürftige lokal, deutschlandweit und international mit Sachspenden versorgt hat, muss seine Lagerflächen am Fliegerhorst räumen. Ohne eine neue Halle müssen die 80 Aktiven ihre soziales Engagement zum Jahresende beenden

Von Florian Tempel, Erding

Der Verein Flüchtlingshilfe Erding hat alle Hände voll zu tun, Menschen in Notlagen mit dem Nötigsten zu versorgen. Zwei Fahrzeughallen auf dem Fliegerhorstgelände sind voll mit Kleidung, Hygieneartikeln, Kinderausstattung und allem Möglichen. Hier lagern, bestens sortiert und griffbereit, kleine und größere Dingen, die Menschen brauchen können, die nichts mehr haben. Dutzende Freiwillige helfen unermüdlich mit, Sachspenden für Geflüchtete, Obdachlose oder Opfer von Naturkatastrophen zu sichten, sinnvoll zu ordnen und abholbereit zu machen. Andere der etwa 80 aktiven Vereinsmitglieder kümmern sich um Spendenakquise, Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit und Bürokram. Die Flüchtlingshilfe Erding ist ein eingespieltes Team, es läuft - und doch sieht es aktuell düster aus. Ende des Jahres muss der Verein seine beiden Hallen räumen, so wie alle anderen zivilen Untermieter spätestens am Jahresende den Fliegerhorst verlassen müsse. Die Flüchtlingshilfe braucht unbedingt neue Lagerräumen, sonst muss sie ihre Arbeit einstellen.

"Es gibt nichts, für das man nicht eine sinnvolle Verwendung finden würde", sagt Sabrina Tarantik. Die Vorsitzende und Leiterin der Geschäftsstelle der Flüchtlingshilfe Erding ist nur einmal von diesem Grundsatz abgewichen. Es ging um ein Angebot von acht Millionen Corona-Stoffmasken, die Großunternehmen der Flüchtlingshilfe Erding zukommen lassen wollten. "Das war die erste Spende, die ich abgelehnt habe", sagt Tarantik. Es wäre einfach zu viel gewesen. Einige Zeit zuvor hatte der Verein eine Spende von 500 000 Stoffmasken akzeptiert. Ein Sattelschlepper hatte 33 Paletten davon auf den Fliegerhorst angeliefert. Tarantik organisierte den Weitertransport der Stoffmasken nach Gambia und nach Rumänien, wo die Masken von Kinderhilfswerken verteilt wurden.

Die Erdinger sind gut vernetzt und kooperieren mit mehr als 100 Partnerorganisationen

Die Flüchtlingshilfe verwertet aber nach wie vor auch jede noch so kleinen privaten Beitrag. Jeden Samstag Vormittag stehen Vereinsmitglieder auf dem kleinen Parkplatz neben dem Haupteingang des Fliegerhorsts und nehmen an, was ihnen die Erdinger in Tüten und Plastiksäcken übergeben. Fast an jedem Wochentag wird, was neu hereingekommen ist, auf großen Tischen gesichtet. Dann kommt alles fein säuberlich in beschriftete Kartons, die systematisch in den Regalen stehen. Kinderhosen in den Größe 92 bis 122, Damen-Pullover in Größe M, Jogginghosen für Männer von S bis XXL, Turnschuhe oder Sandalen, Mützen und Schals - alles hat seinen Platz. In einem anderen Regal stehen Kisten mit sortiertem Spielzeug, nebenan in der zweiten Halle gibt es Kinderwägen und Maxicosis, Fahrräder und Elektrogeräte. An anderer Stelle stehen voll gepackte Umzugskartons mit Notfallsets für ganze Familien auf Paletten, bereit für den schnelle Abtransport. Die Flüchtlingshilfe ist gut vernetzt und arbeitet mit mehr als 100 Partnern zusammen. Als das Elendslager in Moria in Flammen aufging, brachten die Erdinger binnen weniger Tage einen Sattelschlepper voller Hilfsgüter auf den Weg, die in Griechenland von befreundeten Organisationen verteilt wurden.

Die Flüchtlingshilfe hat noch immer einen üppigen Fundus an Plüschtieren und Stofffiguren, die bei einer Merchandisingaktion übrig geblieben sind. Dieses Spielzeug durfte nicht in den Verkauf gelangen, das war zwischen Filmfirma und Vertrieb vertraglich vereinbart. Die Flüchtlingshilfe war der ideale Abnehmer. "Das wäre sonst alles im Schredder gelandet", sagt Tarantik. So, wie tausenden Brotzeitdosen aus einer ähnlichen Quelle, die nun einer besseren Verwendung zugeführt werden.

Seit sechs Jahren gibt es die Flüchtlingshilfe. Los ging es, als 2015 die Turnhalle der Berufsschule in Erding zum provisorischen Notquartier für Geflüchtete wurde. Die Bundeswehr stellte damals spontan und unkompliziert die beiden Hallen zur Verfügung, bis heute. Als der Warteraum Asyl eingerichtet wurde, war die Flüchtlingshilfe schon am Fliegerhorst, und versorgte in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz mehr als 100 000 Geflüchtete, die bis Frühjahr 2016 das Durchgangslager durchliefen, mit Kleidung und dem Nötigsten. Als die Grenzen dicht gemacht wurden, öffnete die Flüchtlingshilfe ihr Angebot für andere Bedürftige. Sie richtete einen sozialen Kleiderladen ein, unterstützt die örtlichen Tafeln und kooperiert seitdem deutschlandweit und international.

Nun aber braucht man selbst Unterstützung. "Wir sind nicht anspruchsvoll", sagt Tarantik, aber 1000 Quadratmeter trocken, warm und hell wären schon optimal. Vielleicht gibt es ein leer stehendes Gewerbeobjekt, das man eine absehbare Zeit Nutzen könnte, hofft Tarantik. Die Flüchtlingshilfe braucht dringend Hilfe.

© SZ vom 03.08.2021
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