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Sensationsfund wird der Öffentlichkeit präsentiert:Grundlage für neue Erkenntnisgewinne

Der Spangenbarrenfund beschäftigt die Teilnehmer des 4. Archäologischen Sommersymposiums im Museum Erding. Am Sonntag bietet der Leiter Harald Krause mehrere kostenlose Führungen durch die neue Ausstellung an

Im Frühjahr 2014 kam am südlichen Ortsrand von Oberding ein Fund ans Tageslicht, der Archäologenherzen bis heute höher schlagen lässt. Im Zuge von bauvorgreifender Ausgrabungen wurde auf einem Privatgrund ein rund 3700 Jahre alter Spangenbarrenhort entdeckt.

Ob "Traum", "Schatz" oder "Sensationsfund", schon damals geizten die Archäologen nicht mit Superlativen, wenn es um die Bewertung der insgesamt 796 Kupferspangen ging. Doch so offensichtlich das archäologische Potenzial des Fundes aus der frühen Bronzezeit auch war, so viele Fragen gab es 2014 noch zu klären. Weder wusste man woher die Barren stammten, weshalb sie vergraben wurden noch welchen Zweck sie einst erfüllt hatten.

Um durch die Beantwortung dieser Fragen neue Einblicke in das Leben der Menschen vor 3700 Jahren zu erhalten, kaufte die Stadt den Fundus für einen nicht genannten Betrag für ihr Museum und ließ ihn in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, des archäologischen Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie weiteren externen Forschungseinrichtungen sorgfältig restaurieren und wissenschaftlich untersuchen.

Spangenbarren Reportage Landesamt Denkmalpflege München

Fast 800 Kupferspangen hat man in Oberding gefunden. Sie könnten ein damaliges Zahlungsmittel gewesen sein, aber auch Rohstoff für Handwerker, obwohl man dort keine Schmelzöfen entdeckt hat.

(Foto: Renate Schmidt)

Mehr als drei Jahre intensiver wissenschaftlicher Forschung später präsentiert das Museum Erding den bislang umfassendsten mitteleuropäischen Spangenbarrenhort der Frühbronzezeit als Dauerstellung in seinen Räumen. Dabei werden alle 796 Kupferspangen, teils gebündelt, teilseinzeln, in gläsernen Vitrinen ausgestellt.

In der Mitte des Ausstellungsraumes ist eine große Glasplatte in den Boden eingelassen. Darunter findet sich eine genaue Nachstellung der Fundgrube wie sich auch den Archäologen eröffnet hatte. In einer antiken "Abfallgrube" mit jahrtausendalten Pflanzenresten, Tierknochen und Keramiken vergraben, befanden sich in einer separaten Nische am Rande des Lochs die wertvollen Spangenbarrenbündel.

Zudem lassen sich anhand von Fotos die bewegten drei vergangenen Jahre der Spangenbarren von der Ausgrabung bis hin zur Präsentation nachvollziehen. Die Bilder beweisen eindrucksvoll in welch akribischer Feinarbeit die Barren in den Werkstätten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege freigelegt, restauriert und analysiert wurden. Dabei zeigt sich auch die Besonderheit der Oberdinger Ausgrabung: Neben ihres zahlenmäßigen Umfangs ist vor allem der räumliche Kontext des Fundes aufschlussreich. Durch die unmittelbare Nähe zur antiken "Abfallgrube" werden die Baren gewissermaßen "vergesellschaftet", erklärt die Archäologin Sabrina Kutscher. Dadurch bestehe die besondere Möglichkeit die "zeitliche und räumliche Situation zwischen Siedlungsgrube und Nische des Spangenbarrenhorts zu untersuchen und chronologisch einzuordnen". Dies eröffne der Wissenschaft neue Möglichkeiten und könne die entscheidende Grundlage für neue Erkenntnisgewinne sein, sagt Kutscher.

Museumsleiter Harald Krause.

(Foto: Renate Schmidt)

Möglicherweise lasse sich dann in Zukunft auch mit Gewissheit klären, welche Funktion die Spangen in der Bronzezeit einst hatten. Zwar sei ein sakraler Hintergrund nicht völlig auszuschließen, plausibeler sei aber, dass es sich bei ihnen um ein "prämonetäres Tauschmittel" und einen Rohstoff für Handwerksarbeiten gehandelt habe, berichtet Restaurator Jörg Stolz. Darauf deute hin, dass die Spangen alle nahezu gleich groß seien und jeweils etwa hundert Gramm wögen. In den gebundenen Zehnerbündeln ergäben sich so ungefähre Kilogrammeinheiten: "Ein wichtiger Hinweis auf ein bereits existierendes Dezimalsystem in der Bronzezeit", ergänzt Museumsleiter Harald Krause.

Zudem wisse man nun, dass das verarbeitete Kupfer aus den Ostalpen stamme. Da es auch keine Hinweise auf Kupferverarbeitung in Erding gäbe, könnte der Spangenbarrenhort auf einen Handelsweg verweisen, der einst durch Erding verlief, berichtet Krause. Weitere Funde in der Region seien somit alles anderer als ausgeschlossen.

Für den Museumsleiter ist die Ausstellung der Kupferbarren der neue "Leuchtturm des Museums" und von wichtiger "überregionaler Bedeutung". Noch bevor die Ausstellung ihre Tore für Besucher geöffnet hatte, habe beispielsweise der Martin-Gropius-Bau in Berlin angefragt, die Barren in den kommenden Jahren leihweise für einige Monate in ihren Hallen ausstellen zu dürfen. Es sei daher schlichtweg "sensationell", dass ein solch bedeutendes Stück Menschheitsgeschichte im Museum Erding sein neues Zuhause gefunden habe. Möglich wurde dies nur durch die "hervorragende Zusammenarbeit aller Beteiligten" und der "großzügigen Bereitstellung von Forschungsmitteln" durch die Stadt Erding, sagt Krause weiter.

Für besonders Interessierte gibt es dieses Wochenende im Museum ein spezielles Programm. Am Samstag geben die an der Ausgrabung und Auswertung beteiligten Wissenschaftler im Rahmen des 4. Archäologischen Sommersymposiums persönlich Einblick in ihre Forschungsergebnisse. Am Sonntag bietet Museumsdirektor Krause mehrere kostenlose Führungen durch die Ausstellung an.

© SZ vom 22.07.2017

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