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Schulen im Landkreis:Neues Pflichtfach: Stoßlüften

Schule in Hamburg

So wie hier auf dem Foto werden an den Schulen jetzt regelmäßig die Fenster aufgerissen. Die Schüler kommen bislang gut damit klar.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Am Anne-Frank-Gymnasium und an BOS/FOS zeigen Schüler- und Lehrerschaft Disziplin, auch beim Maskentragen. Der Sachaufwandsträger Landkreis Erding will Raumreinigungsgeräte anschaffen, vier werden gerade getestet

Von Regina Bluhme, Erding

Stoßlüften ist seit Kurzem an allen Schulen Pflicht. So sollen die Coronaviren in Schach gehalten werden. In Zeiten der Pandemie hat der Landkreis beschlossen, zusätzlich Raumreinigungsgeräte zu beschaffen. Vier Stück werden demnächst am Anne-Frank-Gymnasium (AFG) probeweise installiert. Kaum eine der Kreisschulen hat eine so moderne Luftaustauschanlage wie die FOS/BOS in ihrem Neubau aus dem Jahr 2011. Doch auch hier werden sicherheitshalber die Fenster aufgerissen. Eine Nachfrage bei AFG und FOS/BOS ergibt: Lüften klappt und mit der kurzzeitigen Abkühlung kommen laut den Schulleitungen die Schüler und Schülerinnen bisher gut zurecht, die einen im Anorak, die anderen im T-Shirt.

Die FOS/BOS in Erding ist in einem neuerbauten Niedrigenergie-Passivhaus untergebracht - inklusive einer hochmodernen Lüftungsanlage, die regelmäßig die Luft im Klassenzimmer austauscht. Sensoren erkennen sogar, ob das Klassenzimmer komplett besetzt ist oder nur zur Hälfte, und je nachdem regelt das System die benötigte Zufuhr automatisch. Bis zu viermal in der Stunde erfolgt der Austausch. Dennoch wird an der FOS/BOS jetzt regelmäßig stoßgelüftet, wie bei Schulleiter Jens Baumgärtel zu erfahren ist. Allerdings dürfe man auch nicht zu lange die Fenster öffnen. Bei über fünf Minuten Frischluftzufuhr schaltet sich sonst die Anlage automatisch aus.

"Die Schüler haben sich inzwischen an die frischen Tage gewohnt", sagt Regine Hofmann, Schulleiterin am Anne-Frank-Gymnasium (AFG). So sehr kühle durch ein paar Minuten Stoßlüften die Raumtemperatur dann auch wieder nicht ab, fügt sie hinzu. Ihr sei aber schon aufgefallen, dass sich die Jugendlichen vielleicht doch generell ein bisschen wärmer kleideten, vereinzelt sitzen sie im Anorak im Unterricht, mache bleiben auch eiskalt beim T-Shirt. "Jeder hat ein anderes Wärme-Kälte-Empfinden, aber im Prinzip läuft es gut."

Ein Zimmer gebe es am AFG allerdings, das kein Fenster habe. Der "Gefangenenraum", wie ihn Regine Hofmann scherzhaft nennt, werde aber ohnehin nicht oft zum Unterricht genutzt und verfüge über eine Lüftungsanlage. Zwei weitere Klassenzimmer seien auch "nicht so optimal" zum Lüften geeignet. Insgesamt trifft das auf etwa 40 Räume an den Kreisschulen zu, wie Fachbereichsleiter Matthias Huber jüngst im Kreisbildungsausschuss informierte. So gibt es laut Huber zum Beispiel an der Herzog-Tassilo-Realschule noch Physikräume ohne Fenster. Demnächst werden nun vier Raumreinigungsgeräte unterschiedlicher Bauart im AFG probeweise aufgestellt. Das erst stand Anfang der Woche schon vor Ort. Insgesamt will der Landkreis 36 Geräte anschaffen und zusätzlich 400 sogenannte C02-Ampeln.

Im Kreistag ist ein Antrag der Grünen-Kreistagsfraktion für "Gesunde Luft in den Schulen" anhängig. Nach Ansicht der Grünen würde eine Lüftung als optimal angesehen, "die den Raum mit ausreichend Frischluft versorgt, hohe Aerosolkonzentrationen im Raum verhindert und möglichst wenig Wärmeenergie verschwendet", heißt es im Antrag. Langfristig, möglichst bis Beginn des Schuljahres 2021/22, sollte dieser Standard in allen Unterrichtsräumen und Lehrerzimmern umgesetzt werden. Zudem sollte ein Ingenieurbüro mit der Überprüfung sämtlicher Unterrichtsräume und Lehrerzimmer, hinsichtlich Lüftungsmöglichkeiten und Aerosolverhalten beauftragt werden.

Neben Lüften gehört aber auch das Abstandhalten inzwischen zum Schulalltag. Flexible Pausenzeiten sorgen zum Beispiel an der FOS/BOS für ausreichend Raum zwischen den Schülern und Schülerinnen. Auch die Mittagspause findet zu drei zeitversetzten Terminen statt. Organisatorisch wird von den Schulen einiges abverlangt. Das sei alles machbar, sagt Baumgärtel. Schwierigkeiten bereiteten eher "die Kurzfristigkeit der neuen Verordnungen".

Mit der Maskenpflicht im Unterricht läuft es am AFG "erstaunlich gut", sagt Regine Hofmann. "Die Schüler sind hart im Nehmen." Aber auch vonseiten der Elternschaft gebe es keine Probleme. An der FOS/BOS sind drei Schüler aus medizinischen Gründen vom Maskentragen befreit. "Es ist ein Spagat zwischen der Fürsorgepflicht für die Schüler mit Attest und für die anderen", so Baumgärtel. Auf eins will der Schulleiter der FOS/BOS noch hinweisen. Inmitten der Corona-Pandemie gebe es unter den 50 Lehrkräften an der FOS/BOS so gut wie keine Ausfälle: "Es ist unwahrscheinlich, wie sich alle reinhängen." Acht Stunden mit Mundschutz im Klassenzimmer zu stehen, "da kann ich nur den Hut ziehen, vor dem, was die Kollegen an der Basis leisten".

Forderungen der Lehrerverbände nach mehr Distanzunterricht kann Regine Hofmann nicht unterschreiben. "Ich kenne keinen Lehrer, der Angst hat. Bei mir gibt es niemand, der zum Distanzunterricht tendiert." Im Rahmen von Corona wolle das AFG "viel Schulalltag" ermöglichen. Das sieht auch Jens Baumgärtel so: "Der Präsenzunterricht hat einen sehr hohen Wert und den wollen wir so lange es geht aufrecht erhalten."

© SZ vom 19.11.2020

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