Schokoladen-Boom in ErdingEin süßer Ort

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In allen Größen, in allen Formen, in allen Geschmacksrichtungen: In Erding gibt es mittlerweile ein halbes Dutzend Geschäfte für Pralinen und andere Köstlichkeiten. Woher kommt dieser Boom, und vor allem: Lohnt sich das? Ein Besuch bei den Schokoladenfrauen der Herzogstadt.

Von Mathias Weber, Erding

Kleine Schoko-Schneemänner in der Confiserie Pralibel: Jetzt reichts, oder?
Kleine Schoko-Schneemänner in der Confiserie Pralibel: Jetzt reichts, oder? Bauersachs

Es riecht süß, wer hätte das gedacht? Es ist Vorweihnachtszeit, die Stadt leuchtet, der Weihnachtsmarkt ist aufgebaut, der Glühwein trinkbereit. Aber im Geschäft von Erika Kania riecht es süßlich, nach Erdbeeren. Es passt so gar nicht zur Jahreszeit.

"Eigentlich wollte ich die Erdbeerschokolade in die Winterpause versetzten", sagt Kania, "aber die Leute wollen diese Sorte einfach - was soll ich machen?" Der Kunde ist König, und so steht Kania in ihrer Schokoladenwerkstatt hinter der raumhohen Glasscheibe, die den Verkaufsraum von der Werkstatt trennt, und macht eine neue Schokolade. Das ist die Spezialität ihrer "Schoko-Laden-Werkstatt": Selbst gemachte Schokolade, ganz nach den Wünschen der Kunden.

Für die Erdbeerschokolade versetzt sie die weiße, warme Rohschokolade mit klein gehackten Erdbeerstückchen, fügt ein bisschen Erdbeeröl hinzu und wartet, bis das Ganze fest ist. In der Zwischenzeit ist der ganze Laden mit dem süßlichen Duft erfüllt. Handgemacht Schokolade: ihre Geschäftsidee, ihre Nische. Hätte sie keine solche Nische gehabt, sagt Kania, sie hätte ihre Werkstatt vor einem Jahr nicht eröffnet. Immerhin betreibt sie den fünften Schokoladenladen in Erding - und war damit nicht die letzte. Wer in dieser süßen Stadt Erfolg haben will, braucht die Nische.

Woher kommt der Boom?

Knapp zehn Kilo Schokolade hat der Deutsche durchschnittlich im vergangenen Jahr gegessen. Der Menge der Schokoladen- und Pralinenläden in der Stadt nach zu urteilen, könnten die Erdinger diese Zahl toppen: Sechs Schokoladen- und Pralinengeschäfte gibt es mittlerweile hier. Dieser Erdinger Schokoladenboom: Woher kommt er, sind die Erdinger einfach ein süßes Volk? Und wie lange hält der Markt das durch - bei sechs Geschäften auf 35 000 Einwohner.

Diana Butz-Weigel ist die mutige Nummer Sechs: Sie hat zuletzt einen Pralinenladen in Erding eröffnet, dass noch einer kommt, damit hätte keiner gerechnet. Im September erst hat "Pralibel" - mit Betonung auf das "bel" eröffnet, in allerbester Innenstadtlage, in der Langen Zeile. Noch ein Pralinenladen in Erding - muss das sein? "Klar bekomme ich solche Bemerkungen", sagt sie und stemmt die Hände in die Hüfte. "Aber da muss man drüber stehen." Es gäbe ja schließlich auch Dutzende von Brillenläden. Über den Standort Erding hat sie sich im Vorfeld nicht sehr viele Gedanken gemacht. "Wenn ich den ganzen Tag hinter der Theke stehe, will ich auch dort arbeiten, wo es schön ist. Ist doch wie in Italien hier!"

Freundlich sind die Erdinger Schokoladen-Frauen hinter ihren Pralinen- und Schokoladentheken. Denn, so zeigt sich beim Schokoladen-Spaziergang durch die Stadt, es sind Frauen die das Gewerbe bestimmen. Sie sind oft so freundlich, dass man bald nicht mehr weiß, ob sie es ernst meinen oder ob das berufsbedingt ist. Bei Diana Butz-Weigel ist es wohl so, Berufskrankheit: 30 Jahre lang war sie bei Air France am Flughafen beschäftigt. 30 Jahre, im Juli wurde ihr gekündigt. "Was soll's", sagt sie, "Ärmel hochkrempeln und weiter geht's". Das Lächeln sitzt.

Keine Kette, auch kein Franchise betreibe sie, sagt Butz-Weigl. Der belgische Pralinenhersteller Pralibel gebe nur das Design des Ladens vor. Das Sortiment kann sich der Inhaber selbst zusammen stellen, die Pralinen kommen natürlich aus Belgien. Chic, elegant und modern schaut der kleine Laden aus, der von der großen Pralinentheke dominiert wird. Die kleine Frau Butz-Weigl verschwindet fast hinter der mannshohen Glasscheibe, die die Kunden von den Pralinen trennt.

Sie ist die Nummer Sechs, aber Butz-Weigl zeigt keine Angst vor der Zukunft: "Jeder versucht seine eigene Sache zu machen." Sie will bald mehr in Richtung Delikatessen gehen, französische Spezialitäten, Fois Gras zum Beispiel. Denn der Schoko-Markt in Erding scheint nun wirklich gesättigt. Höchstens ein Geschäft für das günstige Preissegment hätte noch eine Chance, eine der Schokoladen-Ketten vielleicht. Das glaubt Kerstin Franz-Mayer. Sie hat mit ihrem Schokoladenladen Franz - im Untertitel "kontor für schokolade" - den vielleicht edelsten Laden in Erding.

Chic, chic

Bei Franz ist alles perfekt, der Laden ist durchgestylt: Eine edle Tapete, die Regale schmuckvoll, Kronleuchter, die Türklingel klingelt freundlich. Das Aussehen der Mitarbeiter ist sorgfältig auf den Laden abgestimmt. Die Chefin trägt eine braune Schürze, ein Tweed-Jäckchen, eine Damenkrawatte, strenge Kurzhaarfrisur. So professionell wirkt keiner der Erdinger Schokoladenläden. Sie verhehlt auch nicht, dass sie überzeugt von ihrem Konzept ist. Sie hat Wirtschaftsingenieurswesen studiert, kennt sich mit Betriebswirtschaft aus, hat sich auf Werbetechnik spezialisiert. Neben dem Pralinengeschäft berät sie Existenzgründer, ihr zweites Standbein. "Ich bin schon stolz auf das, was ich geleistet habe", sagt sie.

Man hört sofort: Franz-Mayer kommt nicht aus Bayern. Sie ist Sächsin, in Plauen geboren, aber schon mit 20 Jahren, im Jahr 1986, in den Westen gekommen. Sie wusste schon damals was sie will: "Nicht dieses System", sagt sie. Diese Frau hat Durchsetzungskraft, sie weiß, womit man Geld verdienen kann. Die Produkte in ihrem Laden sind edel, hochwertig, nichts für den Durchschnitt. Die Kunden lassen schon mal mehrere hundert Euro im Laden, aber dann gibt sie auch ein Paar Pralinen oben drauf - Kundenbindung. Aber jetzt will sie auch ein wenig weg von den Pralinen, hochwertiger Alkohol und Tees sollen es sein.

"Konkurrenz belebt das Geschäft", sagt Franz-Mayer. Sie ist schon seit drei Jahren in Erding und hat den Schokoboom von Anfang an mit erlebt. "Ich habe keine Angst vor den anderen." Man glaubt ihr das, genau wie den anderen Schokoladenfrauen. Was bleibt ihr auch anderes übrig? "Qualität setzt sich durch", sagt sie. Darauf baut sie. Diesen Schokoladen-Boom kann sie sich auch nicht so recht erklären. Eigentlich sollte man eine Marktanalyse machen, bevor man ein Geschäft eröffnet, sagt sie. Gerade zu Zeiten in denen der Pralinen-Markt wieder rückläufig sei. Die Marktbereinigung, so glaubt man in vielen der Schokoläden, wird langfristig kommen müssen. Nicht jeder werde sich halten können. Dann friert das Lächeln ein und die Stirn legt sich in Falten.

Außer bei Erika Kania: An die anderen denkt sie nicht so sehr, sie ist überzeugt von ihrer Idee der selbst gemachten Schokolade. Trotzdem sagt sie: "Es war ein Wagnis, ja. Am Anfang hat jeder gesagt: Ihr seid sehr mutig mit eurem Laden. Schließlich waren wir schon die Nummer Fünf in Erding." Kania ist eine handfeste Person, eine die zupackt, die auch kein Blatt vor den Mund nimmt. So wirkt auch ihr Laden. Schickimicki gibt es hier nicht. "Wir bauen, wir produzieren, wir haben eine Werkstatt", sagt sie. Und das soll auch jeder sehen: Hinter ihrer großen Glaswand macht sie die Schokolade - Mal mit Frucht, mal mit Nüssen, mal ganz was anderes. "Ich mag zum Beispiel selbst keine Chili-Schokolade, aber wenn ein Kunde eine besonders scharfe Schokolade will, muss ich die eben probieren." Da muss sie durch.

Pralinen in Erding: Für jeden Geldbeutel zu haben
Pralinen in Erding: Für jeden Geldbeutel zu haben Bauersachs

Der Laden fast am Ende der Langen Zeile wurde ihr vergangenes Jahr angeboten, sie hat lange mit ihrem Mann überlegt, ob sie das Wagnis eingehen soll. "Letztendlich war ich nicht glücklich, wo ich zuvor gearbeitet habe, da habe ich gesagt: Ja, mach ma's." Sie wollte die Nische in Erding besetzten, von dem sie selbst zu hundert Prozent überzeugt ist, wie sie sagt: Selbst gemachte Schokolade mit kleinem Eventcharakter. Dafür geben die Menschen offenbar gerne Geld aus. In einem Jahr hat sie eineinhalb Tonnen Schokolade verarbeitet, erst kürzlich hat sie die 10 000. Kundin begrüßt, ein Thermengast aus Tirol. Für sie gab es gleich einen Gutschein - ein kleiner Marketing-Gag.

Ein neues Geschäft muss mutig sein

Der Laden von Franz-Mayer ist in der Langen Zeile nur wenige Meter von ihrem entfernt. Die Schokoladenfrauen kennen sich, aber viel zu tun hat man nicht miteinander. Warum auch? Jeder neue Laden in Erding macht den Markt schwieriger. Ein neues Geschäft muss mutig sein, sich hier anzusiedeln. Aber auch die Erdinger Schokoladenfrauen waren mutig. Ob sich ihr Mut auf Dauer lohnt? Der Geschmack der Erdinger muss es entscheiden.

© SZ vom 08.12.2012 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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