Aus Weiden kann man Körbe flechten und damit Ufer befestigen – aber auch natürliche Architekturstrukturen erschaffen? Es gibt eine Weidenkirche bei Pappenheim, einen Weidendom bei Rostock und eine Weidenkuppel in Taufkirchen an der Vils im Landkreis Erding. Dieses Kunstprojekt des Erdinger Künstlers Harry Seeholzer, genannt S-Amhain, hat einen Durchmesser von 22 Metern und ist mittlerweile neun Meter hoch. Kirche und Dom haben zwar eine größere flächige Ausdehnung, aber als Kuppel wächst hier die größte der Welt heran, umgeben von einem schneckenhausförmigen Zugang sowie Kunstwerken und einer Wildblumenwiese.
Sonnwendfeiern, Konzerte und Taufen haben dort bereits stattgefunden, Kindergärten und Yogagruppen treffen sich dort. Seeholzer hat zudem den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung für den Hain erhalten. Das Projekt wurde 2006 begonnen und auf 30 Jahre angelegt. Seeholzer hat im Gemeinderat Taufkirchen nach den ersten 20 Jahren jetzt eine Zwischenbilanz gezogen und seinen Ausblick auf die weitere Entwicklung vorgestellt.
Die Kuppel aus gebündelten Weidenruten kann es an Größe zwar nicht mit Stahlträgerbauten wie der Reichstagskuppel oder freitragender Ziegelbauweise wie dem Petersdom aufnehmen, aber Seeholzer ist offenbar vor 20 Jahren an die Grenzen dessen gegangen, was mit diesem natürlichen, organischen Material möglich war. Es war sein erstes und bislang einziges Projekt dieser Art, er hat sich Rat bei Fachleuten geholt und musste dennoch Rückschläge hinnehmen. Die Spitze der Kuppel ist schon mal mangels Wassernachschub von oben eingestürzt und sah zwischenzeitlich aus wie ein Gugelhupf.
Dann kam auch noch ein Biber und machte Brotzeit an den Pfeilern des Kunstwerks. Aber Seeholzer, der Förderverein des Projekts und viele freiwillige Helfer gaben nicht auf. Die Kuppel erhielt einen radikalen Rückschnitt, für den Weiterwuchs eine neue Technik für eine bessere Wasserversorgung und mehr Höhenstabilität – und Maschendraht gegen den Biber. Nun wächst und gedeiht das Projekt zu einer Kuppel von Weltformat heran. Insgesamt hat Seeholzer auf dem 8000 Quadratmeter großen Areal schon mehr als 1000 Bäume gepflanzt.
Eine mehrere hundert Jahre alte Eiche ist leider abgestorben
Angefangen hat die Geschichte, als Seeholzer bei einer Reise durch die Toskana den Skulpturengarten von Niki de Saint Phalle und Daniel Spoeri besuchte. Die gemeinsame Arbeit mit Marcel Kalberer in der Steiermark im Nationalpark Gesäuse an einem Weidendom bezeichnet Seeholzer als Initialfunken: „Die Verbindung Weiden- und Skulpturengarten erschien mir als ideale Konstellation für eine künstlerische Begegnungsfläche.“
Seeholzer hatte zuvor mit der Kettensäge aus Baumstämmen große Skulpturen geschaffen oder mit dem Schweißapparat Metall neuen Interpretationsspielraum gegeben. Der Weidengarten war eine neue Herausforderung. Zuerst einmal musste er ein passendes Grundstück finden. In Taufkirchen gab es eine nasse Wiese an der Vils, die sich im Eigentum der Gemeinde befindet. Seeholzer wurde Pächter.

Das Grundstück hatte Vor- und Nachteile: Das Wasser steht sehr hoch, häufig kommt es dort zu Überschwemmungen. Das war gut für das Wachstum der dort gepflanzten Weiden, aber immer wieder versanken Baufahrzeuge im Morast und mussten herausgeschleppt werden.
Seeholzers Konzept vereinnahmte die keltischen Wurzeln Taufkirchens. Samhain, das keltische Hochfest, gefeiert am 31. Oktober, war für die Kelten eine der wichtigsten Feierlichkeiten des Jahres. Dieser Tag, der für die Kelten die größte Transparenz zum Totenreich hatte, ist heute unser Allerheiligen. Zudem waren den Kelten die Bäume heilig, Versammlungen und Gerichtsplätze lagen in heiligen Hainen. Ein Glücksfall war, dass am Südende des Grundstücks bereits eine mehrere hundert Jahre alte Eiche stand. In der Mythologie gilt die Eiche als männlicher Baum und die Weide als ein Archetypus des Weiblichen. Seeholzer spaltete das „S“ von Samhain ab, um den lateinischen Namen der Weide zu unterstreichen – Salix.
Diese uralte Eiche ist leider abgestorben, nachdem bei Erdarbeiten ihre Wurzeln beschädigt wurden. In den kommenden Jahren will Seeholzer eine ringförmige Skulptur aus alten Eichenstämmen, die sich bereits auf dem Areal befindet, mit jungen Eichen hinterpflanzen. „Die monumentale Eiche lässt sich nicht ersetzen“, sagt Seeholzer. „Aber ein kleiner Eichenhain sollte an deren Stelle treten.“
„20 der geplanten 30 Pflanzjahre sind bereits vergangen“, sagte der Künstler. Zusammen mit dem Förderverein werde er sich künftig „breiter aufstellen“, um das Projekt für die nächste Zukunft zu sichern. „Ein Großteil der Pflanzen ist erst im Anfangsstadium. In 50 Jahren werden dort gewaltige Stämme stehen, die eine grüne Lunge bilden. Ich bin mit meinem Werk zufrieden.“


