Rudolf L. Reiter Werden und Wandeln

Das Gemälde "Panta Rhei" des 74-Jährigen ist für die Kunstsammlung des Bundestag angekauft worden. Seine geheimnisvolle Installation "Mit der Seele sehen" geht bald auf ein lange Reise durch Deutschland

Von Florian Tempel, Erding

Der Deutsche Bundestag hat eine Kunstsammlung und kauft regelmäßig Kunstwerke an. Eine der neuesten Erwerbungen ist ein Werk des Erdinger Künstlers Rudolf L. Reiter. "Panta Rhei" heißt die 180 mal 120 Zentimeter große Leinwand, die Reiter im vergangenen Jahr in seinem für ihn typischen informellen Stil kraftvoll und ausdrucksstark bemalt hat. Der Ankauf des Gemäldes ist ein Treffer. Dass "alles fließt", ist in Reiters Kosmos nicht irgendeine, sondern eine zentrale Aussage.

Der 74-Jährige spürt seit seiner Kindheit Energieflüsse, die anderen unbekannt oder unerklärlich scheinen mögen. Für Rudolf L. Reiter sind es jedoch die wesentlichen Aspekte seines künstlerischen Schaffens, für ihn wichtiger und existenzieller als die offensichtlichen visuellen Ebenen von Form, Farbe, Struktur oder Gegenstand. Auch Reiters künstlerische Beschäftigung mit den Themen Metamorphose und Reinkarnation sind Ausdruck dessen, was in der altgriechischen Formel "panta rhei" in mystischer Weise offenbart und nicht leichthin gesagt wird.

Die Neuerwerbung fürden Deutschen Bundestagist ein Treffer. DasGemälde "Panta Rhei" ist von Rudolf L. Reiter inseinem typischen undkraftvollen informellen Stil ausdrucksstark gemalt.

(Foto: oh)

Das klingt natürlich alles ziemlich rätselhaft. Aber das ist es ja auch. Der Philosoph Heraklit hat, nach dem wenigen, was man von ihm überhaupt weiß, vor 2500 Jahren gelebt. Platon zitiert ihn in seinem Dialog "Kratylos" nicht nur mit zwei Worten, sondern wenigstens etwas ausführlicher: "Alles fließt und nichts bleibt, es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln."

Wie rätselhaft die Welt und die Kunst ist, zeigt sich auch im Projekt von Rudolf L. Reiter "Mit der Seele sehen", das seit Herbst vergangenen Jahres im Museum Erding zu erleben ist. Im Ausstellungsraum hängen drei flache, gleichgroße Pakete nebeneinander an der Wand. Das hellbraune Packpapier wird durch fingerdicke Hanfseile zusammengehalten. Alles ist gleich, bis auf die Nummerierung mit römischen Ziffern. Dazu erfährt der Besucher, dass sich nur hinter einer Verpackung ein typische Reiter-Bild, ähnlich kraftstrotzend wie das vom Bundestag angekaufte "Panta Rhei", befindet. Ansonsten seien zwei leere, weiße Leinwände eingepackt worden.

Reiter ist sich sicher, dass die Aura seines Kunstwerks spürbar ist, auch wenn man es nicht mit den Augen sehen kann. Die Betrachter sollen ihre spontanen Eindrücke und persönlichen Empfindungen auf ein als Fragebogen vorbereitetes Blatt Papier niederschreiben und einer verschlossenen Box anvertrauen. Seit der Vernissage habe das nicht wenige getan. Museumsleiter Harald Krause hat sich die Blätter angeschaut und dabei eines festgestellt: In jedem Fall wurden positive Eindrücke festgehalten, niemand habe etwas Negatives zu Papier gebracht.

Dass "alles fließt", ist zudem für Rudolf L. Reiter nicht irgendeine, sondern eine zentrale Aussage.

(Foto: oh)

Das stimmt froh auf das, was nun noch kommt. Die Installation geht auf eine längere Reise. Im April wird "Mit der Seele sehen" in Neuburg an der Donau bei den Kulturtagen "Temporär" die erste Auswärtsstation haben. Im Mai sind die drei verpackten Leinwände im Bürgerhaus Garching zu Gast. Der anschließende Aufenthalt in Kallmünz im dortigen Kunstforum "Altes Rathaus" ist für Reiter eine ganz besondere Sache. Er selbst ist seit 30 Jahren immer wieder regelmäßig in dem wunderbaren Ort nahe Regensburg, den vor ihm auch der von ihm so geschätzte Wladimir Kandinsky besuchte. Bei seinen persönlichen Aufenthalten habe er immer wieder große Kraft und Inspiration getankt, erinnert sich Reiter, die zurück in seinem Atelier in Erding stets in große Schaffensprozesse mündeten. Nach den Wochen in Kallmünz wandern seine drei geheimnisvollen Bilderpakete nach Eichstätt ins dortige Kunstforum "Johanniskirche". Weitere Ausstellungen in Nürnberg und Berlin sind in Planung. Und es werden sicher noch einige dazu kommen.

Wenn das Projekt im Jahr 2021 zurück nach Erding kommt, werden die Pakte geöffnet. Reiter soll dann eine der beiden weißen Leinwände öffentlich und spontan informell bemalen.

Bis dahin wird noch viel Wasser die Flüsse hinunter fließen. Doch Rudolf L. Reiter ist sich nicht sicher, dass er die Rückkehr seiner Installation "Mit der Seele sehen" noch erleben wird. Es geht ihm gesundheitlich nicht gut. Er redet offen darüber. Sein Arzt gebe ihm nicht mehr lange, wenn er sich nicht einer Herzoperation unterziehe. Die Retrospektive-Schau zu einem 75. Geburtstag in wenigen Wochen im Frauenkircherl hat er aber fest im Blick.

"Mit der Seele sehen", Museum Erding, bis 28. Februar; "Quelle und Schöpfung", Retrospektive zum 75. Geburtstag, 8. bis 16. März im Frauenkircherl.