Rote Liste "Wir haben es in der Hand"

Naturfotograf Andreas Hartl und der LBV Fraunberg machen auf Bedrohungen der heimischen Tier- und Pflanzenwelt aufmerksam. Der Artenschwund ist enorm

Von Julia Kainz, Fraunberg

Beim Gedanken an vom Aussterben bedrohte Tiere kommen den meisten wohl zuerst Tiere wie Gorilla, Tiger oder Nashorn in den Sinn. Doch man muss dafür gar nicht so weit weg, bis nach Afrika oder Asien, denken. Es reicht schon, einen Blick auf den eigenen Garten, die nächste Wiese oder den nächsten Bach zu werfen. Denn vor den eigenen Haustüren spielt sich ein enormer Artenschwund ab. Das thematisierte am Dienstag die Ortsgruppe Fraunberg des Landesbund für Vogelschutz (LBV) bei einem Neujahrstreffen im Gemeindezentrum Fraunberg. Zu Gast war der Dorfner Naturfotograf Andreas Hartl. Mit einem Fotovortrag mit dem Titel "Bäche, Flüsse, Lebensadern unserer Heimat" machte er auf Bedrohungen aufmerksam, die für Tiere in und um die heimischen Bäche bestehen.

"Den Bächen und Flüssen geht es schlecht", berichtet Hartl. Und das auch im Kreis Erding. Flüsse wie die Isen oder die Dorfen sind heute nicht mehr ansatzweise so belebt wie sie es einmal waren: "Rund 75 Prozent der heimischen Fischarten stehen auf der Roten Liste, das heißt sie sind akut in ihrem Bestand gefährdet", erklärt Hartl. Einige gebe es bereits gar nicht mehr. Und auch anderen Arten geht es schlecht. "Früher wurden Muscheln eimerweise nach Hause getragen", sagt Hartl. "Heute findet man fast keine mehr".

Schadstoffe und Schmutz bedrohen einzigartige Naturschauspiele wie dieses: Tausende Eintagsfliegen schlüpfen zur gleichen Zeit. Für die Waller ist das ein Festmahl.

(Foto: Andreas Hartl)

Plankton, Algen, Muscheln, Krebse, Fische und ganz viele Insekten. Sie leben in den Bächen und sind die kleinen Wunder der Evolution, wie Hartl durch Fotos zeigt: Da sind zum Bespiel Bitterlinge, kleine Fische, die ihre Eier von Muscheln "ausbrüten" lassen, Krebse, die eine Höhle bauen, wo sie ihre Eier verstecken, oder Eintagsfliegen, die alle an einem Tag schlüpfen und den ganzen Fluss nur noch weiß erscheinen lassen. Zigtausende der kleinen Insekten schwirren dann durch die Luft und bescheren Fischen und Vögeln ein einzigartiges Festmahl. "Die Fliegen schlüpfen alle innerhalb weniger Stunden. Und genau dann kommen auch die anderen Tiere, Waller zum Beispiel", erklärt Hartl. "Keine Ahnung woher die wissen, dass die Fliegen genau um die Zeit schlüpfen. Da funktioniert die Kommunikation, so ganz ohne Handy", scherzt er.

Für den Artenschwund in und um die Gewässer ist dem Naturfotograf zufolge der Mensch verantwortlich. Durch zunehmende Bebauung nehme er der Natur zum Beispiel den Platz weg. Außerdem verschmutze er das Wasser durch den Verkehr oder durch Schadstoffe aus der Landwirtschaft. Denn Äcker grenzen oft direkt an den Bächen, wodurch viel Schmutz in das Wasser gelangt. Dadurch kommt er zum Artenschwund bei den Bachbewohnern, da sie in der Nahrungssuche sowie der Fortpflanzung eingeschränkt werden. Verschwinden Tiere, die in der Nahrungskette ganz unten sind, trifft das auch ihre Spitze: Vögel und kleine Säuger finden immer weniger Futter. "Vögel sind heute drei bis vier mal länger unterwegs, bis sie Nahrung finden als vor 25 Jahren", so Hartl.

Naturfotograf Andreas Hartl

"Den Bächen und Flüssen geht es schlecht. Rund 75 Prozent der heimischen Fischarten stehen auf der Roten Liste, das heißt sie sind akut in ihrem Bestand gefährdet."

Um dem Artenschwund entgegen zu wirken, gibt es ab dem 31. Januar ein Volksbegehren mit dem Namen "Rettet die Bienen", worauf Christian Kainz, erster Vorsitzender der LBV-Ortsgruppe Fraunberg, aufmerksam macht. Wie er erklärt, sei dieses Volksbegehren nicht nur für die Bienen, sondern auch für viele andere Arten wichtig. Über 70 Prozent aller Fluginsekten seien verschwunden, es leben nur noch halb so viele Vögel in Bayern wie vor 30 Jahren. Zwei Kernforderungen des Volksbegehrens sind daher eine bayernweite Vernetzung von Lebensräumen für Tiere sowie blühende Randstreifen an allen Bächen und Gräben, um die Gewässer vor Verschmutzung durch angrenzende Äcker zu schützen. "Es ist fünf nach 12", so Kainz. Wer auch in mehreren Jahren noch etwas von der bayerischen Natur haben wolle, müsse jetzt etwas tun. "Wir haben es in der Hand", sagt Hartl.