Süddeutsche Zeitung

Resl Lenz:Im Spiegel der Kugeln

Spezialisiert auf stilvolles weihnachtliches Kunsthandwerk: Das Familienunternehmen aus Dorfen feiert 60-jähriges Bestehen.

Man muss wohl beim Herrgott einen Stein im Brett haben, wenn man mit 91 Jahren so fit ist: Resl Lenz versorgt ihren Haushalt immer noch alleine und wenn sie Anekdoten aus ihrem Leben erzählt, blitzt der Schalk aus ihren wachen Augen. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass bei ihr jeden Tag Weihnachten ist - und das schon seit 60 Jahren.

1958 hatte Resl Lenz, die an der Blocherer Schule in München Kunst studiert hat, eine Idee, die ihr Leben prägend sollte. Sie war mit einer Freundin in der Werkstatt eines Glasbläsers und sah, wie dieser eine Glocke aus Glas fertigte. Sie nahm ein paar dieser halbrunden Gläser mit und tüftelte Zuhause an einer Schnittform aus Goldblech, der die Form eines Engels hatte. Mit diesem Engel, in drei verschiedenen Größen, fuhr sie erstmals nach Frankfurt auf die Internationale Handwerksmesse. Der Engel Nummer 95 wurde ein Riesenerfolg: Es folgten nicht nur Bestellungen aus Deutschland, sondern auch aus England, Schweden und den USA. Große, namhafte Geschäfte wie Harrods in London oder Macy's in New York zählten zu den ersten Lenz-Kunden. Resl Lenz begann, ihre Kugeln in Serie zu fertigen. Ihr Mann, ein Schlossermeister, baute Stanz- und Walzmaschinen, die heute noch ihren Dienst tun, und Theresia beschäftigte bis zu 40 Mitarbeiterinnen, die in Heimarbeit die Kugeln herstellten. Tausende Kugeln wurden damals pro Jahr von Dorfen aus in alle Welt verschickt, vor allem in die USA.

Zu ihrem Erfolg trug maßgeblich bei, dass sie sich jedes Jahr ein anderes Muster einfallen ließ. Es gibt Kugeln mit Tieren, mit Sonne, Mond und Sternen, mit Kirchen oder Windmühlen, mit Bäumen, Obst oder den Heiligen Drei Königen. Bei der Wahl der verwendeten Materialien blieb sie Puristin: Das Innenleben der Kugeln wird nur aus Gold-, Silber- oder farbiger Metallfolie hergestellt, oft mit Perlen oder funkelnden Glassteinchen besetzt. Auch die Kugeln sind immer noch aus mundgeblasenem Glas und nicht aus Plastik. Sie stammen aus einer kleinen Glasbläserwerkstatt im Thüringer Wald, der ebenfalls ein kleiner Familienbetrieb ist.

Resl Lenz hilft noch im Betrieb mit, entwirft Muster oder übernimmt den Standdienst am Dorfener Christkindlmarkt. Ihre Tochter Juliane Muijsson-Lenz hat sich als hochtalentierte Nachfolgerin erwiesen, die filigrane Meisterwerke fertigen kann. Das Jubiläumsmuster, das heuer angeboten wird, ein Schneestern, ist so ein Hingucker, in schönster Origami-Technik.

Die vergangenen 20 Jahre hat es die Familie Lenz mit ihrer Manufaktur ruhiger angehen lassen, ohne Heimarbeiterinnen und mit geringeren Stückzahlen. Denn der Markt wurde erst mit billigen Christbaumkugeln aus Asien überschwemmt, dann übersah man ein wenig die Tragweite des Online-Handels. Enkelin Gitti Kirmeier fand schließlich heraus, dass die Nachfrage vor allem aus den USA Bestand hatte, aber die Kunden vermuteten, den Betrieb gebe es nicht mehr: "Mittlerweile erwachsene Kinder der Kunden aus den 1960er Jahren verbanden damit Erinnerungen", sagte Kirmeier. Sie habe dann Fragen in Online-Foren beantwortet und einen Webshop erstellt; www.resl-lenz.de. Jetzt werden die Kugeln wieder über den Atlantik geliefert und alle Jahre fliegt auch die Familie Lenz in die USA, um dort zu zeigen, wie die Kugeln in Handarbeit hergestellt werden. Im Christmas House in Gettysburg haben sie besonders treue Fans. Dorthin nehmen sie auch immer ihre alte Nähmaschine mit, die mit einer gekürzten Nadel versehen ist. Wie mit einer Punze drückt sie kleine Vertiefungen ins Blech, und formt damit Augen, Mund und Locken eines Engels. Dadurch entsteht Unikat um Unikat, weil kein Gesicht gleich ist. Bei dieser Vorführung finden die Kugeln reißenden Absatz, "die Leute wollen immer genau die Kugel, bei deren Herstellung sie zugesehen haben", sagte Juliane Muijsson-Lenz.

Auch die Werkstatt Zuhause in der Isener Straße hat sich ihren handwerklichen Charme erhalten. Die hydraulische Stanzmaschine des Opas ist unverwüstlich und in den Regalen lagern noch Bestände jener Tonne Aluminiumblechs, das der Betrieb vor Jahrzehnten auf eine ganz bestimmte Dicke walzen ließ. Und alles glänzt in Gold und Silber, ein paar blaue oder rote Schnipsel sind auch dabei. Die Nachfrage der Kunden ist am Größten nach Kugeln mit goldfarbenen Motiven, dann kommt Silber und bunte Kugeln haben nur einen Marktanteil von ein bis zwei Prozent.

Für eine Kugel benötigt man als Minimum etwa 20 Minuten, aber nur, wenn es sich um eine einfache Figur handelt, ansonsten länger. Sie werden eng zusammengedreht in die Glaskugel geschoben, und, wie bei einem Flaschenschiff, erst darin mit Pinzette oder einer Rundzange, aufgeweitet. Je nach Muster kann das auch manchmal ganz schön fuchsen. Die Kirche oder der Nikolausstiefel hatten da so ihre Tücken. "Aber ich hab' nie aufgegeben", sagt Resl Lenz. Nein, aufgegeben hat sie nie. Im Gegenteil. Schon als junge Frau hat sie Konventionen nie akzeptiert. Sie ist in einer Zeit aufgewachsen, in der die Rechte der Frauen erkämpft werden mussten. Das Bürgerliche Gesetzbuch schrieb vor: Wollte eine Frau arbeiten, musste das ihr Ehemann erlauben. Erst 1977 wurde das Gesetz geändert. Resl Lenz hat ihren Kopf durchgesetzt. Anfang der 1950er Jahre ist sie allein mit dem Motorrad durch Europa gefahren, nachdem ihr Bruder krankheitsbedingt die geplante gemeinsame Reise absagen musste. Dann folgte 1958 die Firmengründung. Als Frau, in den 1950er Jahren. 2009 hat sie den Kulturpreis der Stadt Dorfen erhalten. Aber sie hat mehr als ein kulturelles Leben gelebt. Sie hat Frauenrechte gelebt und durch ihr Vorbild nicht nur Christbäume verändert.

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SZ vom 01.12.2018
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