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Reisebüros im Landkreis:Am Rande des Konkurses

Das Reiseatelier

Karin Keller (links) und Corinna Gunst, die beiden Inhaberinnen des Reiseateliers, arbeiten nach wie vor abgesagte Reisen ab. Unentgeltlich.

(Foto: Stephan Görlich)

Reisewarnungen, Quarantänepflichten - die Unsicherheiten treffen die Tourismusbranche besonders hart. Auch die Erdinger Unternehmen stecken in der Krise. Noch reichen die Rücklagen, aber ohne neue Kunden kommt kein Geld in die Kasse. Dabei sei Urlaub auch jetzt möglich

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Ständig neue Reisewarnungen, Quarantäne ja oder nein, Testpflicht ja oder nein, wer zahlt? Stornierungen und Rückholaktionen. Die Krise durch den Sars-Cov-2-Virus trifft vor allem die Tourismusbranche. Auch die Erdinger Reisebüros müssen kämpfen, um zu überleben. Konkurs hat noch niemand angemeldet, aber langsam gehen auch die letzten finanziellen Reserven aus. Staatliche Sofort- und Überbrückungshilfen sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. "Das ist ein Sterben auf Raten", sagt Fabio Elentscheff, Inhaber der Flugbörse Erding. "Wir sind demoralisiert. Das ist der größte Einbruch, den es in der Touristik jemals gegeben hat. Wenn sich die Einschränkungen und Irritationen durch das Hin und Her nicht in irgendeiner Weise ändern, dann wird die Reisebranche keine Chance haben", sagt Corinna Gunst, Mitinhaberin des Reiseateliers.

"Akut von der Pleite sind wir nicht bedroht, aber die Situation ist bescheiden", sagt Fabio Elentscheff. Dem Kunden könne man bei Buchung leider nur sagen, dass sie nach dem aktuellen Informationsstand erfolge. "Was morgen ist, kann keiner sagen." Diese Situation sei sehr kontraproduktiv für die Branche sagt Fabio Elentscheff. "Bis mindestens Mitte 2021 sehe ich relativ schwarz." Die staatlichen Hilfen würden zwar etwas bringen, aber würden nicht ausreichen, man lebe von der Substanz.

"Wir sind ein privat geführtes Büro und hatten ein relativ großes Budget, das jetzt sehr schmilzt. Das ist unser Glück, sonst hätten wir schon längst zusperren müssen. Leider bekommen wir nicht in dem Maß die Unterstützung, die wir bräuchten, wenn man unverschuldet in so eine Misslage kommt. Die einmalige Soforthilfe von 7500 Euro, die wir bekommen haben, rettet einen aber nicht. Das deckt nicht mal die Betriebskosten von einem Monat", sagt Corinna Gunst. Mittlerweile seien die finanziellen Reserven aufgebraucht und sie sowie ihre Mitinhaberin Karin Keller würden schon Privatgeld reinstecken. "Seit sieben Monaten machen wir alles unentgeltlich, verdienen keine Cent. Dazu kommen immer noch Rückerstattungen, die nicht abgegolten sind. Der Arbeitsaufwand, unentgeltlich, ist nach sieben Monaten immer noch so irrsinnig, dass man manchmal sagt, das kann nicht sein, was wir noch machen müssen, für das, dass wir letztendlich das Geld verloren haben, auch noch die Provisionen zurückzahlen müssen. Also doppelte Arbeit, ein Wahnsinn." Momentan sei man noch optimistisch, aber wenn es keine zeitnahe finanzielle Unterstützung gebe, müssten beide überlegen, wie lange man eigene Reserven anzapfe. "Aber ich hänge mit meinem Herzblut am Reisebüro, das ich mit aufgebaut habe."

"Wir haben schon zu kämpfen", sagt auch Michael Gilch, Leiter des Tui-Reisebüros in Erding. Derzeit sei man immer noch dabei - wie in anderen Reisebüros - die ganzen abgesagten Reisen auszuzahlen. Alte und neue Absagen, da ständig neue Reisewarnungen dazu kämen, wie jetzt Kroatien oder Spanien. "Natürlich ist das alles existenzbedrohend", sagt er. Die Kunden seien durch das alles verunsichert. Aber auch die Mitarbeiter, die bis Ende September in Kurzarbeit seien.

"Wir können zum Glück noch lange durchhalten, weil wir nach mehr als 30 Jahren, die es uns gibt, gewisse Rücklagen haben", sagt Sabine Kuliga-Lenffer, Geschäftsführerin des Dorfener Reisebüros Holiday Land. "Aber irgendwann wird man sich überlegen müssen, welchen Sinn es macht, weiter zu machen, wenn kein Geld mehr rein kommt." Der September sei der ruhigste und buchungsärmste Monat, und im Oktober sollte normalerweise die Sommersaison für 2021 anlaufen. "Ich glaube, an Urlaub 2021 werden derzeit nicht viele Menschen denken. Wir können nur abwarten", sagt Sabine Kuliga-Lenffer. Seit dem Lockdown sei alles nur ein "einziges Abwarten". Die ständigen Reisewarnungen und Quarantäneregeländerungen würden verständlicherweise viele Menschen abschrecken. "Das Damoklesschwert Quarantäne schwebt über allem." 2020 hat Sabine Kuliga-Lenffer bereits abgeschrieben. Die Kunden müssten auch erst wieder Vertrauen aufbauen. "Meine Einschätzung ist, dass wir mit Sicherheit noch zwei Jahre brauchen werden, um eine ansatzweise Normalität zu erhalten."

"Diese Salamitaktik, die Unvorhersehbarkeit schadet uns natürlich", sagt auch Corinna Gunst. Für die Art von Urlauben, die man derzeit in Deutschland machen kann, da brauche keiner unbedingt ein Reisebüro. Ihrer Meinung nach, gebe man auch von der Politik den vorhandenen Reisezielen wenig Chancen, wenn man ständig vor Reisen ins Ausland warne. "Meine Mitarbeiter, Freunde und ich haben uns selber ein Bild von Italien, Griechenland gemacht. Dort gibt es sogar mehr Disziplin als bei uns. In Italien hält sich zum Beispiel von Jung bis Alt an die Hygienevorschriften und trotzdem wird gelacht am Strand. In Lokalen ist man ebenfalls oft unter sich. Ja, es gibt die Partygänger, die das Bild verzerren, und die machen alles kaputt, die gibt es aber auch am Gärtnerplatz. Es wird leider alles über einen Kamm geschoren. Zu sagen, es kommt alles vom Ausland, ist ein bisschen zu einseitig. Urlaub ist unerwünscht." Für die Leute vor Ort, die Hotel- und Restaurantbetreiber, das Personal, die Taxi- oder Busfahrer sei das eine Katastrophe. Da blutet mir das Herz, sagt Corinna Gunst.

© SZ vom 01.09.2020

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