Raus aufs Land Traumberuf Schäferin

Johanna Mehringer ist aus der Stadt Erding in eine abgelegene Ecke des Vilstals gezogen. Auf dem Hof ihrer Familie in Oberschneitberg widmet sie sich der Zucht von selten gewordenen Tierrassen wie dem Alpinen Steinschaf und dem Waldschaf

Von Anna-Lena Klingenstein, Erding

Die Sonne scheint, die Schafe blöken, auf dem Naturland-Hof Mehringer in der Nähe von Geisenhausen herrscht ein buntes Treiben. Einige Schafe haben im April ihre Lämmer bekommen. Es ist ein ländliches Idyll, in dem die 24-jährige Johanna Mehringer seit vergangenem September fest wohnt. Sie ist raus aus der Stadt Erding aufs Land in eine abgelegen Ecke des Vilstals gezogen.

Seit 2003 ist der niederbayrische Vierseithof im Besitz ihrer Eltern. Einsam ist sie dort nicht: Gemeinsam mit Schafen, Kühen, Schweinen, Ziegen und Eseln verbringt sie viel Zeit. Das Besondere an ihren Tieren ist, dass es sich um selten gewordene Tierrassen handelt. Das fängt schon bei den Hunden Hugo und Hector an. Die Groß- und Wolfspitze seien vom Aussterben bedroht, erklärt Johanna. Gemeinsam mit ihren Eltern will sie bedrohte Tierarten erhalten. "Das haben wir uns zur Aufgabe gemacht", sagt Johanna. Uns, das sind, neben Johanna, ihr Vater Rainer und ihre Mutter Michaela Mehringer. Dass sie auf ihrem Hof selten gewordene Tierrassen züchten, sieht Johanna als Privileg. Da der Hof nur zum Nebenerwerb ist, "müssen wir in erster Linie nicht die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten".

In Gummistiefeln steht Johanna im Schafstall und begrüßt ihre Ziege. "Marei hat sogar eine Patenschaft", erzählt sie stolz. Deshalb gibt es für die Tauernschecke heute Rote Beete Würfel, zugeschickt von ihrer Patentante. In der Ablammbox daneben trinkt gerade ein Lamm von seiner Mutter. 70 Lämmer wurden im Februar geboren, einige Nachzügler im April. Das Lämmchen in der Box ist erst zwei Tage alt. Dass ein Mutterschaf mit seinem Lamm in eine solche Box kommt, sei am Anfang besonders wichtig für die Prägung der beiden Tiere, erklärt Johanna. In den ersten Tagen erkennen Lämmer ihre Mütter nur anhand des Geruchs, erst später kommt die Sehkraft hinzu. Diese Gelegenheit nutzen häufig die Altschafe um Jungschafen die Lämmer wegzunehmen. Auch bei Johannas Schafen kam das schon vor: "Wir hatten auch schon mal ein Lamm mit zwei Mamas." Ein Problem sei das aber nicht gewesen.

Das Lamm fühlt sich auf Johannas Arm wohl.

(Foto: Stephan Goerlich)

Dass Johannas Schafe besonders sind, beweist Rotkäppchen, ein Alpines Steinschaf, ein sehr zutrauliches Tier. Liebevoll schmiegt sich das schwarze Schaf an Johanna, drückt immer wieder den kleinen Kopf an ihr Gesicht. Erst als es anfängt, verspielt an ihrer Kette zu knabbern, muss sie ihr "Mausi" mahnen. Johanna kennt alle ihre Schäfchen. "Die Nummer 53 zum Beispiel ist ein Streichelschaf". Das bedeutet, mit ihm kann nach Laune gekuschelt werden. Auch Waldi, Wilma und Wanda wirken so, als würden sie Streicheleinheiten nicht ablehnen.

Dass die Tiere keine Kuscheltiere sind, weiß Johanna. Früher oder später müssen sie alle zum Schlachter. Anfangs habe sie es nicht übers Herz gebracht, ihre eigenen Tiere zu essen. Zwei Jahre hat Johanna strikt vegetarisch gelebt. Aus einem bestimmten Grund, erzählt sie: "Da komm ich in den Seitenspeicher und Annegret hängt da in Wurstform". Das sei kein schöner Anblick gewesen. Mittlerweile isst sie wieder Fleisch, auch das eigener Tiere. Sonst kauft sie nur Fleisch von Bauernhöfen, die sie kennt: "Da weiß ich einfach, den Viechern geht's gut." Dass es den Tieren auf dem Naturland-Hof gut geht, steht außer Frage: Immer wieder schaut sich Johanna besorgt nach ihnen um. Als eines ihrer Lämmer ausreißt, begibt sie sich sofort auf Rettungsaktion.

Den Schafen gefällt´s im Stall.

(Foto: Stephan Goerlich)

"Das war der Bock," scherzt Johanna als es um die Frage ging, warum sich in ihrer Herde so viele schwarze Schafe befinden. Dabei sind vor allem diese nützlich: Befinden sich schwarze Schafe unter weißen, haben diese weniger Angst vor anderen Tieren. Dann sind sie an die Farbe gewöhnt und bleiben ruhig, erklärt Johanna.

Auf Waldschafe ist die Familie Mehringer dank ihrer Haselnussplantage gekommen. Da das Rasenmähen der zwei Hektar großen Fläche umständlich erschien, kaufte man die seltene Schafrasse. Da die Tiere mit dem Kopf nach unten fressen, bestehe keine Gefahr, dass sie die Stämme der Bäume beschädigen, erklärt Johanna. Auch der Ökokreislauf sei sinnvoll. Denn die Schafe düngen den Boden der Plantage, wodurch die Haselnussbäume gut wachsen. Zudem fressen die Schafe das überschüssige Gras und bringen Wolle und Fleisch. Im Sommer sei die Plantage ihr Lieblingsplatz: Gemeinsam mit ihren Schafen sitzt sie dann unter den Haselnussbäumen.

Seit zwei Jahren ist Johanna bereits als Alpine Steinschafzüchterin eingetragen. Sie habe sich damals für diese Rasse entschieden, "da das Handling leichter fällt". Ein Mutterschaf wiegt bis zu 60 Kilogramm. Im Vergleich: Ein Merino-Mutterschaf erreicht 80 Kilogramm. Das war ihr einfach zu schwer.

Neben Alpinen Steinschafen und Waldschafen tummeln sich auf dem Naturland-Hof noch weitere bedrohte Tierrassen: Die seltenen Wollschweine Leonardo, Bonnie und Clyde und ihre zwei Ferkel sowie die Grand-Noir-du-Berry-Esel Domino und Disco. Die beiden Esel werden auch zu Therapiezwecken mit Kindern eingesetzt. Deshalb hat Johanna eine Qualifikation zur Erlebnisbäuerin gemacht. Besonders stolz ist sie auch auf ihre "Beauty-Kühe" mit den großen Kulleraugen, die Murnau-Werdenfelser Muki und Mussaka. Dass Mussaka eigentlich ein griechisches Gericht mit Rinderhack ist, darüber lacht Johanna.

Ein Lämmchen läuft über die Wiese. Dass es den Tieren auf dem Naturland-Hof gut geht, ist offensichtlich.

(Foto: Stephan Goerlich)

Den Berufswunsch Landwirtin hatte die junge Erdingerin nicht immer. Sie hat zwar schon immer auf dem Hof ihrer Eltern geholfen, aber Bäuerin wollte sie nicht werden. Stattdessen wollte sie eigentlich Medizin studieren. Mit 19 Jahren kam das Umdenken. Während eines längeren Australienaufenthalts dachte sie über ihre Zukunft nach. Kurz darauf begann sie ihr Studium der Agrarwissenschaften an der TU München. "Ich hatte zwar vorher keine Ahnung was mich erwartet, aber es war gleich das Richtige."

In den eigenen Hof steckt Johanna viele Freude und Leidenschaft, auch wenn es viel Arbeit kostet. "Trotzdem fahre ich gerne in die Stadt und treffe mich mit meinen Mädels." Außerdem spielt sie in der Erdinger Stadtkapelle nach wie vor Klarinette. Tatkräftige Unterstützung bekommt Johanna von ihrer Mutter, die ihrerseits eingetragene Waldschafzüchterin ist. Am Wochenende sind ihre Eltern regelmäßig mit am Hof.

Jeden zweiten Samstag verbringt Johanna auf einem Direktvermarktermarkt, auf dem sie Schafwollteppiche, Salami und andere Eigenerzeugnisse verkauft. Bald verkauft sie die Produkte sogar in ihrem eigenen Hofladen. Wenn sie unterwegs ist, hat sie denn Kopf frei. "Außer ich weiß natürlich, Zuhause lammen noch drei Schafe und sind kugelrund". Aber auch da sei sie nicht sonderlich besorgt, denn Schafe bekommen ihre Lämmer eigentlich "ganz von alleine". Bei Problemen leistet sie gerne Geburtshilfe. Wie das geht, hat sie von ihrer Mama gelernt.

Die Wollschweine trollen sich im Schlamm.

(Foto: Stephan Goerlich)

Für Ostern hat Johanna 40 Lämmer schlachten lassen. Mehr als sonst. Ein Kilo Lammfleisch kostet bei ihr 13 Euro. Das mag teuer erscheinen, aber die Nachfrage sei zu dieser Zeit groß: "Für den Osterbraten geben die Leute gerne mehr Geld aus." Auch bei Johanna gibt es am Ostersonntag Lammkeule. Aber nur von den eigenen Lämmern.