Landgericht LandshutMehr als 100 000 Chat-Nachrichten - Haft für pädophilen Onlinetäter

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Die Anklage, die gegen den 59-jährigen Onlinetäter vor dem Landgericht Landshut vorgetragen wird, ist umfangreich und detailliert.
Die Anklage, die gegen den 59-jährigen Onlinetäter vor dem Landgericht Landshut vorgetragen wird, ist umfangreich und detailliert. Armin Weigel/dpa

Ein 59-jähriger Mann gibt sich im Netz als Jugendlicher aus und kommt so an intime Fotos und Videos eines 13-jährigen Mädchens. Mit diesen erschleicht er sich bei männlichen Jugendlichen entsprechende Aufnahmen.

Von Florian Tempel, Landshut

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Als der Kriminalkommissar der Kripo Erding zu der 14-Jährigen kam, war das für das Mädchen ein harter Schock. Womöglich war er heilsam, zuerst aber einmal war er niederschmetternd. Eineinhalb Jahre lang hatte das Mädchen mit zwei vermeintlich gleichaltrigen Jugendlichen gechattet. Für sie waren das echte Beziehungen. Schon die pure Anzahl der Chat-Nachrichten macht das deutlich. Das Mädchen hatte 73 000 Nachrichten mit "Rico" ausgetauscht und 43 000 mit dessen angeblich besten Freund "Maxl".

Tatsächlich schrieb sie nicht zwei 15-Jährigen, sondern einem 59 Jahre alten, einschlägig vorbestraften Mann, der vor allem eines im Sinn hatte, wie es in der Anklageschrift heißt: "Bei verschiedenen Gelegenheiten forderte der Angeschuldigte die Geschädigte immer wieder dazu auf, sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen und dies auf Bild oder Video festzuhalten oder Nacktbilder von sich zu fertigen und ihm zu übersenden." Um an Aufnahmen von männlichen Jugendlichen zu kommen, gab er sich als Mädchen aus. Die Bilder und Videos tauschte er mit anderen gegen andere Kinder- und Jugendpornografie. Nun hat ihn das Landgericht Landshut zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

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Der Mann, der am Montag im Saal 1 auf der Anklagebank saß, ist ein dürrer Mensch, mit einem runzligen Gesicht und grauen Haaren. Bekleidet war er mit einer verwaschene dunkelblaue Hose und einem gefütterten braunen Parka über einem weißen Hemd. Er hatte nichts Jugendliches an sich. Früher war er einmal verheiratet und er hat zwei erwachsene Kinder. Der letzte Kontakt zu einem von ihnen war schriftlich und ist vier Jahre her. Seine jüngeren Tochter habe ihm, als er nach einer Haftstrafe wegen eines gleich gelagerten Falls aus dem Gefängnis entlassen worden war, einen Brief geschrieben. Ihr sei es "nur um Geld gegangen", erklärte er mit beleidigtem Ton dem Vorsitzenden Richter.

Das Landgericht Landshut ist zuständig, weil der Angeklagte zuletzt in Dorfen gewohnt hat. 2019 hatte er eine Frau aus Dorfen kennen gelernt und war mit ihr zusammengezogen. Nach der Trennung blieb er bei ihr wohnen, "fiel aber wieder in seine alten Verhaltensmuster zurück", wie sein Anwalt sagte.

Der Angeklagte flog über Umwege auf

Zur Sache äußerte sich der Angeklagte nicht in Einzelheiten. Er gibt ein pauschales Geständnis ab. Sein Verteidiger erklärt, dass er die Anklage in allen Punkte einräume, "alles habe so stattgefunden, wie es ihm zur Last gelegt worden ist". Die Anklage ist umfangreich und detailliert ausformuliert. Der Staatsanwalt brauchte 20 Minuten, um sie zu verlesen. Und doch ist es wohl nur ein Ausschnitt dessen, was der Angeklagte getan hat.

Offenbar hat der Angeklagte die Fähigkeit, sich online überzeugend als Jugendlicher auszugeben. Seinen Opfern näherte er sich auf dem Onlinedienst "Knuddels", der schon mehrmals wegen seines Missbrauchspotenzials in der Kritik stand. Auf der Homepage von Knuddels heißt es unter dem Menüpunkt Jugendschutz zwar: "Chatgespräche zwischen Jugendlichen und Erwachsenen werden durch technische Filter überwacht. Sobald mögliche jugendgefährdende Inhalte entdeckt werden, wird das Gespräch für beide Teilnehmer augenblicklich beendet und eine Wiederaufnahme verhindert." Doch der aktuelle Fall zeigt, dass das kaum wirksam ist. Und nach dem Kennenlernen kommunizierten der Angeklagte und seine Opfer eh nur noch über Whatsapp. Bei Whatsapp gibt es keine Alterskontrolle.

Aufgeflogen ist der Angeklagte über Umwege. In den USA wurden die dortigen Sicherheitsbehörden auf ein kinderpornografisches Foto aufmerksam, das der Angeklagte mit einem anderen geteilt hatte. Über das Bundes- und das Landeskriminalamt und die Zentralstelle für Cybercrime bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg wurde dann die Kripo Erding im Juni beauftragt, eine Wohnungsdurchsuchung bei dem Mann vorzunehmen. Schon beim ersten Blick auf seinen Laptop und seine Handys stieß die Kripo auf die Chats mit den Fotos und Videos der Jugendlichen.

Das Vertrauen des zunächst noch 13 Jahre alten Mädchen hatte er sich mit der märchenhaften Story erschlichen, er sei Spross aus einem alten portugiesischen Adelsgeschlecht. Als sie miteinander telefonierten, erklärte er seine alles andere als jugendliche Stimme als Folgeschaden einer schweren Erkrankung. Mehrmals machten er und das Mädchen reale Treffen aus, zu denen er jedoch nie erschien.

Als sein Opfer mit ihm Schluss machte, meldete er sich bei ihr unter dem Namen "Maxl" als bester Freund von "Rico". Er erzählte, "Rico" habe sich aus Liebeskummer umgebracht und nutzte die Jugendliche weiter aus. Im Nachhinein schäme sich das Mädchen sehr für ihre Naivität, sagte der Kripo-Kommissar. "Sie hat mir aber auch das gesagt: Dass sie einfach froh war, dass sie überhaupt jemanden hatte."

© SZ vom 01.02.2022 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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