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Protest gegen AfD-Wahlkampf in Taufkirchen:Gegen eine Politik der Angst

Während eines Auftrittes von Beatrix von Storch setzen Hunderte Demonstranten ein Zeichen für die Demokratie. Dazu lässt der Pfarrer zwei Stunden lang die Kirchenglocken läuten

Der offizielle Platz der Kundgebung "Gegen Hass und Hetze" war nicht groß genug für alle, die gekommen waren.

(Foto: Renate Schmidt)

Vielfältiger, größer und bunter hätte der Protest gegen den Wahlkampfauftritt von AfD-Politikerin Beatrix von Storch in Taufkirchen am Sonntagvormittag kaum sein können. Da war nicht nur die offizielle Demonstration "Gegen Hass und Hetze", der die Polizei als Kundgebungsort den Platz vor dem ehemaligen Gasthof zur Post zugewiesen hatte. Viele Bürger positionierten sich schlicht und einfach, aber klar und deutlich näher am AfD-Versammlungslokal Wagnerwirt, gegenüber auf der anderen Straßenseite. Von einer dritten Seite kam außerdem mächtige akustische Unterstützung. Der Taufkirchener Pfarrer Pater Pawel Kruczek ließ von 9.40 Uhr an die Glocken der Pfarrkirche Pauli Bekehrung erschallen - durchgehend mehr als zwei Stunden lang.

Über allem aber schallten die Glocken, die Pater Pawel läuten ließ.

(Foto: Renate schmidt)

Etwa 300 Menschen waren nach Schätzungen der Veranstalter und der Polizei dem Aufruf von SPD, Grünen, "Die Partei" und der Flüchtlingshilfe Erding gefolgt, um an diesem leicht verregneten Sonntagvormittag in Taufkirchen ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. "Wir sind mehr!" - das durften die Teilnehmer der Demonstration immer wieder zurecht rufen. Die Wahlkampfveranstaltung im Wagnerwirt kam auf 130 bis 140 Besucher. Wobei zwar die allermeisten, aber nicht jeder ein Mitglied oder Sympathisant der rechtspopulistischen Partei war.

Hunderte Demonstranten setzten ein Zeichen für Demokratie.

(Foto: Renate Schmidt)

Deniz Davulcu zum Beispiel hatte sich mit seiner Tochter in das Lokal gesetzt, um ihr zu zeigen, "wie beängstigend das ist, mit wie einfachen Parolen die Rechten Stimmung machen". Als gebürtiger Taufkirchener war der 40-jährige Davulcu allerdings auch "da rein gegangen, um zu sehen, wen ich da alles kenne".

Längst bekannt waren die meisten Aussagen, die von Storch in ihrer nur mäßig beklatschten Rede machte - sie dienten eher der Selbstbestätigung für Parteianhänger. Am Ende sagte von Storch dann, es gebe ohnehin ein Thema, das ihr wichtiger als alles andere sei: "Wie gehen wir mit dem Islam um?" Konkret äußerte sie sich zwar nicht, sagte abschließend aber, dass es so nicht weitergehe: "Die AfD sagt da Nein."

Draußen brachte die 17-jährige Dorfenerin Miriam als eine Rednerin der Gegenkundgebung auf den Punkt, was sie und viele andere zur Teilnahme an der Demo bewogen hatte: "Immer wieder erhalten wir den Vorwurf, dass wir der AfD nur Aufmerksamkeit verschaffen. Doch es ist ein Muss, solchen antidemokratischen Kräften nicht die Straße zu überlassen."

Das war genau das, warum auch Caroline Müller, 26, und Fionán Ó Dúill, 28, extra von München nach Taufkirchen gekommen waren. Müller stammt aus dem Landkreis und war bei Besuchen hier zuletzt entsetzt: "Ich finde es erschreckend, dass hier überall so viele AfD-Plakate stehen." Die übergroße Wahlkampfpräsenz vermittle den Eindruck, dass der Landkreis Erding mehrheitlich rechtslastig sei. Mit ihrer Teilnahme an der Demo wolle sie zeigen, "dass das so nicht stimmt". Ó Dúill, der aus dem Landkreis Rosenheim stammt, sagte, da "die AfD mit ihrer Politik der Angst vor allem in ländlichen Gebieten gut ankommt", sei es besonders wichtig, auch auf dem Land dagegen zu demonstrieren - und nicht nur etwa in der Großstadt München, wo am vergangenen Mittwoch 40 000 Menschen zur "Ausgehetzt"-Demo kamen. Aus dem kleinen und näheren Sankt Wolfgang war Ilona Bernstetter, 49, zur Demo nach Taufkirchen gekommen. Ihr hatte zuletzt schwer zu denken gegeben, als sich ein guter Bekannter von ihr als AfD-Sympathisant zu erkennen gegeben hatte. Da sei es ihr ein tiefes Bedürfnis geworden, sich selbst offen gegen die Rechtsradikalen zu stellen. Ganz ähnlich war die Motivation von Sepp Moser, 72. Auch er hat Bekannte und Verwandte, die sich für die AfD begeistern. Und als Hohenpoldinger weiß er seit Jahrzehnten, wie sehr rechtspopulistische Politik in der Gegend rund um Taufkirchen Anklang bei vielen Leuten findet. "Es ist ja sozusagen das Stammland von Martin Huber", dem Ex-Republikaner und nun AfD-Landtagskandidaten. "Dass so viele gekommen sind", sagte Moser, um gegen die Rechten zu demonstrieren, "war ein gutes und wichtiges Zeichen in Taufkirchen".

Viele standen näher am AfD-Lokal.

(Foto: Renate Schmidt)

Das stundenlange Glockengeläut gefiel dem Taufkirchener Bodo Gsedl, 59, besonders gut. Pater Pawel Kruzek sagte zwar der SZ verschmitzt, es sei gar nicht politisch gedacht: "Wir setzten als Christen ein Zeichen für Liebe und das gute Miteinandern in unserem Land." Gsedl sah jedoch sehr wohl, dass das mächtige Läuten "ein Zeichen an all die braven Bürger in Taufkirchen war, die heute zu Hause gesessen sind oder noch im Bett gelegen haben".