bedeckt München 28°

Poing:Dem Wilden Westen ganz nah

Vor 20 Jahren zog sich Gründer und Impresario Heinz Bründl aus der Westernstadt "No Name City" in Poing zurück. In seiner Lagerhalle in Landsham würde Fans aber das Herz aufgehen

Der Wilde Westen lag gleich neben der bunt bemalten Betonmauer. Nur einmal um die Ecke, an dem markanten Wasserspeicher vorbei, und schon stand man mitten auf der Main Street, staubig und breit war sie, wie es sich eben gehörte, und ein Tummelplatz für Bankräuber, Revolverhelden, stolze Indianer, schöne Frauen und all diejenigen, die wochentags im Büro ihr Sehnen nach einem freien, wilden, ungebundenen Leben gerade noch so eben zügeln konnten in dem Wissen: Am Wochenende würde es nach "No Name City" gehen.

Doch das Glück war nicht von Dauer: Vor 20 Jahren gingen die Glanzzeiten der Poinger Westernstadt mit dem Ausstieg des Gründers, genialen Impresarios und Teilzeit-Bankräubers Heinz Bründl zu Ende. Zwar dümpelte sie danach noch ein paar Jahre vor sich hin, doch im Frühjahr 1999 lagen die Reste der Stadt in Trümmern - und damit auch die Hoffnungen vieler Western-Fans, die das Ende ihrer Stadt fast so betrauerten wie den Abschied von einem guten Freund. Heute steht ein gesichtsloses Bürogebäude an der Stelle, wo Buffalo Child tanzte und der Undertaker übers Gelände schlurfte, wo im "Golden Nugget Saloon" die Messer flogen und davor die Fäuste. Noch fast zwei Jahrzehnte später aber denken viele Besucher mit Wehmut im Herzen an die alten Zeiten zurück. "Howdy Trauergemeinde", grüßt etwa Jonny auf einer Facebook-Gruppe nach wie vor die Gleichgesinnten.

Der Mann, der das Hirn und die Hände, vor allem aber das Herz von "No Name City" war, lacht, wenn man ihn fragt, ob es ihm ähnlich geht: "Überhaupt nicht", sagt er vergnügt, "das Kapitel habe ich abgeschlossen." Vielleicht fällt es ihm leichter als anderen, weil ihn der Wilde Westen auch heute noch täglich umgibt: Zwei gewaltige ausgestopfte Bisons stehen neben dem Eingang zu seinem Büro, das er sich in einer Lagerhalle in Landsham eingerichtet hat, daneben grüßt die "Hudson's Bay Indian Trading Post", die alten, dunklen Regale vollgestopft mit Decken, Flaschen, Fallen und was man an der Grenze zur Wildnis eben sonst so brauchte. Eine Indianerfigur lehnt an der Theke, als wolle sie gleich einkaufen, dahinter flackert im aus Natursteinen gemauerten Kamin ein heimeliges Feuer - dass es künstlich ist, bemerkt man erst auf den zweiten Blick. Ohnehin weiß man fast nicht, wo man zuerst hinsehen soll: Gleich nebenan steht eines der Lieblingsstücke von Heinz Bründl, eine Mahagonibar aus dem Jahr 1860. Wie viele Trinker werden sich in dem Spiegel dahinter wohl betrachtet haben, wie viele Whiskeys wird der Barkeeper hier serviert haben? Ein kleiner Saloon mit Bordürentapete über dunkler Täfelung und einem Klavier an der Wand erinnert an das Pendant damals in "No Name City", mit den vielen Fotos und belehrenden Hinweisschildern aus der Zeit der Goldgräber und Trapper an der Wand.

Eingerichtet hat Heinz Bründl das alles aber nicht zu seinem Privatvergnügen, er verdient nach wie vor sein Geld mit dem Wilden Westen, seine Firma Winona konzipiert und gestaltet antike Läden, nostalgische Dekorationen, Ausstattungen und Ausstellungen für Themenparks, Gastronomie und Museen. Besucht man einen Freizeitpark in Deutschland und findet dort eine authentische Westernecke vor, dann hatte der heute 66-Jährige meist bei der Ausstattung seine Finger im Spiel: Der Saloon im Hansa-Park bei Lübeck trägt ebenso seine Handschrift wie der im Europa-Park in Rust oder die Westernstadt El Dorado in Templin. Früher fand Heinz Bründl originalgetreue Ausstattungsgegenstände vor allem bei seinen ausgedehnten Streifzügen durch die USA, heute eher auf hiesigen Flohmärkten oder in England. Viele seiner Sammlerstücke - wie etwa ein Tabaksbeutel des berühmten Häuptlings Sitting Bull - sind freilich viel zu wertvoll, um sie in Freizeitparks als Dekoration zu verwenden. Solche Raritäten leihen sich lieber Museen aus, wenn sie Ausstellungen über die amerikanischen Ureinwohner planen.

Die Welt der Cowboys und Indianer lässt Heinz Bründl nicht los, dabei entdeckte er seine Leidenschaft eher zufällig - und zwar, als er hinter einer Fleischtheke stand. Der junge Münchner hatte nämlich eine Metzgerlehre absolviert und wunderte sich jeden Freitag über einen Kunden, der kiloweise Steaks abholte. Was er denn damit wolle?, fragte Heinz Bründl eines Tages mutig - und wurde aufgeklärt, dass sich die Mitglieder des "Cowboy Club München" damit allwochenendlich stärkten. Der nette Kunde nahm den jungen Metzger kurzerhand einmal mit auf ein Treffen - und von da an nahm alles seinen Lauf. Bald eröffnete Bründl in der Münchner Dreimühlenstraße den ersten Laden, der Westernartikel führte, seine "Hudson's Bay Indian Trading Post". Sein Nachfolger, der mit dem Laden inzwischen in die Oberpfalz umgesiedelt ist, erhalte momentan Hunderte E-Mails, ob er denn wirklich Kaufhof gekauft habe, erzählt Bründl und lacht hellauf. Doch mit der milliardenschweren kanadischen "Hudson's Bay Company" hat das kleine Lädchen nun wirklich nichts zu tun.

1984 und 1985 organisierte Heinz Bründl mit seinem Cowboy Club erstmals ein großes europäisches Westernfestival in Ising am Chiemsee, es wurde ein überwältigender Erfolg. Mit den originalgetreu zusammengezimmerten Gebäuden und einem Investor startete Bründl etwas später einen Probelauf für eine Westernstadt in Miesbach. "Das hat auch total eingeschlagen", erinnert sich der 66-Jährige. Schließlich suchte er gemeinsam mit seinem Mitstreiter nach einem festen Standort, das erwies sich aber nicht gerade als einfach. Westernstadt - das klang den Verantwortlichen in den Baureferaten der Gemeinden rund um München wohl etwas zu dubios. Bis Bründl und sein Investor schließlich an Rainer Lauterbach, den damaligen Poinger Bürgermeister gerieten: Der riet ihnen, sie sollten sich doch um das ehemalige Firmengelände der Kaffeefirma Kathreiner bemühen. Und es klappte.

Zurück in die Vergangenheit

"No Name City" ist dahin, die Fans gibt es immer noch: Sie treffen sich am Samstag, 4. Juli, bereits zum siebten Mal in Folge beim Sommerfest des City Center Poing unter dem Motto "The Spirit of No Name City". Kulissen und Requisiten einer Westernstadt verwandeln die Straße vor dem Einkaufszentrum zur Main Street. Das Programm beginnt um 11 Uhr, geboten werden eine Stuntshow, Bullriding und Stiefelwerfen, Goldwaschen und Ponyreiten. Ein Trapper- und Indianerlager wird aufgebaut, es gibt eine Lasso-, Messer- und Revolvershow, Line Dance und Can Can. Erstmalig gibt es im Anschluss ein großes Country Live-Konzert.

Gleich drei Country-Bands werden die Besucher mit ihrer Musik unterhalten: Ronny Nash & his Whiteline Casanovas, Herman Lammers Meyer und Rebel Bunch. Ronny Nash führt die Besucher auch bereits durch das Tagesprogramm. Am Abendpräsentiert die Band dann mit Rhythmus-Gitarre, Bass, Lead-Gitarre, Fiddle, Mandoline und vierstimmigem Gesang eine Mischung aus beliebten Country Classics, Bluegrass, Western Swing, Modern Country bis hin zu Country Rock. Seit mehr als 40 Jahren hat sich der Aschendorfer Hermann Lammers Meyer der Tradition der Country Music des amerikanischen Südwesten verschrieben. Sein Repertoire besteht nicht nur aus beliebten Klassikern des Genres, wie "Jambalaya" und "Good Hearted Woman", einen Großteil seines Bühnenrepertoires hat er selbst komponiert und getextet. Seine englischsprachigen Lieder "Above All" und "Moonshine Ladies" eroberten sogar in den USA Spitzenpositionen in den Radio Charts. Auch wurde er bereits mit einigen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2015 als Sänger des Jahres beim Deutschen Countrypreis. Die Band Rebel Bunch wurde im Jahr 2009 von Frontfrau Danah und Drummer Mike gegründet, zusammen mit weiteren Musikern erarbeiteten sich zunächst ein abendfüllendes und abwechslungsreiches Repertoire an Coversongs, nebenbei wurden eigene Songs geschrieben und produziert. Das zweite Album "Ready to ride", eine abwechslungsreiche Mischung aus Country und Pop wurde 2015 beim Deutschen Countrypreis als Album des Jahres ausgezeichnet. Der Eintritt ist frei, Beginn ist um 18 Uhr. SZ

Auf gerade einmal 20 000 Quadratmetern, "das ist unheimlich klein für einen Park", entstanden zwischen Lagerhalle, Tankstelle und einem Baumarkt Läden, Corrals, diverse Kneipen und ein Saloon, eine Goldgräberhütte, ein Gefängnis, sogar eine Kirche und ein eigener kleiner Friedhof - aus manchen steinbedeckten Gräbern ragten sogar noch die Stiefel der Unglückseligen hervor. In der Bank wechselte man seine D-Mark in bunte Nuggets, so hießen die Scheine, die hier als Zahlungsmittel galten, mit einer kleinen Bahn konnte man das Gelände umkreisen. Ein Mandan-Erdhaus baute Heinz Bründl eigens für einen Mann, der später einer der größten Stars der Westernstadt werden würde: Silkirtis Nichols alias Buffalo Child, einen amerikanischen Ureinwohner, der mit seinen Tänzen in dem nach Rauch und Erde duftenden Haus zwar auch die Kinder faszinierte - aber nicht nur. "In der Erdhütte sind die Frauen reihenweise umgefallen", erzählt Bründl. Am liebsten wären sie wohl in die Arme des 1,97 Meter großen Indianers gestürzt, der schon weit über 60 war, als er bei "No Name City" einstieg, was aber eigentlich niemand glauben konnte, der ihn zum ersten Mal sah. Als Nichols seinen 70. feierte, kam sogar Deutschlands beliebtester Indianer zu Besuch: Pierre Brice, der berühmte Winnetou-Darsteller. Später stieß einer zur Truppe, der Buffalo Child nach dem Ende von "No Name City" an Bekanntheit noch weit übertraf: Tommy Krappweis, der als Erfinder von "Bernd das Brot" und bei "RTL Samstag Nacht" große Erfolge feierte.

Überhaupt: Ein Händchen für Typen hatte der Erfinder von "No Name City". Dem gewaltigen, 400 Pfund schweren Willi Doss alias Willie Roy Bean als Sheriff stellte er den nur 99 Zentimeter großen Mehmet Arali alias Rattlesnake Joe an die Seite - schon allein, wenn die beiden zusammen auftraten, tobten die Besucher. Dabei erinnert sich Heinz Bründl noch gut, wie er Mehmet Arali bei seiner ersten Runde durch die Stadt auch in die Küche führte und ihm erläuterte, was da täglich so alles gekocht werde: Weil die Küchenmitarbeiter Arali hinter dem hohen Tresen gar nicht sahen, fürchteten sie um die geistige Gesundheit ihres Chefs, der plötzlich Selbstgespräche zu führen schien. Einen seiner Darsteller engagierte Bründl direkt vom Bahnhofskiosk weg, er schien ihm das richtige Aussehen für einen verwegenen Goldgräber zu haben. Ein anderer trug seinen Spitznamen "Mad Dog" wohl nicht ganz zu Unrecht.

Doch diese Zeiten sind lang vorbei, und ein bisschen staunt Heinz Bründl darüber, dass sie dennoch nicht vergessen sind: "Wahnsinn, dass das immer noch in den Köpfen rumspukt." Nostalgiker treffen sich heute noch einmal jährlich zum Revival am Poinger City Center. Anfangs war Heinz Bründl immer noch selbst dabei, ebenso wie ein paar Original-Darsteller aus "No Name City". Inzwischen mag er sich die Bretterfassaden und das Programm nicht mehr antun. Kein Wunder: Der Wilde Westen ist Heinz Bründl schließlich immer noch ganz nah - jeden Tag.

Über ihre gemeinsamen Erlebnisse in "No Name City" haben Heinz Bründl und Tommy Krappweis ein Buch geschrieben: "Vier Fäuste für ein blaues Auge" ist 2013 bei Knaur erschienen (ISBN: 978-3-426-78572-0).

  • Themen in diesem Artikel: