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Pliening:Wissenswertes über Sehenswertes

Klostersee Ebersberg aus Sqribe-App, Konrad Weinstock

Konrad Weinstock hat vor sechs Jahren begonnen, einen digitalen Reiseführer zu erarbeiten, mit geschichtlichen Informationen, aktuellen und alten Fotos wie etwa diesem vom Ebersberger Klostersee.

(Foto: Stadtarchiv Ebersberg/ Konrad Weinstock/oh)

Seit sechs Jahren arbeitet der Plieninger Konrad Weinstock an der kostenlosen App Sqribe, einem digitalen Reiseführer. Neben dem Initiator haben viele Archivare, Heimatpfleger oder Stadtführer Informationen zusammengetragen

In den fernen Osten wird Konrad Weinstock heuer wohl genauso wenig reisen wie in den wilden Westen. Da geht es dem Rentner und früheren Lizenzvertreter für zwei renommierte Reiseführerverlage, auch nicht anders als allen anderen, die das Reisen lieben. Wo man auch hinfahren wollte, Corona war schon da und hält die potenziellen Reiseziele in aller Welt besetzt. Innerhalb Deutschlands dagegen sieht es in dieser Hinsicht nach Stand der Dinge ganz gut aus, und so wird wohl mancher in diesem Jahr nach lohnenden Urlaubsadressen im Inland suchen, für den der Flieger sonst nicht weit genug in die Ferne fliegen konnte. Statt Maya-Tempel also nun vielleicht ein bayerisches Schloss, und als Ersatz für die Karibik die Weltenburger Enge? Tatsächlich liegt die Schönheit direkt vor der Haustür - wovon schon der erste Blick auf die von dem in Pliening lebenden Konrad Weinstock konzipierte Website Sqribe2go und die zugehörige App "Sqribe" eine Ahnung vermitteln.

Im Jahr 2014 hat der Rentner begonnen, an der App zu arbeiten, in die er all das einfließen lassen konnte, womit er sich selbst gern beschäftigt: Geschichte, Kunst und das Erkunden von Orten und Städten, auch solchen, die nicht in jedem Reiseführer an erster Stelle genannt werden. Gerade die kleineren Städte ab 20 000 Einwohner hatten es ihm von Anfang an angetan, Kreisstädte wie Ebersberg, Freising, Erding, Fürstenfeldbruck, Bad Tölz oder Starnberg mit ihren jeweiligen Landkreisen - um nur solche in der Region München zu nennen -, nahm er in seine Liste mit auf, aber auch Augsburg, Regensburg, Passau, Eichstätt oder Mühldorf, sowie Landkreise und Kommunen jenseits der bayerischen Landesgrenzen wie Ulm, Konstanz oder den Ostalbkreis. Da lässt sich ein Besuch im Buchheim-Museum am Westufer des Starnberger Sees per PC vorwegnehmen ebenso wie ein Ausflug in den Dachauer Hofgarten. Ein Video informiert über den Handel mit dem "Weißen Gold", dem Salz, am Zusammenfluss von Ilz, Donau und Inn in Passau, ein anderes über den Einfall der Schweden in Grafing oder den Rheintorturm im schönen Konstanz am Bodensee. Und apropos Buchheim-Museum: Von dessen Architekt Günter Behnisch, auch verantwortlich für das Olympiastadion in München, ist ein erstes Modell überliefert, aus Holzstäbchen, bespannt mit einem Damenstrumpf. Weinstock durfte es fotografieren und weil er die Stadt München auf vielfache Nachfrage in seine App aufgenommen hat, können es die Nutzer dort bestaunen, bevor sie sich vielleicht das Bauwerk in Natura ansehen.

Das Sqribe-Angebot wächst immer weiter und funktioniert ein bisschen "nach dem Prinzip Wikipedia": Es ist ein lebendiges System, in das sein Erfinder immer neue Fundstellen einarbeitet, oft auf Anregung von Usern, Archivaren, Heimatpflegern oder auch Stadtführern. Chroniken, Kirchenbüchlein - oder Merianhefte früherer Jahrgänge sind ihm ebenfalls Inspiration. "Und dann hab ich natürlich das Internet, oft gibt es da gerade zu Jubiläen so schöne Artikel." Von einem Archivar aus Nördlingen etwa habe er das Faksimileeines Abschiedsbriefs einer als Hexe verurteilten Frau bekommen. Ein ehemaliger Pfaffenhofener Geschichtslehrer, der sich nun als Stadtarchivar betätigt, "hat mir zwei große Ikea-Tüten mit Büchern mitgegeben." Wie fündig Weinstock auf all diesen Wegen geworden ist, zeigt die Startseite der Plattform, wo kleine bunte Fähnchen zusammen einen so dichten Teppich aus sehenswerten Punkten bilden - "sqribe Points of interest genannt" -, dass die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg darunter fast verschwinden.

Die Resonanz der Nutzer, die bisher nichts für den Dienst zahlen müssen, sei gut, berichtet Weinstock. Wenn er auch mit dem Bekanntheitsgrad von Sqribe-App und -Plattform noch nicht ganz zufrieden ist. Der Name setzt sich übrigens zusammen aus scribe", englisch für Schreiber, Chronist, und dem QR für Quick Response, wobei er von QR-Code-Tafeln an Gebäuden oder Denkmälern inzwischen wieder etwas abgekommen sei, sagt er. Oft seien die zugewachsen von Gesträuch oder zu hoch angebracht, erzählt er, "dafür haben wir aber eine Orientierungskarte". Im Gegensatz zu manchen bestehenden Angeboten biete seine App einen Mehrwert, weil sie geschichtliche Hintergründe mit vielseitigen Informationen zu Reisezielen zusammenfasse, Hinweise auf besondere schöne Stellen in der Natur gebe und Tipps für Restaurants und Unterkünfte, um nicht nur den Ansprüchen des Geists und des Gemüts, sondern auch jenen des Gaumens Genüge zu tun. Und der Reisende muss nicht warten, bis eine Museumstür oder eine Kirchentür öffnet, sondern kann sich schon vorher per Handy informieren, was ihn erwartet.

Und doch ist die App für den Plieninger bisher ein Minusgeschäft, außer seiner Heimatstadt Ulm hat bisher kaum eine Kommune finanzielle Unterstützung signalisiert. Er sei jetzt im Gespräch mit einem größeren Verlag, sagt Weinstock und hat auch die Idee, örtliche Anbieter wie Gewerbetreibende Werbung einstellen zu lassen. Wer einen werbefreien Zugang wolle, so seine Überlegung, könnte dafür einen kleinen Betrag bezahlen. "Wir wollen jetzt mal Flyer in Hotels verteilen, es muss ein bisschen angestoßen werden."

Wer nun seinen Stadtspaziergang nicht erst beim Einchecken ins Hotel zu planen beginnt, kann sich über Sqribe2go schon zu Hause am PC ein gutes Bild machen. Zieht man die Karte auf der Startseite der Plattform ein wenig auseinander, werden die einzelnen Punkte erkennbar: Fähnchen mit Pfeilen markieren Videos zu besonders markanten Punkten. Hinweise zu insgesamt 2800 Sehenswürdigkeiten in 35 Städten hat Weinstock inzwischen zusammengetragen, vielfach mit historischen Bildern belegt. Aktuelle Fotos macht er selber, ebenso wie die Texte, die über die Objekte informieren, weitere Städte sind in Arbeit. Die Filme kann man über die Plattform abrufen, über die App herunterladen und ist dann unterwegs unabhängig vom Handynetz. Und eine Verknüpfung zum Service-Dienst Tripadvisor macht eine direkte Buchung von Unterkünften möglich - wenn der Städtetripp nicht nur in den nächstgelegenen Landkreis führen soll.

© SZ vom 02.06.2020

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