bedeckt München 29°

Plädoyer für regionale Lebensmittel:"Wir brauchen bewusste Verbraucher"

Besuch am Bauernhof: Beim Pressegespräch des Erdinger Kreisverbandes des Bayerischen Bauernverbandes sagen die Landwirte, was sie stört

Von Philipp Schmitt, Isen

Am heutigen Freitag beginnt in Berlin die Grüne Woche, das jährliche Schaufenster der Agrarbranche. Der Erdinger Kreisverband des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) hat passend zu diesem Termin wieder zu einem Pressegespräch eingeladen, dieses Mal bei Zeno und Johanna Kern in Bachleiten bei Isen. Die beiden betreiben dort einen Hof mit 200 Tieren, Schweine- und Ferkel. Das Treffen am Mittwoch stand unter dem Motto "Raus aus den Redaktionen und rein in den Stall", der BVV wollte über die aktuelle Lage informieren - und auch ein mediales Gleichgewicht schaffen zu den Demonstrationen von Tierschützern, die in Berlin erwartet werden.

"Es gibt für uns Bauern derzeit viele Herausforderungen", sagte Hans Schwimmer, dessen 15-jährige Amtszeit als Kreisobmann des BBV im März endet. "Wir brauchen im Agrarsektor dringend stabile politische Rahmenbedingungen und langfristige Planungssicherheit - und keine zusätzliche Bürokratie." Mit Amtstierarzt Armin Mannl und Schweinezüchtern aus dem Landkreis waren sich Schwimmer und Kern einig, dass nicht ständig neue Anforderungen wegen Verbraucherwünschen, Umweltauflagen oder schärferen Tierschutzkriterien ohne preislichen Ausgleich an die Bauern gestellt werden dürften. Ansonsten würden weitere bäuerliche Existenzen vernichtet und das Nachwuchsproblem verschärft. Laut statistischem Landesamt gab es im Jahr 2015 im Landkreis 190 Betriebe mit 66 561 Schweinen, 1999 waren es noch 383 Betriebe mit 68 514 Schweinen.

Es ist einiges los auf dem Kern-Hof: Ferkel ducken sich in der Ecke des Stalls zusammen.

(Foto: Renate Schmidt)

Dass es im Schweinestall auf dem Kern-Hof große Fenster gibt und es dort sauber, hell und warm ist, davon konnten sich die Besucher beim Rundgang überzeugen: "So erzeugen wir regionale Lebensmittel auf hohem Niveau. Wir gehen verantwortungsvoll mit den Tieren um. Nur wenn sich die Schweine im Stall wohlfühlen und wir nachhaltig arbeiten, geht's uns auch gut", sagte Zeno Kern. Die Tiere könnten sich im Stall frei bewegen und Futter und Wasser zu sich nehmen, Ställe und Tiere würden jedes halbe Jahr vom Tierarzt begutachtet. Die Anforderungen an die moderne Schweinhaltung seien "in Deutschland sehr hoch, wir haben die am strengsten überwachten Lebensmittel auf der ganzen Welt", sagte der 56-Jährige, der seinen seit Generationen bewirtschafteten Hof vor drei Jahrzehnten auf Schweinehaltung umstellte. Er hofft nun, dass eine der drei Töchter den Familienbetrieb später weiter führen wird.

Damit der Nachwuchs nicht vergrault werde, hieß es am Mittwoch, müssten die Rahmenbedingungen verbessert werden, die Schweinebauern dürften nicht ständig bei unsicherer Markt- und Preislage mit zusätzlichen gesetzlichen Auflagen belastet werden - ohne Ausgleich. Aktuelles Beispiel sei die von Deutschland im Alleingang beschlossene neue Regelung bei der Betäubung der Ferkel bei der Kastration. Tierarzt Mannl räumte aber auch ein, dass die Nutztiere nach enormen Leistungssteigerungen in den vergangenen Jahren an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit angekommen seien. Milchkühe und Schweine müssten angemessen geschützt werden. Auch der Druck der Handelsketten und deren Marktmacht sowie ein sinkender Pro-Kopf-Fleischkonsum machten den Fleischerzeugern zu schaffen. Es sei deshalb die Frage, ob die Verbraucher - abgesehen von einer relativ kleinen Zielgruppe, die bereit sei, für qualitativ hochwertiges Fleisch aus der Region tiefer in die Tasche zu greifen - überhaupt noch regional produziertes Fleisch wollten. "In anderen Ländern wie in Frankreich hat Essen und haben Lebensmittel einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Die Menschen sind dort gerne bereit, mehr Geld für gute Nahrungsmittel auszugeben", sagte Mannl. Der Tierarzt aus Buch am Buchrain fügte an, dass der Tierschutz in vergangenen 15 Jahren einen enormen Stellenwert erhalten habe und inzwischen 40 Prozent der Arbeitszeit der Veterinäre beanspruche. Er sagte aber auch, dass zum Beispiel der Einsatz von Antibiotika reduziert werden müsse.

Johanna und Zeno Kern im Muttersauenstall: Sie waren am Mittwoch Gastgeber des Pressegespräches.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Fazit der Schweinezüchter: "Wir sind gerne Landwirte und bereit, uns zu verändern und den Verbraucherwünschen anzupassen." Der zusätzliche Aufwand für höchste Standards müsse aber bezahlt werden. "Deshalb brauchen wir den Rückhalt der Politik und der Verbraucher, die beim Einkauf auf regionale Lebensmittel statt billig verramschte Produkte setzen."

© SZ vom 20.01.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema