"Pioniergemeinde der Gemeindeentwicklung" Moderne trifft Tradition

Das neue, fast 3,8 Millionen teure Gemeindezentrum in Fraunberg kommt bei Bürgern, Mitarbeitern und sogar der Staatsregierung gut an. Eine der größten Herausforderungen war, das Gebäude in das historische Umfeld zwischen Schloss und Kirche einzubetten

Von Gerhard Wilhelm, Fraunberg

Es wird wohl letztlich rund 150 000 Euro weniger als die geplanten 3,8 Millionen Euro kosten, bietet fast 1500 Quadratmeter Nutzfläche und offenbar hat es sich fast jeder der rund 3700 Fraunberger jüngst beim Tag der offenen Türe nicht nehmen lassen, es zu besichtigen. "Zumindest hatte man den Eindruck, so viel Leute waren da", sagt Gemeindeamtsleiter Friedhelm Eugel. Alle wollten das neue Gemeindezentrum samt Rathaus und integrierter Volksbank sehen.

Von 2012, dem Planungsbeginn, bis zum Einzug im November 2016 hatte es gedauert, ehe die Rathausmitarbeiter aus dem beengen alten Rathaus in ihr neues L-förmiges Domizil unterhalb der Kirche umziehen konnten. So ganz ist es noch nicht fertig. Auch an den Tagen nach der offenen Türe waren noch Handwerker zu Gange. Auch das 200 Quadratmeter große Solardach mit einer Maximalleistung von 16 KW/p war beim Tag der offenen Türe noch nicht in Betrieb. Es ist fast unauffällig auf dem Dach des Vorplatzes installiert. Unauffällig deshalb, weil es keine klassischen Solarzellen sind, sondern Anfertigungen mit 60 Prozent Lichtdurchlässigkeit, wie Bürgermeister Johann Wiesmaier erklärt.

Die Stimmung der Rathausmitarbeiter nach dem Umzug ist fast euphorisch. "Wir fühlen uns pudelwohl", sagt Amtsleiter Eugel und ist sich sicher, dass er da im Namen aller Mitarbeiter spricht. Fünf der sieben Mitarbeiter mussten vorher in einem Raum arbeiten, "ein Kollege war mehr oder weniger nur in einem kleinen Kammerl untergebracht". Private Gespräche mit Kunden waren fast unmöglich, der Gemeinderat musste im Keller tagen.

Die Stilllegung einer landwirtschaftlichen Hofstelle in der Ortsmitte hatte der Gemeinde die Möglichkeit geboten, dort ein Grundstück zu erwerben. 2012 hat die Gemeinde mit der Planung begonnen, Ende Mai 2013 wurde ein alter Bauernhof, das Woitl-Anwesen, abgerissen. Die Grundsteinlegung erfolgte am 8. Mai 2014, der Spatenstich am 2. März 2015. Nach Fertigstellung des Gemeindezentrums soll noch ein Dorfplatz entstehen.

"Unser Ansatz war, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken", sagt Wiesmaier. Und deshalb hatte man sich nachträglich noch dafür entschieden, das Gebäude zu unterkellern. Die Räume im Keller wecken schon jetzt bei den Vereinen Begehrlichkeiten. "Es ist schon von Tanzkursen die Rede", sagt der Bürgermeister. Und auch die Projektgruppe Dorfchronik hat einen Wunsch: "Wir wollen im neuen Rathaus ein richtiges Gemeindearchiv erstellen".

Für Architekt Jakob Oberpriller war die größte Herausforderung die Einbettung in das historische Umfeld mit Schloss und Kirche. "Beide stehe für die frühere Ordnung, heute stehen die Bürger im Mittelpunkt. Und deshalb sollte das Gebäude auch mitten im Ort stehen", sagt der Architekt. Auf diese Nachbarschaft habe man auch bei der Gestaltung Rücksicht genommen. "Sie können an der freien Stelle im Ort kein total modernes Gebäude stellen", sagt Oberpriller. Bei der Bauausführung habe man aber auf eine zeitgemäße Umsetzung Wert gelegt, das Gebäude sei "großzügig und lichtdurchflutet" ausgelegt, "so dass man sich darin wohlfühlt", sagt der Architekt. Das neue Gemeindezentrum stehe symbolhaft für eine "selbstorientierte Bürgerkommune Fraunberg, die selbstbewusst in die Zukunft blicken kann." Am besten symbolisiere das der überdachte Marktplatz, der zum Versammlungs- und Veranstaltungsort werde. Fraunberg sollte als Standort der Verwaltung und Namensträger zum zentralen Ort der Gemeinde entwickelt werden, ohne die weiteren Hauptorte in ihren Funktionen zu beschneiden. Auch das Entstehen einer VR-Bank im Erdgeschoss nennt Wiesmaier "etwas Besonderes". "In einer Zeit, in der vielerorts Bankfilialen geschlossen werden, macht in Fraunberg eine neue auf", so der Bürgermeister.

Nicht alles lief beim Bau problemlos. "Ich kann meinen Chef nur bewundern für die Ruhe und Geduld, die er hatte", sagt Amtsleiter Eugel. Sein "Chef", Bürgermeister Wiesmaier, formuliert es anders: "Wir hatten einen sehr hohen Anspruch an die Architektur und Stimmigkeit." Und da habe es manchmal "eine Diskussion auf hoher Ebene" gegeben. Zum Glücke habe man beim Bau sehr gute Handwerksbetriebe gehabt. Bis auf einen aus Berlin, der für die Fliesen zuständig war. Das hat die Fertigstellung rund einen Monat verzögert. "Jetzt haben wir aber ein Gemeindezentrum, das seiner Zeit nicht voraus ist, aber zeitgemäß mit der digitalen Entwicklung geht", sagt Wiesmaier. Da zeigt auch ein großer Touchscreen-Bildschirm im Eingangsbereich, der das alte schwarze Brett abgelöst hat.

Pläne für die Zukunft gibt es auch schon: So schließt an den überdachten Platz der Bürgersaal mit 172 Quadratmeter Fläche und das Foyer an, das auch vielleicht mal als Bürgercafé genutzt werden kann. Das Rathaus ist als einbündige Anlage mit Westausrichtung der Büroräume organisiert - von jedem Büro aus ist das Schloss zu sehen. Das auf den Platz ausgerichtete Foyer ist für die Präsentation von Ausstellungen geeignet. Zudem wird erwogen, auf dem Platz freies Wlan anzubieten und irgendwann mal das Rathaus energetisch autark zu machen indem im Keller Stromspeicher für die Fotovoltaikanlage installiert werden. Auch eine Elektrotankstelle ist geplant. "Manches braucht seine Zeit, bis man erkennt, was wichtig ist", sagt Wiesmaier.

Fraunbergs Bürgermeister Johann Wiesmair.

(Foto: Renate Schmidt)

Es sei wichtig gewesen, den Schritt zu einer moderne Verwaltung zu machen, die in ihren alten Strukturen in vielerlei Hinsicht keiner Anforderung mehr standhalten konnte, sagt Wiesmaier. Das bisherige Rathaus, das ehemalige Schulhaus aus den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, lag etwas abseits. Zur Ortsmitte fehlte durch die dezentrale Lage der städtebauliche Bezug. Dort soll nun ein Kinderhaus mit Familienzentrum entstehen.

Wie sehr die Bürger sich eingebunden fühlen, zeigte am Tag der offenen Türe Heinz Kunisch aus Fraunberg. Dieser hatte Abbruchholz des ehemaligen Woitl-Anwesens aufgehoben und daraus ein künstlerisch wertvolles Kruzifix mit geschnitztem Korpus angefertigt. Es soll im Gemeindezentrum seinen Platz finden. "Ich hab mir halt gedacht, ich lebe in einer Mitmachgemeinde und darum habe ich mitgemacht", erläuterte der Künstler sein Engagement. Zuvor hatten schon Egon und Rita Lechner aus Maria Thalheim eine wertvolle Christusfigur aus der Barockzeit für den neuen Sitzungssaal gespendet. Ein Geschenk, das ausgezeichnet passe, da die Figur dem entspreche, was auch im Sitzungssaal gelebt werden soll, Tradition mit Moderne zu verbinden, sagt Wiesmaier.

Speziell für den Beschluss, Fraunberg zum Zentrum der Gemeinde mit einem modernen Verwaltungsgebäude auszubauen und den ländlichen Raum zu stärken, hat Fraunberg vor kurzem einen Staatspreis erhalten. Vor allem die direkte Nachbarschaft zu den historischen Gebäuden Kirche und Schloss und die Vereinigung der drei Funktionen Bank, Rathaus und Bürgerbereich wurden gewürdigt. Fraunberg sei eine "Pioniergemeinde der Gemeindeentwicklung"