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Pflegenotstand:Zu viel Bürokratie

Ausländische Pflegekräfte dürfen hier oft nur Hilfsdienste leisten

Von Gudrun Regelein, Freising

Natasa Runic kommt aus Bosnien. Dort hat sie ein Pflegemanagement-Studium abgeschlossen. In Deutschland werde das aber nicht anerkannt, erzählt die 26-Jährige, die seit etwa eineinhalb Jahren in Freising lebt. Noch immer muss sie hier trotz ihrer Qualifikation als Hilfskraft beim Pflegedienst der Caritas arbeiten. Obwohl sie inzwischen nach dem Besuch eines monatelangen Vorbereitungskurses eine sogenannte Kenntnisprüfung abgelegt und bestanden hat. Der Grund: Sie bekam nach der bestandenen Prüfung im August nicht gleich ihr Zeugnis. "Das kann bis zu drei Monaten dauern, wurde mir gesagt", erzählt Natasa Runic.

Im Pflegebereich werden händeringend Fachkräfte gesucht: Bis zum Jahr 2035 sind es laut jüngsten Prognosen etwa zusätzliche 175 000. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will den Beruf durch bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen aufwerten. Daneben setzt die Regierung auf mehr ausländisches Pflegepersonal - ein neues Einwanderungsgesetz für Fachkräfte ist geplant, das die Verfahren vereinfachen und beschleunigen soll. Noch aber sind die Hürden für die Arbeitsaufnahme in Deutschland vor allem für Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern hoch. Bis diese in Deutschland arbeiten können, vergehen oft Monate. Denn die Ausbildung des Bewerbers muss behördlich anerkannt werden und das dauert oft sehr lange. Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) forderte deshalb in der vergangenen Woche mit Blick auf den akuten Personalmangel einen Abbau der Bürokratie und Sofortprogramme für das Anwerben von ausländischen Fachkräften.

"Auch wir als Kreisverband haben dieses Thema auf dem Schirm", sagt Albert Söhl, Kreisgeschäftsführer des BRK. Auch im ambulanten Pflegedienst des BRK gebe es zwei eigentlich sehr qualifizierte Mitarbeiterinnen, die aber nur als Hilfskräfte arbeiten dürfen. Söhl kann das nicht nachvollziehen: "Die eine ist Philippinin und examinierte Krankenschwester. Das wird bei uns in Deutschland aber nicht anerkannt. Sie darf nicht einmal Medikamente richten." Die andere sei eine junge Tschechin, die in ihrem Heimatland sogar Pflege studiert habe. Aber dennoch darf auch sie nur als Hilfskraft arbeiten. "Wo sind wir denn, frage ich mich da", sagt Söhl empört und fordert, der Bürokratismus müsse abgebaut werden.

Natürlich müsse es Qualität in der Pflege geben, aber die Hürden, neue und qualifizierte ausländische Mitarbeiter einzustellen, seien oftmals viel zu hoch. Zeugnisse, Urkunden und Atteste müssen für die sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung ausländischer Abschlüsse vorlegt werden. Alles übersetzt und mit Stempeln der deutschen Botschaft versehen und dazu noch weitere Beglaubigungsschreiben des dortigen Gesundheitsministeriums. Dann muss auch noch ein Sprachtest abgelegt und eine Prüfung bestanden werden.

Fachkräfte aus dem Ausland decken allerdings schon jetzt einen immer größeren Teil der Arbeit ab. Nach Angaben der Bundesregierung waren im Juni 2017 etwa 133 000 ausländische Pflegekräfte in Deutschland tätig. Vor fünf Jahren waren es noch 79 000. Etwa die Hälfte kommt aus dem EU-Ausland, unter den Pflegekräften aus Drittstaaten kommt ein Drittel aus Ländern des Balkans.

Im Klinikum Freising macht sich der Mangel an Fachkräften im Pflegebereich vor allem auf der Intensivstation und im OP bemerkbar, berichtet Pflege-Fachbereichsleiter Josef Westermeier. Pflegekräfte aus dem Ausland kommen überwiegend aus dem osteuropäischen Raum und werden im Klinikum wegen der fehlenden Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpfleger als Pflegehelfer eingestellt. "Die Möglichkeit, die Anerkennung zu erlangen, wird von uns gewünscht und auch unterstützt. Beispielsweise durch Beteiligung an den Kurs- und Prüfungsgebühren", sagt Westermeier.

Heidi Kammler, Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Freising, befürwortet es grundsätzlich, wenn ausländische Pflegekräfte nach Deutschland kommen, um den Pflegekräftemangel zu lindern. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird in den kommenden Jahren noch stark steigen. "Wir müssen damit beginnen, uns um die notwendigen Pflegekräfte zu kümmern." Nicht alle könnten nur aus dem Ausland kommen.

© SZ vom 17.09.2018
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