Pfarrers Rainer S.Blick in den Abgrund

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Kriminalmagazin greift Dorfener Missbrauchsfall auf

Von Thomas Daller, Dorfen

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2010 wurde erstmals eine größere Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt. Seither bemüht sich die Kirche um eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Doch auch in der evangelischen Kirche hat es Missbrauchsfälle gegeben und deren Aufarbeitung geht nur schleppend voran. Die evangelische Kirche Deutschland (EKD) nennt selber eine Zahl von 480 bekannten Fällen seit 1950. Einer der spektakulärsten hat sich vor einem Vierteljahrhundert in Dorfen ereignet. In der aktuellen, dritten Ausgabe des ZEIT-Kriminalmagazins Verbrechen greift die Herausgeberin und stellvertretende Chefredakteurin Sabine Rückert den Fall des Dorfener Pfarrers Rainer S. wieder auf, der 15 Jahre lang seine pädophilen Neigungen an Konfirmanden ausleben konnte, darunter sieben Jahre in Dorfen. Am 6. März 1996 wurde er vom Landgericht Landshut nach einer Verhandlung, die nur einen Tag gedauert hatte und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, ausgesetzt auf Bewährung. Er musste sich einer Therapie unterziehen, das Gefängnis blieb ihm erspart.

Rückert war am Donnerstagabend im Neo Magazin Royale bei Jan Böhmermann zu Gast, wo sie über die Recherchen zum Fall des Dorfener Pfarrers sprach. Der Umstand, dass der Fall nicht öffentlich verhandelt wurde und Betroffene damals aus Scham schwiegen, führte seinerzeit dazu, dass über die perfiden Methoden, wie der Pfarrer die Kinder manipulierte, wenig bekannt wurde. "S. war kein Steinzeitmensch, der seinen primitiven Wallungen nachging", wird der Vater eines Konfirmanden in dem Artikel zitiert. "Er ist ein studierter Theologe, der tief in die Seelen eintaucht. Und er weiß genau, was er getan hat."

Das Charisma des Pfarrers ist den Eltern unbegreiflich, heißt es in dem Artikel, es hatte auf sie keinerlei Wirkung. "Den Pfarrer, den die erlebten, die nicht mit ihm übereinstimmten, hatte mit dem guten Freund der Kinder wenig Ähnlichkeit. " Pfarrer Rainer S., verheiratet und zweifacher Vater, verbringt viel Zeit mit den Konfirmanden, an Wochenenden fährt er mit ihnen auf Burgen und in Freizeitheime. Er hat es insbesondere auf ruhige, nachdenkliche und intellektuelle Jungen abgesehen, fast alle Gymnasiasten. Sie wurden seine Opfer, auch wenn sie als "die Prinzen" galten.

Gerüchte, dass sich der Pfarrer Konfirmanden aufdränge, wurden damals überlagert vom einem Streit um die neue "Versöhnungskirche, die S. gegen den Widerstand vieler Protestanten baute, die lieber an der kleinen Sebastianskapelle festhalten wollten. "Heute kommt den Dorfenern der ganze Kirchenstreit wie ein gigantisches Ablenkungsmanöver vor", schreibt Rückert. Umtriebigkeit und Angriffslust seien Teil seines infamen Systems gewesen.

Nach seiner Verurteilung wurde Rainer S. zu Verwaltungsarbeiten im Landeskirchenamt München eingesetzt; aufgrund seiner erfolgreichen Berufung konnte er nicht aus dem Kirchendienst entlassen werden. Er starb am 9. Oktober 2002 im Alter von 52 Jahren den Herztod in der Badewanne.

Der Artikel "Der verlorene Hirte" im ZEIT-Verbrechen-Magazin ist auch ein Stück Dorfener Zeitgeschichte. Das Magazin ist derzeit im gut sortierten Zeitschriftenfachhandel erhältlich. Die Reihe ZEIT Verbrechen ist zudem als Podcast abrufbar. Die Hörer gehen in die Hunderttausende.

© SZ vom 25.05.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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