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Persönlichkeitsstörung:Tobsuchtsanfall im Stadtpark

21-Jähriger Angeklagter griff Sanitäter, Polizei und Feuerwehr an und erhält dafür Jugendstrafe auf Bewährung

Der Anklagepunkt "Störung der Totenruhe", wie er auf dem Sitzungsaushang an Saal 1 des Amtsgerichtes stand, ist bei der Verhandlung gegen den 21-jährigen Angeklagten noch einer der geringfügigsten Vorwürfe gewesen. Schwerwiegender waren andere Punkte: Körperverletzungen, Beleidigungen und Bedrohung, und das gegen ehrenamtliche Helfer im Rettungsdienst und bei der Freiwilligen Feuerwehr sowie gegen Polizeibeamte, die ihn im Stadtpark in den Griff zu bekommen versuchten. Der junge Mann konnte am 23. Juli 2016 erst im Klinikum Erding medikamentös zur Ruhe gebracht werden. Amtsrichter Michael Lefkaditis verurteilte ihn zu einer Jugendstrafe von zehn Monaten - ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Zudem wurde ihm eine ambulante Psychotherapie zur Auflage gemacht , weil er unter einer Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen Zügen leide.

Für den Amtsrichter war der Angeklagte, der die meiste Zeit mit verschränkten Armen vor seinem Pflichtverteidiger saß, kein Unbekannter. Der 21-Jährige hatte schon mehrmals vor Gericht gestanden, unter anderem wegen Diebstahl und auch wegen Körperletzung, Bedrohung und Beleidigung. Bereits früher soll er gegen eine Jugendgerichtshilfe telefonische Morddrohungen ausgesprochen haben. Beim aktuellen Fall hatte die Staatsanwaltschaft sich auf die gravierendsten Vorfälle in jüngster Zeit beschränkt. Die Störung der Totenruhe fiel weg.

Der Angeklagte konnte nur einen Teil zur Aufklärung der Vorfällen an dem Abend im Juli beitragen, weil er sich an nicht mehr alles erinnern könne, wie er sagte. Als Hintergrund für seinen Ausraster gab er an, dass 2016 "kein gutes Jahr" für ihn gewesen sei. Zum Stress mit seiner Familie, vor allem mit dem Stiefvater, sei die Zwangsräumung seiner Wohnung und die schwierige Trennung von seiner Freundin gekommen. Am 23. Juli habe er mit ein paar Freunden im Erdinger Stadtpark seinen Geburtstag nachfeiern wollen. Er sei nach einem Jahr Alkoholabstinenz rückfällig geworden, man habe "ununterbrochen" getrunken. Die Gerichtsmedizin ermittelte zur Tatzeit bei ihm einen Alkoholpegel zwischen 1,37 und 1,71 Promille.

Laut den Aussagen der Zeugen, zwei Geschädigte, ein Rettungssanitäter und ein Polizeibeamter, spielte sich gegen 22.40 Uhr folgendes ab: Der Anklagte sei, nachdem er kurz weg gewesen sei, völlig verändert zurück gekommen und habe wie wegtreten gewirkt. Freunde brachten ihn zum Ausgang des Stadtparks und riefen einen Rettungswagen. Dort sah der Angeklagte sich offenbar von einem unbeteiligten jungen Mann, der mit Freunden auf einer Bank saß, "angemacht". Er stürmte auf ihn zu und sprühte ihm Pfefferspray in die Augen. Auch andere Personen in der Nähe bekamen etwas von der Substanz ab.

Ein Rettungssanitär fand mehrere Menschen mit geröteten Augen am Boden vor. Als er den Angeklagten an der Schulter berührte, um ihn zu fragen, ob er okay sei, habe der sich umgedreht und wollte ihm einen Faustschlag verpassen. Er habe sich gerade noch wegducken können. Danach verfiel der 21-Jährige erst richtig in Raserei. Selbst vier Männer von Feuerwehr und Rettungsdienst hätten Mühe gehabt, ihn am Boden zu halten. Als die Polizei eintraf, wiederholte sich das. Zunächst habe er sich ohnmächtig gestellt, um dann um sich zu schlagen und zu treten. Die Beschimpfungen seien "quer durch den Gemüsegarten gegangen", wie ein Beamter sagte. "Bullenschweine" sei noch eine recht harmlose Formulierung gewesen. Er habe gedroht, sie alle umzubringen. Selbst im Rettungswagen, in Handschellen und fixiert auf einer Liege, hätten ihn zwei Beamte festhalten müssen.

Der Staatsanwalt berücksichtigte den familiären Hintergrund und seine Persönlichkeitsstörung, sah aber wie Amtsrichter Lefkaditis "schädliche Neigungen". Zudem zweifelte er an der Schuldeinsicht des Angeklagten. Er habe sich bei keinem entschuldigt, sondern dem Rettungssanitäter Vorwürfe gemacht, dass er sich angeblich über ihn lustig gemacht habe, als er auf der Liege keine Luft bekommen habe. Weil er nun aber wieder eine Wohnung hat und einer Arbeit nachgeht, beließ es Lefkaditis bei der Strafe auf Bewährung. Weil er bemüht sei, sein Leben zu ändern, solle er diese Chance bekommen.