Süddeutsche Zeitung

Oberding:Der Kiosk am Notzinger Weiher wird 50

Inhaber Heinrich Link hat sich zusammen mit Ehefrau Gertrud einen Lebenstraum erfüllt. Nicht nur Badegäste schätzen Currywurst, Pommes, Kaffee und einen kurzen Plausch mit dem Wirt. Auch Firmenmitarbeiter verbringen gern die Mittagspause in dem Naturidyll auf Oberdinger Flur

Von Regina Bluhme, Oberding

Es ist kurz nach Mittag an diesem heißen Tag Anfang Juni. Am Notzinger Weiher herrscht Stille, nur das Schilf raschelt, Vögel rufen, die Tische am Ufer sind noch unbesetzt. "Einmal Currywurst, bitte" - der erste Gast ist da. Wie oft hat Heinrich Link wohl diesen Satz schon gehört? 50 Jahre führt er jetzt den Kiosk am Notzinger Weiher. Er hat das Haus selbst gebaut und unzählige Badegäste und Brotzeitkundschaft mit Currywurst, kühlem Bier, Pommes, Cappuccino, Kuchen oder Eis und einem freundlichen Ratsch versorgt. Ans Aufhören denkt der 71-Jährige nicht. "Solange es geht, mache ich weiter."

Wenn die Bestellung "Löwe" heißt, weiß Heinrich Link, was los ist: Ein kleiner Badegast will die singende Plüschfigur zum Spielen haben. Link hat gleich mehrere Stofftiere zum Ausleihen da. Auch die kleine Kundschaft liegt ihm am Herzen. "Mittlerweile kaufen bei uns Großmütter mit ihren Enkelkindern ein und erzählen ihnen, dass sie auch schon einen Lutscher hier als Kind gekauft haben", erzählt der Kioskbesitzer. Früher seien abends oft die Landwirte aus der Umgebung vorbeigekommen auf ein Bier, "aber erst nach halb Acht Abends nach dem Melken". Heute bedient er Badegäste und auch Mitarbeiter der umliegenden Firmen, die hier ihre Mittagspause einlegen. "Unsere Spezialitäten sind Reiberdatschi mit Apfelmus, Currywurst mit Pommes, Essigknödel, Wurstsalat, prima Fischsemmeln und nicht zuletzt unser bis weit über die Landkreisgrenzen hinaus berühmtes vom Wirt hausgemachtes Specksauerkraut", zählt Heinrich Link nicht ohne Stolz auf. Letztendlich sei es seiner Frau Gertrud und auch den beiden Töchtern zu verdanken, dass der Kiosk 50-jähriges Jubiläum feiern könne. Ohne Unterstützung der Familie ginge es nicht. Auch auf seine Kundschaft habe er sich immer verlassen können: "Wir haben es in den Jahren so weit gebracht, dass nach starkem Besuch nicht ein einziges Papierl auf den Liegewiesen rumliegt, auch Dank unseren treuen Stammgästen", sagt Link nicht ohne Stolz. Solange es geht, will er weitermachen.

Link, von Beruf Feinoptiker, hat das Haus am Notzinger Weiher 1971 selbst gebaut. "Ich hatte jeden Stein in der Hand." Ursprünglich wollte der Vater, ein gelernter Koch, dort etwas auf die Beine stellen, dann hat doch der Sohn übernommen. "Nun bin ich 50 Jahre lang am Kiosk am Notzinger Weiher, das ist in Deutschland wohl einmalig", sagt der 71-Jährige. "Ich bin schon ein Verrückter, aber das hier ist mein Lebenstraum". In der Saison fährt er täglich von Erding an den Weiher. Und auch sonst sieht er regelmäßig nach dem Rechten. Seit 1971 sei er somit insgesamt circa 300 000 Kilometer zum Kiosk gefahren, hat er ausgerechnet.

Ärger gab es schon auch. In 50 Jahren sei 70 Mal eingebrochen worden. Einmal habe der Dieb mit Hammer und Meißel ein Loch in die Wand geschlagen. Link zeigt mit dem Finger auf die hellgrüne Hauswand, wo die Spuren noch zu sehen sind, auch wenn er sie gut verputzt hat. "In den ersten Jahren haben sie alles geklaut, auch Geschirr und Besteck", später haben es die Diebe auf Zigaretten und Schnaps abgesehen. Beides hat Link nicht mehr im Angebot. Seither sei es leichter geworden. Der letzte Einbruch liegt zwei Jahre zurück.

Heinrich Link hat in seinem Leben schon viel ausprobiert. Er ist gelernter Feinoptiker, war mit 21 Jahren jüngster Betriebsrat in der IG Metall, führte später eine Disco in Neufahrn, dann die Wirtschaft Zum Holledauer in Erding. Anfang der 90er hat er ein Popcorn für Diabetiker erfunden und patentieren lassen. Mit seinem damals einzigartigem Produkt war er sogar auf dem Oktoberfest vertreten. Dort fand es solchen Absatz, dass er einmal sogar nachliefern musste: Mit dem Auto musst er quer über die Wiesn, "ein Wahnsinn". Das nächste Projekt war dann Biopopcorn. Bis vor zwei Jahren lieferte er bundesweit aus und jeden Monat zwei Paletten an einen Abnehmer in Taiwan. Reich sei er mit seinen Nebenjobs nicht geworden, räumt er ein.

Die Corona-Pandemie habe auch der Kiosk zu spüren bekommen, sagt Link, in der Saison im vergangenen Jahr ging ja kaum was. Doch 2017 drückten Heinrich Link noch größere Sorgen. Damals gab der Landkreis bekannt, dass er am Notzinger Weiher den Kreisjugendzeltplatz bauen will, inklusive einer gehörigen Umgestaltung des gesamten Areals. Link fürchtete um die Idylle und die Existenz. Es ging glimpflich aus. Pläne für eine Terrasse vor dem Kiosk, die das Schilfufer bedroht hätte, oder ein Wendehammer, dem Links kleinen Garten hinter dem Kiosk weichen sollte, waren bald vom Tisch.

2019 wurde der Zeltplatz am Notzinger Weiher eingeweiht. Der Kiosk ist weiter in Betrieb, die Lage hat sich entspannt. Mit dem Naturlehrpfad auf einem Teil der Liegewiese könne er leben, sagt Link heute. Die neue, reichlich große Toilettenanlage für die Badegäste findet er aber nach wie vor zu überdimensioniert, "so was finden Sie nicht mal in Cannes oder St. Tropez".

Mit dem Jugendzeltplatz in der Nachbarschaft - corona-bedingt noch nicht auf Vollbetrieb - hat er sich arrangiert. "Bisher tangiert er uns nicht", sagt Link. Reinhard Egger, als Geschäftsführer des Erdinger Kreisjugendrings zuständig für den Jugendzeltplatz, ist gerade mit seiner kleinen Tochter auf einen Ratsch vorbeigekommen. "Wir haben ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis", sagt Egger. Heinrich Link nickt. Beim Gehen dreht sich Eggers kleine Tochter kurz um. Das muss sie jetzt noch loswerden: "Hier gibt es echt die besten Pommes!"

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Quelle:
SZ vom 07.06.2021
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